Heidrun Hegewald ist eine realistische Malerin. Das „realistisch“ ist zu erklären, da mit diesem Wort viele Missverständnisse verbunden sind und damit auch viel Schindluder in den linken Kunstdebatten getrieben wurde. Realistische Kunst ist nicht gleichzusetzen mit gegenständlicher oder figurativer Kunst, obwohl sich die menschliche Figur kaum aus der realistischen Darstellung der Wirklichkeit vertreiben lassen wird. Der realistische Künstler darf jedoch keine „Abziehbilder“ der Wirklichkeit produzieren, wie der Maler Hans Grundig zu sagen pflegte, sondern er muss mit seinen Bildern etwas offenlegen, was durch bloßes Anschauen der Realität nicht zu erkennen ist. Brecht erklärte es 1931 folgendermaßen: „Die Lage wird dadurch so kompliziert, dass weniger denn je eine einfache ‚Wiedergabe der Realität‘ etwas über die Realität aussagt. Eine Fotografie der Kruppwerke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die Letzteren nicht mehr heraus. Es ist also tatsächlich ‚etwas aufzubauen‘, etwas ‚Künstliches‘, ‚Gestelltes‘. Es ist also ebenso tatsächlich Kunst nötig. Aber der alte Begriff der Kunst, vom Erlebnis her, fällt eben aus. Denn auch wer von der Realität nur das von ihr Erlebbare gibt, gibt sie selbst nicht wieder. Sie ist längst nicht mehr im Totalen erlebbar.“ (Bertolt Brecht: Der Dreigroschenprozess – Ein soziologisches Experiment)
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Es ist also Kunst nötig. Aber wie entsteht ein realistisches Kunstwerk? Alles beginnt mit einem Subjekt, das die Welt sinnlich in sich aufnimmt und diese Wirklichkeitserfahrung rational und ethisch verarbeitet. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist aber nicht passiv, das Subjekt ist kein Spiegel, sondern erzeugt aktiv seine Wahrnehmungsfähigkeit, aufbauend auf seinen Erwartungen über das „Außen“, und filtert damit auch die Reize und Signale seiner Umwelt. In seinem Inneren erzeugt das Subjekt eine Vorstellung von der Welt inklusive seines Selbst in dieser Welt. Der Künstler nun – an sich also schon ein Wahrnehmungsspezialist – setzt als Folge dieses Prozesses wiederum ein Bild aus sich heraus, welches einen Teil seiner Weltvorstellung, seines Weltbildes darstellt und somit eine Erkenntnis über die Wirklichkeit verkörpert, ein Urteil abgibt. Nebenbei bemerkt ist Realismus in der Kunst damit natürlich auch kein Stil, sondern eine Haltung. Das Kunstwerk selbst ist dann wieder Teil der Wirklichkeit, mit dem sich ein Betrachter beschäftigen kann. Ein solcher Betrachter ist wiederum ein Subjekt mit seiner ganz eigenen Weltvorstellung, die mit dem Bildwerk des Künstlers in Beziehung tritt. Inwieweit sich dort Berührungspunkte ergeben, wie und woraus das betrachtende Subjekt Bedeutungen bildet, das kann das Bild (und damit auch sein Schöpfer) nicht bestimmen. Der Reichtum dieser Beziehung hängt vom inneren Reichtum des Betrachtenden ab. Vermittelt über eine Reaktion dieses Betrachters kann dann der Künstler die Wirklichkeit beeinflussen. Treten beide Subjekte in direkte Interaktion, schließt sich ein Kreisprozess – ein Dialog beginnt.
