Jenny Erpenbecks „Kairos“

Mehrfaches Scheitern

Kairos“ ist zuerst ein philosophischer Begriff für einen günstigen Zeitpunkt, aber zweitens auch für einen griechischen Gott, der erst spät in der Götterwelt seinen Platz bekam. Beides steht im Gegensatz zu der verlaufenden Zeit, Chronos.

Kairos hat, wie vieles in diesem Roman, erklärende und deutende Funktion für die beiden bestimmenden Handlungsstränge. Für den einen Strang, die Liebe zwischen der 19-jährigen Katharina und dem 53-jährigen Hans, ist es ein erfüllter Augenblick, der aus der plötzlich aufflammenden Leidenschaft spontane Sexualität entstehen lässt: Minuten nach der Bekanntschaft geht man miteinander ins Bett. Katharina hat gerade die Schule beendet, lernt Setzer im Staatsverlag, wird Praktikantin für Kostüm- und Bühnenbild am Theater in Frankfurt/O., plant das Studium der Gebrauchsgrafik in Halle. Hans, studierter Musikwissenschaftler, ist ein arrivierter Schriftsteller, der zudem beim Rundfunk arbeitet. Was für Katharina wie der Beginn eines neuen Lebens erscheint, ist für ihn ein sich häufig vollziehender und häufig die Frauen wechselnder Vorgang. Eine Liebesgeschichte, auch eine unglückliche, wird daraus nicht, sondern eine sexuelle Beziehung in Varianten, die auch die Bereiche des Masochismus tangiert und in sadistische Quälereien umschlägt, als Katharina eine kurze Beziehung zu einem gleichaltrigen Kollegen eingeht.

Es scheint, als könne sich der Schriftsteller Hans nicht von seiner Ehefrau lösen, die er nach 30 Jahren Ehe noch liebt; mit ihr verbindet ihn eine echte Beziehung, getragen von der Bewältigung des Alltags, aber auch andere Verhältnisse nebenher will er weiter erhalten. Die Begegnungen zwischen ihm und Katharina enden fast nur und immer im Bett, andere geplante Inhalte bleiben als entbehrliche Umrahmung schon im Vorfeld stecken. Der Roman erinnert in der aktuellen Gegenwart, etwa zwanzig Jahre nach dem Tod von Hans, einmal an dieses merkwürdig reduziert normative Verhältnis zwischen Katharina und Hans.

Aber es gibt einen zweiten erfüllten Augenblick und eine zweite Erinnerung an Abgelaufenes. Diese Verwendung geht auf den Begriff Kairos in der Gesellschaftslehre zurück, wo er – besonders im 20. Jahrhundert von dem Theologen Paul Tillich und dem Politikwissenschaftler Antonio Negri – auch für sozialistische oder vergleichbare Modelle angewendet wurde. Der erfüllte Augenblick war, wie er sich nach den Erschütterungen und Verwüstungen durch den Zweiten Weltkrieg zeigte, als es möglich schien, zu einem anderen Staats- und Gesellschaftsmodell zu kommen, aber ähnlich wie die beiden Protagonisten keine wirkliche Beziehung zueinander fanden, scheiterte auch dieser Prozess. Insofern ist die als Aufhänger dienende Geschichte zwischen Hans und Katharina die Grundlage, auf der sich das Scheitern einer als sozialistisch verstandenen Gesellschaft zwischen einem Freitag im Juli 1986 und 1990 abspielt. Die Gründe für dieses politische Scheitern sind letztlich vergleichbar jenen, die die erotische Leidenschaft nicht zur Liebe werden, die die gesellschaftspolitischen Entwicklungen, mit denen die beiden Protagonisten umgehen, nicht zum erfüllten System werden lassen: Die gesellschaftlichen Entwürfe wurden von den Menschen nicht verinnerlicht. Während im Dritten Reich bedeutende Schriftsteller und Künstler ihr Land verließen, „von Bertolt Brecht bis Thomas Mann“, muss Hans, der Schriftsteller, erkennen: „die Heimat verlässt ihn“. Das erinnert an Volker Brauns berühmtes Gedicht „Das Eigentum“ (1990) und die Erschütterungen, die sich im Denken vieler Schriftsteller im Osten vollzogen.

