Zum 130. Todestag von William Morris

Kunst, Revolution und der Traum von einer anderen Gesellschaft

Es ist 1890. Während Großbritannien sein globales Imperium aggressiv erweitert, sind seine heimischen Industrien zunehmend von weitreichend mechanisierter Produktion und wachsender Kapitalkonzentration beherrscht, das Industrieproletariat zunehmend von den Erzeugnissen seiner Arbeit entfremdet. Die Zeitung „The Commonweal“ (Das Gemeinwohl) beschreibt eine bemerkenswerte Utopie: London im Jahr 2102: Die Themse ist sauber, Arbeit eine Freude, „Profit“ und „Entfremdung“ sind vergessen. Autor ist der Sozialist William Morris. Der Titel: „Kunde von Nirgendwo“.

Morris ist einzigartig in der Geschichte der britischen Linken. E. P. Thompson nannte ihn einen „revolutionären Romantiker“, für den Schönheit und Gerechtigkeit zusammengehörten. A. L. Morton beschrieb „Kunde von Nirgendwo“ als „die erste Utopie, die nicht utopisch ist“ – im wissenschaftlichen Verständnis von Geschichte und Klassenkampf verwurzelt. In seinem Vortrag „Communism“ (1893) definiert Morris den Kommunismus so: Rohstoffe und Produktionsmittel „dürfen nicht in Privatbesitz sein, sondern müssen der Gemeinschaft gehören“. Er ist die einzig vernünftige Gesellschaftsform: „Jede andere Gesellschaftsform als der Kommunismus (ist) für alle, die ihr angehören, qualvoll und beschämend.“

Morris wurde 1834 in eine wohlhabende Familie geboren und wuchs umgeben von den Büchern und Gegenständen des viktorianischen Zeitalters auf. In Oxford entdeckte er die Schriften von Ruskin und Carlyle, die ihm die Degradierung der Arbeit im Industriekapitalismus eröffneten. Ruskins „The Nature of Gothic“ sah in der charaktervollen Steinmetzarbeit mittelalterlicher Kathedralen handwerkliche Freiheit, in der Präzision moderner Industrieprodukte dagegen die Versklavung. Als Morris später Marx’ „Kapital“ las, kommentierte er eine Stelle über die Arbeitsteilung: „Karl Marx“.
1883 trat Morris der Democratic Federation bei. Er hielt Vorträge, verkaufte sozialistische Zeitungen, wurde während des Kampfes für die Redefreiheit verhaftet und steckte sein Geld in den Kampf. „Abgesehen von dem Wunsch, schöne Dinge zu erschaffen“, schrieb er, „war und bleibt die leidenschaftlichste Neigung meines Lebens der Hass auf die moderne Zivilisation.“ Daraus erwuchs sein Wunsch, die Welt zu verändern.

„Ein Traum von John Ball“

Morris’ erstes großes sozialistisches Werk, „Ein Traum von John Ball“, erschien von November 1886 bis Januar 1887 als Fortsetzung in „The Commonweal“. Ein viktorianischer Sozialist erwacht in einem mittelalterlichen englischen Dorf am Vorabend des Bauernaufstands von 1381. Dort begegnet er Will Green, einem Freibauern, der fragt: „Wessen Mann bist du?“ Auf die Antwort „Niemandes Mann“ erwidert Green, dies sei zwar „nicht die Sitte Englands“, könne es aber eines Tages werden. Nach einem revolutionären Passwort erkennt er ihn als Verbündeten: „Nun, Bruder.“ Am Dorfkreuz hält John Ball die zentrale Predigt: „Fellowship is heaven, and lack of fellowship is hell“ (Gemeinschaft ist der Himmel, Gemeinschaftslosigkeit die Hölle). Die Bauern, so erklärt er, sind die wahre Kirche und der lebendige Körper der Menschheit. Die bestehende Gesellschaftsordnung zerstört jedoch die Bande zwischen den Menschen. Nach einem kurzen Kampf gegen die Männer des Sheriffs sprechen Ball und der Erzähler die ganze Nacht über die Zukunft Englands. Der Erzähler teilt Ball mit, dass der Aufstand scheitern wird, und beschreibt die folgende Welt: Lohnsklaverei, Industriekapitalismus und eine neue Tyrannei, in der „freie Menschen“ nichts besitzen als ihre Arbeitskraft. Morris fasst diese Dialektik prägnant: „Menschen kämpfen und verlieren die Schlacht, und wofür sie kämpften, wird trotz ihrer Niederlage verwirklicht.“ Jeder Sieg bringt neue Widersprüche hervor. Ball verzweifelt aber nicht: Wenn kommende Generationen weiter nach Abhilfe suchen, „dann zähle ich meine Mühe nicht für verloren“.

