Der Vorschlag des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels

Mehr Lesen, Reden, Streiten

Eine dieser absurden, um „Normalität“ bemühten Veranstaltungen konnte man letzten Sonntagvormittag im Programm der ARD erleben. In der Frankfurter Paulskirche, der guten Stube bürgerlich-liberaler Gesinnung, wurde der alljährliche „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ durch die Standesorganisation der Branche, den Börsenverein, verliehen. Neben einigen wenigen Ehrengästen wie der unvermeidlichen Kulturstaatsministerin Monika Grütters verloren sich im weiten Rund eine kleine Gruppe abkommandierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Veranstalters. Die Sendezeit im Ersten, 11 Uhr, um die man jahrelang gerungen hatte, musste unbedingt eingehalten werden, der diesjährige Preisträger wurde aus den USA, genauer aus Boston, zugeschaltet. Der immerhin schon 86 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen, er war der Preisträger, musste sechs Zeitzonen überbrücken und saß schon in aller Frühe vor einer Videokamera. Die gehaltenen Reden, beginnend beim Frankfurter Oberbürgermeister, gefolgt von der amtierenden Vorsteherin des Börsenvereins, sind gemeinhin Fensterreden, aber in einem vollen Saal, begleitet von Beifall und Blitzlichtgewitter, fällt der übliche Unsinn nicht so auf.

Erfreulich war, dass dank eigener Quarantäne der Laudator fehlte. Der Dienstbote der herrschenden Klasse, der BuPrä mit Namen Steinmeier, ließ seine Rede vorlesen. Das erledigte routiniert der Schauspieler Burkhard Klaussner, half aber nichts, außer dass man das selbstgefällige und dabei besorgt anmutende Gesicht des Herrn nicht sehen musste. Steinmeier lobte natürlich den Preisträger über jeglichen grünen Klee und verstieg sich in gewünschte Höhen. Er ließ sagen: „Für Sen gibt es echte Gerechtigkeit auch nicht ohne politische Freiheit und politische Freiheit nicht ohne Demokratie. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Demokratie ist für ihn darum auch kein Luxusartikel für reiche Länder und auch nicht nur normatives Projekt des Westens. Sie ist weltweite Sehnsucht und ein universelles Versprechen. Auch daran erinnern uns die Demonstrantinnen und Demonstranten auf den Straßen von Caracas, Minsk und Hongkong! Der Universalismus der Demokratie und der grundlegenden Menschenrechte – das sind die Eckpunkte der Sen’schen Philosophie.“ Nicht der einzige Ausrutscher der Rede, aber schon heftig. Alles schön in den Topf der besetzten Begriffe geworfen, unvermittelt zusammen geleimt und fertig ist die gewünschte Attacke gegen missliebige Regierungen.

Der Preisträger selbst dankte zwar pflichtschuldig, legte aber doch seine Finger in tatsächlich zu nennende Felder der sozialen und politischen Auseinandersetzungen.

Amartya Kumar Sen wurde am 3. November 1933 in Shantiniketan in Indien geboren. Nach Studium und erste Lehrtätigkeit in Kalkutta führte seine akademische Karriere ihn zum Schluss an die Harvard University und auf den Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaften und Philosophie. Die Apologeten der neoliberalen Theorie und Praxis loben ihn für seine Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie, zur Analyse von Hunger und Armut sowie zur Entwicklungsökonomie. 1998 wurde er mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt. Seiner Verbeugung vor der Branche, die ihm den Preis verlieh, kam er nach mit den Worten: „Bücher zu lesen – und über sie zu sprechen – kann uns unterhalten, amüsieren, aufregen und unser Interesse für alle möglichen Dinge wecken.“ Etwas genauer wurde Sen, als er die Verhältnisse in Indien beschrieb und die Politik der hinduistisch-nationalistischen Regierung und ihrer Partei verurteilte. In Indien, aber auch auf den Philippinen, in Ungarn oder Brasilien gäbe es eine Spaltung der Gesellschaft durch autokratische Asymmetrien und durch die Verfolgung missliebiger Gruppen. Sein Vorschlag, wie sich dem entgegen gestellt werden kann, ist so putzig wie ablenkend: „Heute ist gesellschaftlich kaum etwas dringlicher geboten als globaler Widerstand gegen den zunehmenden Autoritarismus überall auf der Welt. Der notwendige Widerstand kann auf vielerlei Art erfolgen, aber mehr Lesen, mehr Reden, mehr Streiten sollten ohne Zweifel Teil dessen sein.“

Die Kasse des Börsenvereins wurde geschont, das übliche große Mittagessen im Frankfurter Hof für die VIP‘s und die Adabeis war ersatzlos gestrichen, eine mittlere fünfstellige Euro-Rechnung musste nicht bezahlt werden.

  • Aktuelle Beiträge
Über den Autor

Herbert Becker (Jahrgang 1949) hat sein ganzes Berufsleben in der Buchwirtschaft verbracht. Seit 2016 schreibt er für die UZ, seit 2017 ist es Redakteur für das Kulturressort.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Mehr Lesen, Reden, Streiten", UZ vom 23. Oktober 2020



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Flugzeug aus.

    Vorherige

    Auch diese deutsche Einheit scheitert

    Kultursplitter

    Nächste