Anfang der 1980er Jahre war Zache zwischen den beiden Sowjetrepubliken Georgien und Armenien unterwegs. Mit einem alten Bus ging es über gewundene Straßen auf über zweitausend Meter in den Kaukasus hinauf. Schon bald stieg eine Dampfsäule auf. Der Motor war überhitzt. Der Kühler verlor, wie sich herausstellte, durch eine Vielzahl von kleinen Dellen und Lecks ständig Wasser. Darum musste Kühlwasser nachgefüllt werden. In die hitzige Diskussion bei einem Halt mischte sich schließlich ein älterer Militärkraftfahrer ein. Gelassen erklärte er: „Не проблема. Мне нужна горчица.“ („Kein Problem. Ich brauche Mostrich.“)
Ungläubig, aber hilfsbereit holte Zache aus dem nahegelegenen Magasin einen Eimer, die für sowjetische Verhältnisse übliche Verpackungseinheit. Der Ex-Soldat füllte fast den ganzen Inhalt in den Kühlwassertank, drehte den Deckel fest und beschied den Busfahrer, dass nun alles in Ordnung sei und er weiterfahren könne. Tatsächlich: Der Bus kam ohne weiteren Stopp, wenngleich bei strömenden Regen, über den Berg an den Sewan-See.
Von solchen und ähnlichen Begebenheiten erzählt Manfred Zache, einst Stellvertreter des Chefarchitekten der DDR-Hauptstadt. In 80 Lebensjahren kamen exakt hundert Anekdoten zusammen, die viel über ihn, mehr aber noch über die verschiedenen Zeiten und die gesellschaftlichen Zustände mitteilen, über Haltungen und Überzeugungen. Wie sich in einem Wassertropfen die ganze Welt spiegelt, so erfährt man aus diesen kleinen, pointiert erzählten Geschichten oft mehr als in seitenlangen Abhandlungen.

Zache, Sohn eines Maurers und einer Schneiderin aus Frankfurt an der Oder, lernte Betonbauer und studierte an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Später wurde er Architekt und Stadtplaner beim Berliner Magistrat und 1971 Mitglied der Bauakademie der DDR. Er arbeitete in der DDR und im Ausland, konzipierte Städte in Libyen und hielt Vorträge in den USA. Einmal war er auch in Detroit, einst Sitz von General Motors, wegen des Niedergangs der Stahl- und Automobilindustrie inzwischen zum Rust Belt, zum Rostgürtel der USA, gehörend. Der Vertreter der Stadtverwaltung zeigte den Städteplanern aus Übersee ihre Überlegungen, wie man aus der Krise zu kommen hoffte: Schaffung von „Sensationen“ für den Tourismus und Gemüseanbau auf städtischen Flächen zur Versorgung der Ärmsten der Stadt. Interessant, aber keine Lösung zur Überwindung struktureller Probleme, befand Zache. Als der Gastgeber darauf verwies, dass vor hundert Jahren Detroit als „Motor City“ eine der reichsten Städte der Welt gewesen sei und die Deutschen nicht vergessen sollten, dass Detroit mit seinen Lieferungen von Fahrzeugen und Flugzeugen maßgeblich zum Sieg über den Faschismus beigetragen habe, ritt Zache der Teufel. Zum Entsetzen seiner Kollegen sagte er: „Wenn ich Sie richtig verstehe, gibt es folglich nur eine Lösung für Detroit: ein Krieg, mindestens ein Aufrüstungsprogramm.“ Das betretene Schweigen seiner Kollegen endete mit der Zustimmung des Amerikaners. „That’s right!“, sagte er und zeigte allen seine makellosen Zähne. „Nun war es an mir, betreten zu schweigen“, kommentierte Zache diese entwaffnende Offenherzigkeit.
Die wahrlich erhellende Geschichte gab den Titel für den ersten Band mit fünfzig solcher Anekdoten, die, als das Buch im Frühjahr 2026 erschien, sofort Lust auf fünfzig weitere machten. Der zweite Band ist soeben erschienen. Wie immer vom Autor illustriert, wozu hat er schließlich an der Kunsthochschule studiert?
Oft erzählt Zache von Begegnungen der Ost- mit den Westdeutschen. In scheinbar banalen Begebenheiten macht er sichtbar, wie zwei Kulturen und Weltsichten aufeinanderprallten. „Unmittelbar nach dem Fall der Mauer lud mich die Senatorin für Kulturelle Angelegenheiten Anke Martiny (SPD) nach Westberlin ein“, beginnt Zache eine seiner Geschichten, die er mit dialektischer Ironie „Vor der Mauer, aber hinterm Mond“ betitelte. „Nach dem Ende des Gesprächs bat die Senatorin zu einem gemeinsamen Dinner. Da sie mir vielleicht etwas Besonderes bieten wollte, erkundigte sie sich, ob ich schon mal Chinesisch essen war oder ob mich das überfordern würde.“ Dann sei man im Nobelschlitten in die Budapester Straße gefahren. Dort, im oberen Geschoss des Bikini-Hauses, befand sich das chinesische Restaurant Tai Tung, früher ein Treffpunkt für die Westberliner Prominenz. Willy Brandt, Günter Grass, Udo Jürgens und Harald Juhnke kehrten dort ein, wie auf den Fotos zu sehen war. „Die Senatorin und die westlichen Kollegen erklärten mir eifrig die Speisen auf der Karte und die Funktion des Drehaufsatzes auf dem runden Tisch. Sie ermunterten mich auch, ohne Scheu mir die gewiss unbekannten Speisen vom Drehteller zu nehmen, die mir genehm wären.
„Wie sich zeigte, war ich der einzige am Tisch, der mit Stäbchen aß. Das verwunderte die Kollegen. Vor allem, dass ich zielgerichtet damit nach den eigentlichen Delikatessen langte.“ Beiläufig ließ Zache fallen, dass es im Ostteil Berlins ein China-Restaurant gebe, dessen Personal vom Koch der chinesischen Botschaft geschult wurde. Und in der Botschaft der Volksrepublik, damals in Karlshorst gelegen, habe er auch schon manches Essen zu sich genommen. „Zhù wèikǒu hǎo“, sagte er, was so viel heißt wie „Ich wünsche guten Appetit“, und langte mit den Stäbchen nach einer gebratenen Seegurke.
Souveräner lässt sich Selbstbewusstsein kaum demonstrieren. Zaches Anekdoten sind unterhaltsame, informative zeitgeschichtliche Zeugnisse. Und höchst politisch.
Manfred Zache
Make Detroit great again
und
Kofferpacken und andere Geschichten
verlag am park in der edition ost, jeweils 130 Seiten, illustriert, 18 Euro