Die Bauern sind in dieser Erzählung aktiv: Will Green und seine Tochter erscheinen als lebendige, handelnde Subjekte. Das ist anders als in Morris’ „The Pilgrims of Hope“, wo er die Arbeiterklasse seiner Zeit nicht als Trägerin revolutionärer Energie darzustellen vermochte – ein in seiner literarischen Praxis ungelöster Widerspruch. Thompson zufolge zeigt sich darin auch eine historische Grenze: Morris vermochte die Arbeiterklasse seiner Zeit nicht als tatsächliche Trägerin der Revolution zu sehen, obwohl er sie theoretisch als solche begriff.

Nicht nur Ball, auch der Erzähler wird durch die Begegnung verändert. Beim Abschied empfindet er „einen großen Schmerz“ und wünscht, bei den Menschen bleiben zu können, die er kennengelernt hat. Nach Rückkehr ins viktorianische London denkt er an Balls Frage: „Welche Abhilfe, wenn nicht, dass sie befreit werden?“ Der letzte Austausch – „Du bist mir ein Traum gewesen, wie ich dir“ – verdeutlicht, wie Vergangenheit und Zukunft einander erhellen. Der Erzähler zeigt Ball die Grenzen seines Aufstands, Ball ihm den fortdauernden Kampf. Der Traum eröffnet einen anderen Blick auf Freiheit, Gemeinschaft und historische Möglichkeit. Die Verwandlung des Erzählers zeigt, dass historisches Verstehen den Betrachter selbst verändert: Vergangenheit zur Gegenwart zu machen, heißt, von ihr beunruhigt zu werden.

Der Traum von der Zukunft

Während „John Ball“ in die Vergangenheit blickt, um Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen, imaginiert „Kunde von Nirgendwo“ diese Zukunft konkret (die serialisierte deutsche Übersetzung von Natalie Liebknecht und Clara Steinitz erschien bereits 1892/93 in „Neue Zeit“). Ein viktorianischer Sozialist erwacht in einer verwandelten Welt: Die Themse ist sauber, Fabriken und Werkstätten sind verschwunden, selbst die Brücken sind zu Kunstwerken geworden. Als er zu Beginn des Traums dem Fährmann Dick Geld anbietet, weist dieser es als „lästigen und umständlichen Brauch“ zurück. Die Verbindung von Geld, Arbeit und Verpflichtung existiert nicht mehr. Auch die Arbeit selbst ist neu organisiert. Die Straßenbauer „lachten und plauderten lustig miteinander“: Arbeit ist nützlich, gemeinschaftlich und macht Freude. Morris hebt die Trennung von Arbeit und Leben auf: „Arbeit ist doch die höchste Wonne!“ Darin verwirklicht sich sein Ideal der „Kunst, Dinge gut zu machen“.

Die Freude an der Arbeit ist ökonomisch begründet: Hier wird für den Gebrauch produziert. „Nichts kann gemacht werden, außer für den wirklichen Gebrauch.“ Die kapitalistische Verschwendung – nutzlose Luxusgüter und minderwertige Waren – entfällt. Ohne Privateigentum an den Produktionsmitteln wird Arbeit nicht mehr entfremdet, sondern schöpferisch.