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Heidrun Hegewald als bedeutendste Realistin der DDR-Kunst zu bezeichnen – was ich hiermit tue –, ist, an diese Gedanken anknüpfend, nicht nur eine Frage von kunstimmanenten Qualitätskriterien – die es gibt –, sondern ihrer besonderen Beziehung zu den Betrachtern ihrer Werke. Sie selbst beschrieb dies bei einem Podiumsgespräch beim UZ-Pressefest im August 2022 in der Maigalerie der junge Welt so: „Wir hatten in der DDR ein Publikum, ein Publikum, das es in der Geschichte nie gegeben hatte, und ein Publikum leider, das es nie wieder geben wird, außer wir hätten mal wieder Sozialismus oder Ähnliches. (…) Aus dieser Erfahrung mit diesem besonderen Publikum habe ich für mich einen Begriff gemacht: Wir arbeiten mit dem ‚dialogischen Prinzip’. Dieses dialogische Prinzip war für mich ganz wichtig. Ich bin in meiner Arbeit darauf angewiesen gewesen: Wenn ich meine Bildidee formuliert habe, da wusste ich noch lange nicht, ob das jemand versteht, ob das in diesen Zeitpunkt hineinpasst, ob mir das abgenommen wird, ob man mich beschimpft oder ob man mit mir mitgeht. Und dann waren diese Begegnungen mit dem Publikum immer ein Erlebnis, auch ein Aha-Erlebnis, worauf man dann auch aufbauen kann. Und diese kulturell-geistigen Inszenierungen, die wir hatten, wie die Bezirkskunstausstellungen, die großen Kunstausstellungen in Dresden, die haben uns gesichert, dass wir dem Publikum begegnen. Und dieses Publikum, das haben wir herausgefordert, und wir haben es ihm auch nicht leicht gemacht. Wir – nicht alle, aber wer es wollte und es konnte – haben thematisch anspruchsvoll gearbeitet, haben die Mythologien und auch christliche Ikonografie in Anspruch genommen. Nun hätte man sagen können: Ist das nicht eine Überforderung? Nein, es war ein so wissbegieriges Publikum, und ich habe mich diesem Publikum gestellt, deshalb weiß ich auch, worüber ich rede. Ich habe auch in Dresden Führungen gemacht. Und wenn man immer sagt, na ja, nach Dresden, man hat die Werktätigen mit dem Bus dorthin gebracht, als organisierte Kulturveranstaltung: ja, aber sie sind wiedergekommen, sind wiedergekommen, sie sind wiedergekommen. Sie haben Fragen gestellt, sie haben gelernt, und beim nächsten Mal wussten sie noch besser zu fragen.“ Und Hegewald ergänzt: „Und dieses Publikum nicht mehr zu haben, das nimmt mir so viel Sinnbezug, so viel Sinnbezug in meiner Arbeit und meinem Leben.“
Wir hatten in der DDR ein Publikum,
was es in der Geschichte nie gegeben hatte,
und ein Publikum leider, was es nie wieder
geben wird, außer wir hätten mal wieder
Sozialismus oder Ähnliches.“
Einmalig für einen DDR-Künstler dürfte im Falle Hegewald auch die intensive schriftliche Korrespondenz sein, die sie mit diesem speziellen, „ihrem“ Publikum pflegte: „Ja, ich habe Aktenordner voll. Diese Menschen hatten überhaupt keine Scheu, die haben sich auch nicht gefragt, bin ich bildungsmäßig jetzt am richtigen Platz. Sie haben sich einfach geöffnet. Sie haben sich mitgeteilt … das wäre eigentlich interessant, kulturpolitisch interessant, was das für eine Offenheit, was das für eine Wissbegierde war, mit denen diese Menschen sich genähert haben. Wir Künstler waren in der DDR ein Forum – zumindest wer sich dem gestellt hat, bitteschön, ich habe es gemacht. Wir haben auch auf politische Fragen geantwortet. Also, es war ein Prozess. Es war nicht nur, man malte ein Bild und stellt es aus, sondern es war ein gemeinsamer Prozess, ein Dialog eben. Und das fehlt mir sehr, denn wir haben keine Ware produziert, sondern wir haben den geistigen Anstoß für diese Prozesse gesetzt. Ware zu produzieren, bedeutet von Anfang an, von sich weg zu arbeiten, in ein Wertesystem, das nicht wertend war, sondern preisbildend ist. Und in dieses System habe ich nie hineingearbeitet und möchte ich auch nicht hineinarbeiten.“ Die „Wende“ war ein dementsprechend tiefgreifender Einschnitt, für die Künstlerin eine echte Zeitenwende: „Ich habe die Konsequenz gezogen, ich habe 25 Jahre als Arzthelferin gearbeitet, von 1993 bis zu meinem 79. Lebensjahr, um diesen Fragen aus dem Weg zu gehen. Es war eine Existenzfrage, natürlich.“
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Hier sind einige biografische Fakten am Platze, wobei ich sogleich auch auf die Homepage der Künstlerin verweisen möchte (heidrun-hegewald.de), auf der neben Bildwerken auch tiefschürfend-sprachgewaltige Texte von ihr zu finden sind. Heidrun Hegewald wird am 21. Oktober 1936 in Meißen geboren, die Kindheit und Jugend verbringt sie in Dresden. In der Nacht vom 13. auf den 14. August 1945 erlebt, durchlebt sie den Dresdner Feuersturm. Hegewalds Schilderung dieser Nacht in ihrem 2011 erschienenen Buch „Ich bin, was mir geschieht“ gehört zu den eindrücklichsten Schilderungen, die ich kenne. Sie sagt dort auch: „Ich habe meine Kindheit an den Krieg verloren.“ Und heute muss sie wieder gegen die neue Kriegslust anreden. Hegewald geht 1955 zum Studium nach Berlin, sie beginnt in der Modegestaltung an der Ingenieurschule für Bekleidungsindustrie und wechselt dann an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wo sie unter anderem beim legendären Arno Mohr Grafik studiert. Seit 1960 ist sie freiberuflich als Illustratorin und Buchgestalterin tätig; 1965, 1966 und noch einmal 1988 gestaltet sie „Eines der schönsten Bücher des Jahres“. 1971 bis 1974 ist sie Meisterschülerin an der Akademie der Künste der DDR bei Werner Klemke und zeitgleich auch Gasthörerin bei Wolfgang Heise in Geschichte der Philosophie und Ästhetik an der Humboldt-Universität. 1980 ist Heise ihr Laudator beim Empfang des Max-Lingner-Preises der Akademie. Hegewald ist von 1972 bis 1988 an den Kunstausstellungen der DDR in Dresden mit Gemälden beteiligt, die jeweils zu den meistdiskutierten der Ausstellung gehörten, zu nennen wären u. a. „Kind und Eltern“ (1976, heute in der Nationalgalerie Berlin), „Die Tanzmeister, ein Bild über die falschen Töne (1980/81, gemalt für das Gewandhaus Leipzig) oder „Kassandra sieht ein Schlangenei“ von 1981, das vom Kunstarchiv Beeskow bewahrt wird und zur Zeit (bis 27. September) in der Berliner ifa-Galerie zu sehen ist.
