Im Roman begegnen sich zwei Genies, die sich nie trafen

Marx, Darwin und der Speichelfluss

Von Ulrich Macher

Ilona Jerger: Marx stand still in Darwins Garten. Ullstein Buchverlag GmbH, Berlin 2017. 288 S., 20,-Euro

Dieses Buch löst mit seinem wunderschönen Titel ein Reiz-Reaktion-Schema aus, wie es der russische Mediziner Pawlow bei seinem Hund beschrieb: dieser war so konditioniert, dass Speichelfluss beim Läuten einer Glocke einsetzte – in Erwartung der Wurst.

Der im August 2017 erschienene Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ von Ilona Jerger löst, wie die Glocke beim Hund, literarischen Speichelfluss aus: haben wollen, kaufen, lesen! Geht es doch in der Geschichte um zwei ganz Große: Den Naturwissenschaftler Charles Darwin und den Philosophen und Ökonomen Karl Marx. Beide haben mit ihren revolutionären Erkenntnissen die Welt erschüttert – der eine mit der Evolutionstheorie, der andere mit der Mehrwerttheorie und der Erarbeitung des wissenschaftlichen Sozialismus. Doch die beiden Zeitgenossen sind sich nie begegnet, obwohl sie nur 20 Meilen voneinander entfernt gelebt haben.

Doch Ilona Jerger greift in die Historie ein und lässt die beiden Geistesgrößen aufeinander treffen. Der fiktive Arzt Dr. Beckett tritt als Bindeglied zwischen Natur- und Geisteswissenschaftler auf und behandelt die beiden wegen ähnlicher Erkrankungen und Gebrechen. Mit dem Unterschied, dass der in Armut lebende Marx für die ärztliche Behandlung auf die finanzielle Unterstützung eines gewissen Herrn Friedrich Engels angewiesen ist, wohingegen der weltweit anerkannte und renommierte Darwin aus dem Vollen schöpfen kann. Und so zieht sich die Beschreibung der Unterschiede und die Parallelen der beiden Helden wie ein roter Faden durch den Roman, wobei sich die Autorin in ihrem Erstlingswerk in weiten Teilen an die historisch belegbaren Fakten hält. Die Leserinnen und Leser erfahren z. B. dass Marx den ersten Band des „Kapital“ dem Naturwissenschaftler zur Lektüre zusandte, dieser aber nicht über die ersten Seiten hinauskam. Marx hingegen arbeitet Darwins „Entstehung der Arten“ in der ihm eigenen Akribie durch. „Sein neuer Patient interessierte sich offensichtlich für Darwin, denn, soweit er aus dieser Distanz erkennen konnte, war auch ‚Die Entstehung der Arten‘ beackert und mit vielen Zetteln bestückt worden. Seine Ferndiagnose lautete: Das Buch samt Deckel war durch den gründlichen Gebrauch ungefähr in ähnlich verwüstetem Zustand wie die Bände von Hegel und Adam Smith, die unweit des Sofas auf dem Boden lagen.“

Jerger lässt den überzeugten Atheisten und um Vermittlung bemühten Dr. Beckett in beiden Haushalten ein- und ausgehen und weist ihm die Funktion zu, der Geschichte eine Rahmenhandlung zu geben. Darwin zu Beckett über Marx: „Und ich dachte, als ich das ‚Kapital‘ in Händen hielt, Marx sei ein Wissenschaftler. Ein Ökonom.“ Dazu Dr. Beckett: „Das will er auch sein. In Teilen ist er es auch. Das sollten wir ihm nicht absprechen. Aber die Texte in seinem Werk, die ihn als Ökonomen ausweisen, sind so verzwickt und verschachtelt, dass ich sie nicht verstehe.“

Spätestens hier schleicht sich beim marxistischen Leser der Verdacht ein, dass die Autorin dieselben Schwierigkeiten bei der Marx-Lektüre hatte wie ihr Protagonist Dr. Beckett. Denn so schön und leichtfüßig der Roman auch geschrieben ist: die herausragende Leistung der beiden Wissenschaftler wird allein bei Darwin nachvollziehbar. Marx‘ Mehrwerttheorie, die historische Mission des Proletariats oder gar eine Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften – all das bleibt weitestgehend im Nebel.

Und so setzt der Pawlowsche Speichelfluss beim Leser zu Recht ein – doch die Wurst bleibt unter Verschluss. Wer jedoch Spaß am Schmökern hat und einer Mischung von Fakten und Fabulieren gegenüber nicht abgeneigt ist, wird sich über die Ausgabe von 20,- Euro für das gebundene, schön gestaltete Buch nicht ärgern.

Übrigens: Sind sich eigentlich die Zeitgenossen Pawlow und Lenin jemals begegnet?

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"Marx, Darwin und der Speichelfluss", UZ vom 15. September 2017



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