Morris’ Vision von Gleichberechtigung ist in die Utopie integriert. Die Frauen sind stark, gesund und selbstbewusst und arbeiten mit Männern auf den Feldern oder als Steinmetze. Hausarbeit bleibt zwar überwiegend mit Frauen verbunden, ist jedoch von Mühsal und wirtschaftlicher Abhängigkeit befreit. In der Erzählung erklärt der alte Hammond die Unterdrückung der Frau aus ihrer ökonomischen Abhängigkeit: Frauen mussten heiraten, um zu überleben. In Nirgendwo entfällt diese Notwendigkeit: Die Ehe ist keine rechtliche Institution mehr und wird zur freien Verbindung, Mutterschaft geehrt, und die materielle Sorge um die Kinder entfällt.

Hammond berichtet dem Erzähler auch die Geschichte dieser verwandelten Gesellschaft. Die Revolution war keineswegs friedlich: Sie umfasste Klassenkonflikt, Generalstreik, Massaker am Trafalgar Square und Bürgerkrieg – „Krieg von Anfang bis zu Ende, bitterer, grimmiger Krieg“. Die neue Gesellschaft entsteht aus gewaltsamer Überwindung der alten.

Morris’ Utopie ist keine Welt ohne Leid. Trauer und Verlust bleiben bestehen, doch die Menschen leben nicht länger unter den „schmutzigen, abscheulichen“ Zwängen kapitalistischer Produktion. Im Zentrum stehen Freiheit, Gemeinschaft, Handwerkskunst und Lebensqualität. Wie Morton betont, liegt ihre Stärke weniger in der Überzeugungskraft jedes Details als in ihrem Sinn für „historische Entwicklung“ und der Vorstellung einer klassenlosen Gesellschaft. Deutlich zeigt sich dies auch auf der Reise des Erzählers die Themse hinauf nach Kelmscott, Morris’ Wohnhaus, wo seine geliebte Landschaft von den Vulgaritäten bürgerlichen Profitstrebens befreit erscheint. Doch der Erzähler kann nicht bleiben. Allmählich wird er für seine Gefährten unsichtbar; Ellens „traurig sehnsuchtsvoller Blick“ erinnert ihn, dass er einer anderen Zeit angehört.

Ellens Abschied verleiht dem Traum politische Kraft: Der Erzähler soll in seine eigene Zeit zurückkehren und „Stein auf Stein zu dem großen Bau der Genossenschaft des Friedens und des Glückes“ schichten. Die Zukunft wird zum Maßstab der Gegenwart und zum Antrieb politischen Handelns. Anders als die ältere utopische Tradition präsentiert Morris seine Gesellschaft als historisch mögliche Zukunft, die aus kollektivem Kampf hervorgehen kann.

Nach „Nirgendwo“ kehrte Morris nicht mehr zur literarischen Beschäftigung mit zeitgenössischen Klassenkämpfen zurück; spätere Prosawerke entführen in mythische Welten. Das Kapitel „Wie der Umschwung kam“ bleibt die einzige ausführliche Darstellung des revolutionären Prozesses als Bewegung der Massen. Sein ästhetischer Blick auf die Arbeiterklasse der Gegenwart blieb begrenzt.

Sozialismus

Morris lehnte Hyndmans Autoritarismus ab und wies sowohl Anarchismus als auch Parlamentarismus zurück. Reformen wie den Achtstundentag hielt er für „nutzlos“, wenn sie die Revolution ersetzen sollten, weil sie „nur unorganisierte Teilrevolten“ seien. Revolution war für Morris materiell notwendig: Die herrschende Klasse würde ihre Privilegien nicht freiwillig aufgeben. Engels respektierte Morris’ sozialistisches Engagement, kritisierte jedoch sein politisches Urteilsvermögen, insbesondere seine anfängliche Nachsicht gegenüber der anarchistischen Fraktion der Socialist League. Morris selbst hielt an der Unterscheidung zwischen Sozialismus und Anarchismus fest und erkannte, wie Thompson bemerkt, aus seinen Erfahrungen: „Anarchismus (ist) unmöglich.“

