Auch im Weltall verfolgt die NATO keine friedlichen Ziele

Manöver im Weltraum?

In der vorigen Woche gab es Alarm auf der ISS. Die sieben Besatzungsmitglieder mussten sich in zwei an der Station angedockten Raumschiffen in Sicherheit bringen. Trümmer bedrohten die Internationale Raumstation. Nicht zum ersten, nicht zum letzten Mal. Denn um die Erde kreisen tausende von Trümmerteilen: Objekte im Zentimeterbereich, größere Teile wie Überreste von Raketen und Satelliten, durch Astronauten oder Kosmonauten verlorene Schraubenschlüssel und so weiter. Und der Schrott, derzeit etwa 8.500 Tonnen, wird immer mehr. Auch dadurch, dass sich private – auch kleinere – Raumfahrtfirmen zunehmend engagieren und derzeit unter anderem das Satellitengeschäft boomt. Obgleich allen bewusst ist, welche Probleme der Weltraumschrott mit sich bringt, gibt es noch keine Lösung.

Doch dieses Mal war die Aufregung besonders groß. Denn angeblich waren es – so US-Regierung, US-Militär und NASA – die Überreste eines Satelliten, den zuvor ausgerechnet das russische Militär zu Testzwecken mit einer Rakete abgeschossen hatte, die die Station gefährdeten. Das könne nicht sein, erklärte dagegen die russische Seite: Die Überreste des durch eine Rakete zerstörten Satelliten „Zelina-D“ („Kosmos-1408“), der sich seit 1982 im All befand, wären keine Bedrohung „für Raumstationen, Raumflugkörper und Weltraumaktivitäten“. Auch künftig nicht. Laut russischem Verteidigungsministerium sei vor allem die Internationale Raumstation ISS nicht in Gefahr, denn den erhaltenen Daten zufolge würden sich Trümmerteile und Raumstation auf Umlaufbahnen mit unterschiedlichen Neigungen in verschiedenen Ebenen bewegen. Außerdem befinde sich die ISS 40 bis 60 Kilometer unter den Bruchstücken von „Zelina-D“.

Das mag sein. Die Tatsache aber, dass der Weltraumschrott im erdnahen Raum und damit auch für die ISS eine Gefahr darstellt, ist unbestritten. Auch wird der russische Test gewiss nicht dazu beitragen, schneller und leichter das Ziel zu erreichen, den Weltraum ausschließlich zu friedlichen Zwecken zu nutzen. Die Reaktionen aus den USA und aus NATO-Kreisen waren und sind in diesem Zusammenhang aber völlig verlogen: So behauptete James Dickinson, Kommandeur des United States Space Command der US-Streitkräfte, Russland habe gezeigt, dass es die Sicherheit, den Schutz, die Stabilität und die langfristige Nachhaltigkeit des Weltraums für alle Nationen bewusst missachtet. Es entwickle und setze „Fähigkeiten ein, um den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten und Partnern den Zugang zum Weltraum und dessen Nutzung aktiv zu verweigern“. Eigenartig nur, dass die USA, Russland und andere gemeinsam die ISS betreiben. Erinnert sei auch daran, dass nach dem Space-Shuttle-Aus US-Astronautinnen und -Astronauten einige Jahre in „Sojus“-Raumschiffen zur ISS flogen. Egal. Auch in den bürgerlichen Medien wurde fleißig Stimmung gemacht. „Die Welt“ titelte gar „Wettrüsten im All – Wie Russland jetzt den Weltraumkrieg probt“.

Dabei sind es vor allem Russland und China, die sich seit Jahren darum mühen, ein Wettrüsten im All zu verhindern und zu entsprechenden Abkommen zu gelangen. Und es sind vor allem die USA und die NATO, die dies verhindern. Wenn das Auswärtige Amt jetzt erklärte, der russische Test unterstreiche die zunehmenden Risiken und Bedrohungen für Sicherheit und Stabilität im Weltraum und verdeutliche die „Dringlichkeit einer Einigung der internationalen Gemeinschaft auf Regeln für die friedliche und nachhaltige Nutzung des Weltraums“ und man setze sich gemeinsam mit seinen Partnern für einen internationalen Austausch im UN-Rahmen ein, der die „Reduzierung von Bedrohungen und Risiken für Weltraumsysteme“ zum Ziel habe, dann wäre das eigentlich zu begrüßen. Doch verschwiegen wird dabei, dass Ende 2019 nach den USA auch die NATO, deren Mitglied Deutschland ist, den Weltraum zum möglichen „Kriegsgebiet“ erklärt hatte. Im Oktober 2020 beschloss die NATO den Aufbau eines „Space Centers“ in Ramstein. Und an Weltraumwaffen wird in den USA oder wie im Fall der Antisatellitenwaffen zum Beispiel in Frankreich nicht erst seit „gestern“ gearbeitet.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Manöver im Weltraum?", UZ vom 26. November 2021



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