Das Vermächtnis der Häftlinge von Buchenwald

Mehr als ein Lexikon

Von Nina Hager

Gitta Günther und

Gerhard Hoffmann:

Konzentrationslager Buchenwald, 1937 bis 1945. Kleines Lexikon,

232 Seiten, RhinoVerlag Ilmenau; 19,95 €

Mit dem Lexikon „Konzentrationslager Buchenwald 1937 bis 1945“, das kürzlich im Rhinoverlag erschien, haben Gitta Günther und Gerhard Hoffmann, beide Mitglieder der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e. V. ein nicht nur hochinformatives Buch über die Geschichte des Lagers und seiner Häftlinge vorgelegt.

Zum Geleit schrieb der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, Bertrand Herz: „Der Leser entdeckt in diesem Buch die menschliche Größe von Männern und Frauen …“ und er verweist – ebenso wie Günter Pappenheim, Vizepräsident des Internationalen Komitees und Vorsitzender der Lagerarbeitsgemeinschaft, in seinem Vorwort – darauf, dass der Schwur von Buchenwald auch heute noch brennend aktuell ist.

In vielen Beiträgen des Lexikons werden Häftlinge vorgestellt – oft wird auch über ihren weiteren Weg nach der Befreiung berichtet. Ausführlich wird auf das Lager, einzelne Häflingsgruppen und die unmenschlichen Haftbedingungen, auf die Sonderlager sowie auf die zuletzt 24 „Außenstellen“ eingegangen, in denen Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Über 56000 Menschen verloren in Buchenwald und auf Todesmärschen ihr Leben. Zwischen 1941 und 1943 wurden in Buchenwald mehr als 8 000 unbekannte sowjetische Kriegsgefangene durch Genickschuss umgebracht. Seit August 1944 war Buchenwald auch Außenstelle des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück.

54 Abbildungen und Faksimiles von 20 Originaldokumenten vervollständigen das Bild. 

Im Lexikon und mit ihm werden auch Legenden und Lügen wie die über die „roten Kapos“ zurückgewiesen. 1994 hatte es Aufregung über die Entdeckung angeblich „geheimer SED-Akten“ gegeben. An der Diffamierungskampagne, die bis heute andauert, hatte sich auch Hermann Weber, wenn auch differenzierter, beteiligt (vgl. „Die Zeit“ Nr. 45/1994, „Im Dschungel der Wolfsgesellschaft“). Bis heute wird dieser Vorwurf immer wieder erhoben. Auch in einer ARD-Dokumentation im Jahr 2015: War der Widerstand der kommunistischen Kader in Buchenwald gar kein genuiner Widerstand, kein Widerstand für alle also, sondern bloß ein Verhalten, das systematisch das Überleben der eigenen Gruppe und die Ausschaltung von Gegnern sichern sollte?

Im vorliegenden Lexikon wird – auch in Einzelartikeln – dagegen immer wieder auf die moralische Lauterkeit, den Mut und die Menschlichkeit der als Kapos eingesetzten politischen Häftlinge verwiesen.

Ebenso wird immer wieder behauptet, es habe keine Selbstbefreiung des Lagers durch die Häftlinge gegeben. Im Lexikon wird diese Behauptung zurückgewiesen: Im Heeresbericht der III. US-Army vom 11.4. wurde ausdrücklich darauf verwiesen, dass die US-Truppen ein befreites, durch ein Komitee gut organisiertes Lager erreichten, in dem die Wachtürme besetzt und 125 SS-Leute festgesetzt worden waren.

Ein Verzeichnis jener Männer und Frauen aus dem KZ Buchenwald und seiner Außenlager, die von der israelischen Regierung als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurden (unter ihnen z. B. Willi Bleicher und Walter Krämer), eine Zeittafel, ein umfassendes Literaturverzeichnis und ein Personenregister, in dessen Verzeichnis sich 507 Namen, davon 460 Häftlingsnamen. befinden, ergänzen das Lexikon.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Mehr als ein Lexikon", UZ vom 20. Mai 2016



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