Die USA vor den Midterms

Inflation und Korruption

Könnte man den Prognosen trauen, dann wäre die Sache relativ klar: Dann könnten bei den Midterms in den USA am kommenden Dienstag die Demokraten mit einer Mehrheit im Repräsentantenhaus rechnen, dessen 435 Sitze sämtlich neu besetzt werden. Bei der Neuwahl von 35 der 100 Senatoren hätten sie zumindest gute Chancen, ebenfalls die jetzige Mehrheit der Republikaner zu brechen. US-Präsident Donald Trump wäre also seine bislang recht sichere Kongressmehrheit los. Der Haken an der Sache ist aber: US-Prognoseinstitute haben seit der Präsidentenwahl vom November 2016 Donald Trump und sein MAGA-Personal immer wieder unterschätzt. Ob dem weiterhin so ist oder ob sie diesmal besser liegen – das wird man am späten Abend des 3. November sehen. Und man wird auch sehen, ob der Unmut in wachsenden Teilen der US-Bevölkerung über den Präsidenten sich in Stimmen für die Demokraten niederschlägt; denn so mancher kundige Beobachter warnt: Die sind als Partei ebenfalls recht unpopulär.

Vor allem zwei Faktoren könnten, das bestätigen jedenfalls aktuellere Umfragen, die Republikaner in größerem Umfang Stimmen kosten. Der eine: die empfindlich gestiegenen Lebenshaltungskosten. Es ist nicht nur der sehr hohe Benzinpreis, der allgemein Unmut schürt, und der Dieselpreis, der die Farmer, weithin loyale Trump-Wähler, in den Ruin treibt. Die Hälfte der registrierten Wähler gibt an, sparen zu müssen und etwa nicht mehr essen zu gehen. Mehr als ein Viertel müssen sogar beim Nötigsten kürzen, bei Lebensmitteln und Medikamenten. Mehr als die Hälfte schreibt die Schuld an den krassen Preisen Trump beziehungsweise den Republikanern zu. Über 40 Prozent erklären, das erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass sie nun Demokraten wählten. Mit dem US-Überfall auf den Iran, den ohnehin nur ein Drittel der Wähler in Ordnung finden, der aber auch die Preise treibt, könnte Trump die Wahlen entschieden haben – gegen sich.

Und der zweite Faktor: Das ist die offene, vollkommen schamlose Korruption, die unter Trump um sich greift. Schon vor geraumer Zeit hatte eine Umfrage ergeben: 90 Prozent der US-Amerikaner halten Korruption in der Politik für ein „großes Problem“. Im August kam eine Ipsos-Umfrage zu dem Ergebnis, 69 Prozent aller US-Amerikaner seien der Ansicht, Trumps Entscheidungen würden von seinen Geschäftsinteressen oder von denen seines Clans beeinflusst. Eine Umfrage, die die „Financial Times“ Mitte Oktober hatte erstellen lassen, zeigte: 69 Prozent der registrierten Wähler waren über Korruption, Selbstbereicherung oder Inte­ressenkonflikte in der Trump-Regierung „etwas“ oder gar „sehr“ besorgt; besorgt war sogar fast die Hälfte aller Republikaner-Anhänger. „Wenn eine Familie eine Geschichte über die Kryptogewinne des Präsidenten liest, während sie gerade darüber nachdenkt, ob sie ihren teuren Arzttermin verschieben soll“, konstatierte ein US-Ökonom in der „Financial Times“, „wird ihr klar, dass das System für manche funktioniert – nur nicht für sie.“ Und das gibt früher oder später Ärger.

Besonderes Augenmerk verdient ein Einzelfall: Abdul El-Sayed, der in Michigan für einen frei werdenden Senatorensitz kandidiert. El-Sayed wäre, wird er gewählt, der erste Muslim im US-Senat. Vor allem aber steht er für US-Verhältnisse weit links. Er rechnet sich zwar nicht den Democratic Socialists um Zohran Mamdani zu, ist aber am linken Rand der Progressives angesiedelt, verlangt etwa gesetzliche Krankenversicherung für alle und – das Ende der militärischen US-Unterstützung für Israel. In Umfragen führte er zuletzt leicht. Gelänge ihm der Einzug in den Senat, dann wäre nicht nur die Standardabwehr des rechten Demokraten-Flügels widerlegt, man könne die Republikaner nur mit Kandidaten der Mitte besiegen. Es wäre auch klar, dass die grassierende Verarmung starke Teile der Bevölkerung zumindest etwas weiter nach links treibt. Und nicht zuletzt bestätigte sich dann auch, was Demoskopen schon seit einiger Zeit wahrnehmen: Die Zustimmung zu Positionen, die kritisch gegenüber Israel sind, nimmt in den USA zu. Das wären einige doch relevante Verschiebungen im politischen Klima.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Inflation und Korruption", UZ vom 30. Oktober 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Tasse.



    Spenden für DKP