Melina Deymann zum deutschen Umgang mit Corona

Lebensrisiko

Man werde nicht zulassen, dass das Coronavirus die deutsche Wirtschaft infiziere, tönte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Dienstag dieser Woche und kündigte „maßgeschneiderte“ Lösungen für Firmen in Not an. Dazu gehört unter anderem die Erleichterung beim Kurzarbeitergeld. So sollen zum Beispiel die Sozialversicherungsbeiträge komplett von der Bundesagentur für Arbeit übernommen werden.

Das Arbeitsministerium NRW reagierte mit einer Ausnahmegenehmigung auf die Hamsterkäufe der letzten Wochen. Das Verbot der Sonntagsarbeit soll gelockert werden, damit am Samstag nach Ladenschluss Bestellungen bei Großhändlern aufgegeben werden können und am Montag die Regale wieder voll sind. Die Menschen reagieren mit Hamsterkäufen, weil sie der Regierung und dem maroden Gesundheitssystem nicht zutrauen, mit einer sich ausbreitenden Epidemie umgehen zu können. Und die Reaktion der (NRW-)Regierung? Weitergehen, es gibt nichts zu sehen. Zumindest keine leeren Regale. Tatsächlich wirksame Maßnahmen zur Eindämmung werden nicht ergriffen. Fabriken schließen, das tut man doch nicht. Wo kommt man da denn hin? Nach China etwa?

In Italien verkündete der nun wirklich nicht als China-Freund verschriene Ministerpräsident Giuseppe Conte am Montag: „Ich bleibe zu Hause“ und erklärte das gesamte Land zur Sperrzone. Schulen, Universitäten, Kindergärten, kulturelle Einrichtungen und Sportstätten blieben geschlossen. Das öffentliche Leben soll mit wenigen Ausnahmen stillstehen. Zu den Ausnahmen gehört neben dem Einkaufen, Arztbesuchen und der Pflege kranker oder alter Angehöriger die Arbeit – aber nur, wenn nachgewiesen werden kann, dass die Anwesenheit am Arbeitsplatz dringend erforderlich ist. Was „dringend erforderlich“ bedeutet, stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht fest.

Egal, ob man die Situation um Corona nun so dramatisch einschätzt oder nicht, in Deutschland ist die Regelung klar. Der Deutsche Gewerkschaftsbund erklärt auf seiner Webseite, „die bloße Befürchtung, sich bei Verlassen der Wohnung möglicherweise mit dem Coronavirus anzustecken, genügt nicht, damit Sie der Arbeit fern bleiben dürfen. Denn eine nur potenzielle Ansteckungsgefahr – auf dem Weg zur Arbeit oder am Arbeitsplatz – gehört zum allgemeinen Lebensrisiko. Diese trägt jede und jeder Beschäftigte selbst.“ Also werden, zumindest für NRW (Stand Dienstag), alle Großveranstaltungen abgesagt, die Großveranstaltungen Fabrikarbeiten, Pendeln und Büro aber munter weiterbetrieben. Nicht, dass sich die Wirtschaft infiziert. Genutzt wird das Ganze von einigen schlauen Unternehmern, um mal flugs Homeoffice ohne Regeln einzuführen. Bleib zu Hause, deiner Gesundheit zuliebe! Dass das ohne Vereinbarungen zu Ein- und Ausloggzeiten schnell zum Arbeiten in der Freizeit mutiert, ist da bewusst einkalkuliert – wenn das Homeoffice tatsächlich der Erleichterung des Lebens von Angestellten dienen sollte, hätte man schon vor Jahren vernünftige Regularien einführen können.

Auch der DGB meint: „Der Coronavirus kann allerdings auch in Betrieben, in denen bislang kein Homeoffice möglich ist, Anlass sein, über entsprechende Regelungen nachzudenken und entsprechende Möglichkeiten zu prüfen, um die Auswirkungen von Ansteckung und Erkrankungen auf den Betrieb zu minimieren.“ Außerdem seien jetzt dringend Investitionen nötig. Auch er kommt nicht auf die Idee, das Zauberwort Arbeitszeitverkürzung mal in den Mund zu nehmen. Wenn Pendler zum Beispiel einen Tag weniger in der Woche Viren in die öffentlichen Verkehrsmittel husten, könnte der Eindämmung von Corona schon geholfen sein.

Aber das ist ja nur das persönliche Lebensrisiko. Es geht darum, die Wirtschaft nicht zu infizieren.

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Lebensrisiko", UZ vom 13. März 2020



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