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Nach dem Verlust des Ateliers in den „Nachwendewirren“, der Zerstörung einiger ihrer Werke durch sie selbst und Aufnahme der „existenzsichernden Tätigkeit“ entstehen nur noch wenige große Bilder. Aber Heidrun Hegewald kämpft weiter unermüdlich gegen geistige Trägheit und Indifferenz, von denen sie früh die Gefahren eines Hineintaumelns in eine neue Kriegslust erahnt. Sie kämpft mit Texten, Lesungen und Diskussionen – auf der Suche nach dem alten, neuen Publikum. Ihr Fixstern und Verbündeter im Geiste ist der Philosoph Günther Anders (1902 – 1992). In unserem Pressefestgespräch sagt Hegewald: „Günther Anders – ein wunderbarer Denker, dem ich ganz verfallen bin –, der ist der Ansicht, dass die Menschen ‚Analphabeten der Angst‘ sind. Er warnt nicht vor der Angst, sondern er betet darum, dass wir Angst haben sollen. Und dieser Mann schreibt und spricht alles unter der Bombe. Die Bombe ist überall, und er nennt sie den blutenden Mond. Er hat das Buch geschrieben ‚Hiroshima ist überall‘. Und das ist ein Satz, der uns in der heutigen Situation Gänsehaut machen muss. Und diese Angst, die schafft Abwehr, wenn wir sie haben, wenn wir sie nicht verdrängen oder vernichten, und sie lässt uns durchschauen. Er sagt auch, die Menschen sind ‚apokalypseblind‘ – sind wir das jetzt? (…) Und Günther Anders (…) meint, dass wir nicht nur nicht wissen, was wir herstellen, sondern dass wir auch nicht wissen, ob wir das dürfen. Also wir sind dem nicht mehr gewachsen, was wir tun.“
Aktuell sind Arbeiten von Heidrun Hegewald anlässlich ihres bevorstehenden 90. Geburtstages in der Galerie Gesellschaft Berlin zu sehen. Die gut besuchte Ausstellung ruft bei „naiven“ Betrachtern, die derartige Kunst offenbar nicht gewöhnt sind, zum Teil starke Reaktionen hervor; manche Besucher fliehen regelrecht nach einem kurzen Rundblick. Aber andere bleiben, und kommen wieder, und gestern hörte ich einen jungen Mann seiner ebenso jungen Begleiterin zuflüstern: „That is serious!“ (etwa: „Das ist wirklich relevante Kunst!“).
Vor 20 Jahren, in einer Danksagung zu ihrem 70. Geburtstag, resümierte Heidrun Hegewald: „Meine Bilder sind nicht freundlicher geworden. Aber glaubt mir, ich bin daran relativ unschuldig. Ein Leben lang habe ich mir viel Mühe gegeben, für mein würdiges und freundliches Publikum etwas Erfreuliches zu schaffen. Ich war und bin eine eklatante Störenfriedin mit sehr friedlichen Absichten.“ Ihre Kunst soll und wird uns weiterhin aufstören!
Die Ausstellung „Das dialogische Prinzip – Malerei, Zeichnung und Druckgrafik von Heidrun Hegewald“ ist bis zum 23. Oktober in der Galerie Gesellschaft, Auguststraße 83, in Berlin-Mitte zu sehen (Donnerstag bis Samstag, 15 – 19 Uhr). Mit der Finissage am 24. Oktober (ab 16 Uhr) feiern wir den 90. Geburtstag der Künstlerin, die anwesend sein wird. Das Künstlerheft kostet 5 Euro, die Vorzugsausgabe mit dem Originalsiebdruck „Pietà“ (1987/2026) von Heidrun Hegewald 60 Euro.








