Chinas Präsident auf Besuch in Washington

Mehr als Augenhöhe

Symbolik kann großartig sein. Rückblende: Im Mai wird US-Präsident Donald Trump von Chinas Präsident Xi Jinping in Peking empfangen. Ein wenig prunkvoll soll es sein; Xi zeigt seinem Gast den Himmelstempel aus der Zeit der Ming-Dynastie, etwas über 600 Jahre alt und damit für chinesische Verhältnisse eigentlich noch recht jung. Das muss kräftig an Trumps Ego gekratzt haben. Schwenk in die Gegenwart: Mitte vergangener Woche wird Xi in Washington empfangen. Noble Baudenkmäler aus dem 15. Jahrhundert? Nun, die sind in den USA bekanntlich Mangelware, vielleicht auch, weil die Vorfahren des heutigen US-Establishments an den früheren Einwohnern des Kontinents einen – soll man so sagen? – Genozid begangen haben. Doch kein Problem, der Immobilienmogul findet adäquaten Ersatz: Er führt Xi durch den großartigsten Protzballsaal des frühen 21. Jahrhunderts. Der ist noch eine Baustelle, an der die Kabel aus den unfertigen Wänden hängen? Macht nichts. Auch der funkelnagelneue Hubschrauberlandeplatz aus Granit, den Xi sich ansehen darf: Großartig. Der olle Himmelstempel verblasst dagegen glatt.

Konkrete Ergebnisse hat das Treffen, zu dem Trump Xi ins Weiße Haus und seine Baustellen geladen hatte, kaum gebracht. Der Waffenstillstand im Zollkrieg? Er wurde um gerade einmal zwei Monate verlängert und läuft nun im Januar aus; ob bis dahin eine Lösung gefunden wird oder ob Trump einmal mehr eskaliert? Wer weiß. Zoll­erleichterungen sollen auf Güter im Wert von 30 Milliarden US-Dollar pro Land gewährt werden, um den Druck, der auf US-Farmern und auf chinesischen Unternehmen lastet, ein wenig zu reduzieren. Außerdem will Trump dem US-Wahlvolk kurz vor Weihnachten und der Zwischenwahl offenbar Hoffnung zumindest auf günstigeres – weil nicht mehr von Extremzöllen belastetes – Spielzeug aus China machen. Xi scheint gewillt, dem KI-Chipgiganten Nvidia, dessen Chef Jensen Huang am Dinner mit ihm im Weißen Haus teilnehmen durfte, den Verkauf einer bestimmten Menge an Halbleitern an die chinesischen Konzerne ByteDance und Alibaba zu erlauben. Das war’s dann aber auch fast schon. Selbst der Deal zur Kontrolle von KI, auf den manche gehofft hatten, kam nicht zustande.

Und dennoch: Der Gipfel hat die Verschiebung in den globalen Kräfteverhältnissen, die die Welt zur Zeit erlebt, klar vor Augen geführt. Es fing damit an, dass Trump Xi persönlich am Flughafen empfing, er selbst hatte bei seinem Besuch im Mai in Peking mit einer Begrüßung durch den Vizeministerpräsidenten vorliebnehmen müssen. Über seine genauen Gründe mag man spekulieren; der Schritt zeigt freilich: Das Überlegenheitsgefühl gegenüber China, das Trump einst nicht bloß hatte, sondern auch offen zur Schau stellte, ist dahin. Antichinesische Hardliner im US-Establishment haben Trump wegen des pompösen Empfangs hochverärgert attackiert. Dies ändert jedoch nichts daran, dass Peking sich mittlerweile im Grundsatz auf Augenhöhe mit Washington sieht.

Und das zu Recht. Mehr noch: Auf diplomatischer Ebene geht die Volksrepublik inzwischen sogar in die Offensive. Erstmals warnte Xi Trump nicht nur davor, mit Waffenlieferungen an Taiwan, mit der Unterstützung für separatistische Kräfte in Taipeh zu weit zu gehen; erstmals forderte ein chinesischer Präsident einen US-Präsidenten auch auf, sich gegen eine etwaige Abspaltung Taiwans zu stellen. Die bisherige Position Washingtons lautete: Offiziell hält die US-Regierung sich aus dem Konflikt um den Status der Insel heraus. Nun soll Trump, so hat Xi es gefordert, dies ändern. Für Außenstehende mag das ein kleiner Schritt sein; in der Welt der Diplomatie ist es ein großer: einer, der nicht mehr nur verteidigt, sondern nach vorne drängt. Xi bekräftigte das mit, nun ja, ein wenig Symbolik. Er überbringe den Gruß von „1,4 Milliarden Chinesen“ an die US-amerikanische Bevölkerung zum 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit, teilte er Trump mit. Wie viele US-Amerikaner gibt es doch gleich nochmal? Seit wieviel tausend Jahren existiert ein unabhängiger chinesischer Staat? Bleibt nur die Frage offen, ob auch Trump das weiß.

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"Mehr als Augenhöhe", UZ vom 2. Oktober 2026



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