Geschichte eines Gedenkens

Märzgefallene

Günter Gleising

Auch in dem gegenwärtigen Ausnahmezustand wurde und wird an die Opfer des Kapp-Putsches von 1920 erinnert. Am Denkmal der Märzgefallenen und Widerstandskämpfer in Bochum-Werne hat die VVN-Bund der Antitaschistinnen und Antifaschisten einen Strauß roter Rosen angebracht.
Ein Gedenken an die Märzgefallenen in Zeiten der Corona-Pandemie gab es außerdem in Dortmund und Wismar. (Foto: Privat)

Auch aus der Gemeinde Werne und dem Amt Langendreer im Osten des Bochumer Landkreises hatten sich viele, vor allem Bergleute und Eisenbahner, der Roten Armee angeschlossen. Bei Kämpfen in Wetter, Dortmund und Pelkum sind acht kämpfer gefallen oder standrechtlich erschossen und in Massengräbern oder auf den Friedhöfen in den einzelnen Gemeinden beerdigt worden. Die Arbeiter Tomaschewski und Ritzauer wurden von zeitfreiwilligen Soldaten der Akademischen Wehr Münster, die in Laer lagen, bei einer „Säuberungsaktion“ verhaftet und nach schwerer Misshandlung „auf der Flucht“ erschossen.

Gottlieb Thomaschewski und der Bergarbeiter Paul Garde wurden auf dem Kommunalfriedhof Werne beerdigt. Ein halbes Jahr nach den dramatischen Ereignissen vom März und April 1920 fasste die Gemeindevertretung Langendreer auf Antrag des Bergmanns Friedrich Lüttecke (USPD) den Beschluss, ein Denkmal für die „während des Kapp-Putsches Gefallenen“ zu errichten. Auf Kosten der Gemeinde sollten die Kämpfer in ähnlicher Weise geehrt werden wie die Toten des I. Weltkrieges. „Die Inschrift sollte lauten: „Im Kapp-Putsch gefallen“. Nach einiger Zeit und offensichtlich auch längeren Diskussionen wurde auf dem Kommunalfriedhof Werne das Märzgefallenen-Denkmal geschaffen und 1921 eingeweiht. Hinter den beiden Gräbern für Paul Garde und Gottlieb Tomaschewski steht der 1,5 Meter hohe Stein. Dargestellt werden vier Fackeln, deren Feuer sich zu einer Flammenkugel vereinen. Die Steininschrift lautet: „Das Leben nahmt ihr uns. Aber nicht den Geist. Andenken an die Freiheitskämpfer 1920. Sei Rebell. Auf zur Tat.“

Seit 1921 finden hier jeweils am letzten Sonntag im März die Märzgefallenen-Ehrungen statt. Zum Ende der 1920er Jahre waren die größten Teilnehmerzahlen zu verzeichnen. So beteiligte sich 1928 auch die KPD-Gerthe an der Kundgebung und zog mit einer Schalmeienkapelle zu Fuß nach Werne. Während der Nazizeit trafen sich Vereinzelte, um still der Märzgefallenen zu gedenken. Den großen Stein hatten Friedhofsarbeiter im Keller der Friedhofskapelle eingelagert, um ihn vor der Zerstörung durch die Nazis zu bewahren.

Etwa 1947 wurde er wieder aufgestellt und die Grabstelle mit zwei zusätzlichen kleinen Steinen rechts und links versehen. Unter den Überschriften „Im Kampf gegen Reaktion starben“ und „Im Kampf gegen Faschismus starben“ stehen neben den Namen von Tomaschewski und Garde, der Kämpfer gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch, auch die von Willi Grafenhain und A. Pawlowski aus Langendreer sowie der von Bruno Preus aus Werne, gefallen im spanischen Freiheitskampf Ende der 1930er Jahre. Auch die Namen der ermordeten Widerstandskämpfer gegen den Hitler-Faschismus Johann Stangel, M. Jendrewski und Heinz Ziessmer aus dem Bochumer Osten stehen auf den Steinen.

Die Tradition, der Märzgefallenen zu gedenken, ist hier bis heute erhalten geblieben. Als Ende der 1960er Jahre diese Tradition einzuschlafen drohte, ergriffen junge Gewerkschafter und Mitglieder der SDAJ die Initiative und riefen mit Infoständen und Flugblättern zur Teilnahme an der „Kundgebung am Mahnmal der Kämpfer gegen Reaktion und Faschismus“ auf. Auch die Friedensbewegung gab der Gedenkveranstaltung neue Impulse. Gelegentlich legte auch die SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung Bochum-Ost einen Kranz an dem Denkmal nieder. 2020 wollte die Bezirksbürgermeisterin Andrea Busche ein Grußwort halten. Wegen der Coronapandemie musste die Gedenkveranstaltung abgesagt werden. Das Denkmal wurde aber mit vielen Blumen geschmückt.

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"Märzgefallene", UZ vom 3. April 2020



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