Besonders deutlich zeigte sich Morris’ Gegenposition in seiner Kritik an Edward Bellamys „Looking Backward“ („Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887). Dessen „Staatskommunismus“ lehnte er als „riesige nationale Zentralisierung“ ab, die Bürger zu passiven Empfängern mache, statt zu aktiven Gestaltern ihres Lebens. Wahrer Kommunismus bedeutete für Morris Dezentralisierung, die Auflösung des Staates und eine von Kunst erfüllte Gemeinschaft. Kunst war kein Luxus, sondern Ausdruck und Mittel menschlichen Glücks; Arbeit sollte aus sich selbst heraus Freude bereiten. Wo Bellamy ein perfektioniertes Boston entwarf, imaginierte Morris eine Gemeinschaft, in der Arbeit „höchste Glückseligkeit“ bedeutete und der Gegensatz zwischen Stadt und Land aufgehoben war. Marx’ historischer Materialismus war bei Morris durch Ruskin und eigene ästhetische Sensibilitäten gefiltert.

In „How I Became a Socialist“ (1894) reflektiert Morris seinen Werdegang: Zunächst „völlig unwissend über Ökonomie“, wurde er durch Geschichtsstudium und Kunstliebe zum Kritiker moderner Zivilisation. Marx las er erst später und mühte sich durch die „reine Ökonomie“ des „Kapital“. Seine Überzeugung erwuchs aus der unmittelbaren Erfahrung der Hässlichkeit und Ungerechtigkeit der viktorianischen Gesellschaft sowie aus der Einsicht, dass eine andere Gesellschaft möglich war. „Metaphysik und Religion sowie wissenschaftliche Analysen“ kümmerten ihn wenig, doch er war erfüllt von „einer tiefen Liebe zur Erde und zum Leben auf ihr“.

Künstlerische Praxis

Für Morris war die Werkstatt ein Laboratorium sozialistischer Praxis: Sie sollte „freudige und schöpferische Arbeit“ ermöglichen und damit Bedingungen künstlerischer Arbeit wiederherstellen, die der Kapitalismus zerstört hatte. Entsprechend organisierte er die Produktion nach kommunistischen Prinzipien: mit hohen Löhnen, selbstbestimmtem Arbeitstempo, Gärten für die Handwerker und der Aufhebung der Trennung zwischen Entwurf und Ausführung. Seine organisch wachsenden Muster standen gegen die Verkümmerung der Sinne. Lehrlinge bildete er nach dem Grundsatz aus, jeder trage das Zeug zum Künstler und Handwerker in sich. Thompson zufolge wäre „niemand, der für Mr. Morris gearbeitet hatte, freiwillig in eine andere Werkstatt gegangen“. Seine Tapeten, Stoffe und Bücher wurden so zum Ausdruck einer Produktionsweise, die die Abschaffung des Lohnsystems vorwegnahm: im Kapitalismus, aber gegen ihn.

Diese Frage durchzieht Morris’ gesamtes Werk: Was macht das Leben lebenswert? Seine Antwort verknüpft soziale und ästhetische Anliegen. In „Ein Traum von John Ball“ entstehen Gemeinschaft und Freiheit aus dem Kampf der arbeitenden Menschen; in „Kunde von Nirgendwo“ werden sie zu Grundlagen einer Gesellschaft, in der Arbeit Freude bereitet und Dinge mit Sorgfalt hergestellt werden. Seine Kritik an „Verschwendung und Gier“ verleiht dieser Vision zudem eine ökologische Dimension. Beide Traumvisionen fragen letztlich, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen frei arbeiten, gemeinschaftlich leben und Freude an der Schönheit und Nützlichkeit ihrer Welt finden können – und wie eine solche Gesellschaft verwirklicht werden kann.

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"Kunst, Revolution und der Traum von einer anderen Gesellschaft", UZ vom 2. Oktober 2026



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