Die Hinweise machen es deutlich: Der Roman schränkt die Ausschnitte für beide Handlungen – die privat-persönliche und die politisch-soziale – ein. Die behandelten Vorgänge sind, wie in früheren Werken der Autorin, in den Bereichen von Kunst und Literatur angesiedelt. Bis in das Lokal Heiner Müllers führt die Handlung. Der Leser sollte literarische Kenntnisse mitbringen; um beispielhaft Zitiertes erkennen und ihre Funktion bestimmen zu können. Zitate aus dem „Dies irae“ stehen neben solchen aus Thomas Manns „Die Betrogene“. Sie dienen dazu, seelisch-geistige Verfassungen ihrer Träger zu kennzeichnen und dadurch der Handlung von Beginn an wertend zu folgen. Andererseits treten natürliche Gefühlsregungen zurück und die Beziehungen der Personen zueinander erweisen sich meist als kunstvoll inszeniert, manchmal auch als schablonenhaft erstarrt.

Der erste Beischlaf des durch Zufall vereinten Paares wird durch den mittelalterlichen „Dies irae“ begleitet. Aus der Höhe der Bitte um Gnade im Angesicht höllischer Bedrohung stürzt die Inszenierung des Liebesaktes in die profane Alltäglichkeit: „Du sollst mit mir schlafen, sagt sie.“ Das geschieht im ersten Kapitel, der Zusammenstellung von Erinnerungen, die in einem Karton aufbewahrt werden und nun, nach dem Tod von Hans, geöffnet werden. Einerseits kann sich der Leser an dieser Stelle enttäuscht sehen. Zwar hat die kunstvoll angelegte Szene und ihre Entwicklung durchaus innere Spannung, aber verheißt doch wenig Bemerkenswertes. Andererseits fragt man sich, ob das bei diesem Aufwand schon alles gewesen sein kann.

Die Frage erweist sich als richtig, denn die Eröffnung führt im nächsten Kapitel des „Kartons I“ in eine Öffentlichkeit, die sich als politisch aufschlussreich vielschichtig und historisch bedeutungsvoll erweist. Wiede­rum wird mit Begriffen gearbeitet, die wie Metaphern wirken: „Schiffbauerdamm“ steht für Brecht, episches Theater und große politische Kunst und Literatur; „Unsterbliche Opfer“ erinnert an die Opfer der Revolution in Russland 1905, an die Feiern zum Todestag Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts und vieles mehr. Aber auch die andere Seite des politischen Kampfes wird erwähnt, Biermann „hatte noch nicht gelernt, sich zu verkaufen, und verkaufte sich gerade deswegen so gut“. Die Zwiespältigkeit und bewusst gesetzte Zweideutigkeit des gesamten Romans spiegelt sich im einzelnen Wort, hier „verkaufen“. Um ein Gegengewicht zu schaffen, wird Ernst Buschs Lenin-Lied „Er rührte an den Schlaf der Welt“ nach dem Text von J.  R. Becher eingeführt und der Klavierspieler im „Ganymed“ am Schiffbauerdamm sieht aus wie Heiner Müller. Das Ensemble sozialistischer Kunst und Haltung wird durch die bedeutendsten Repräsentanten ausgewiesen. Erst nun ist die Spannung des Romans geknüpft. Dem hat Katharina nur ihre Neigung zu dem Maler Egon Schiele entgegenzusetzen, der Tod und Eros zum Thema machte. Das konfrontiert auch zwei unterschiedliche Bildungsvorgänge verschiedener Generationen und führt bis heran an die Zerklüftungen, die sich in der gegenwärtigen Gesellschaft finden.

Es folgt nach den Einführungskapiteln, wenn man sie als solche erkannt hat, eine politisch-literarische Analyse auf hohem Niveau. Sie führt von der Überwindung der faschistischen Diktatur in die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft, auch wenn sie nur als Utopie ahnbar ist; Hans kann diese Erfahrungen einbringen. Das macht ihn nicht unbedingt menschlich sympathisch, lässt ihn aber in seinem politischen Wirken richtige Entscheidungen treffen und richtige Fragen stellen. Daraus entsteht die Dialektik, dass die menschlichen Charaktere „gemischte“ sind, wie es schon Lessing feststellte und propagierte. Katharina dagegen lebt bereits im Beginn einer anderen Zeit und verlernt deren befreienden, aber auch entsagungsvollen Charakter. Für sie ist eine uninteressierte Gleichgültigkeit prägend. Dadurch aber wird sie offen für die unmenschlichen Attacken von Hans, die er statt einer liebevollen Beziehung entwickelt, um sie endlich in eine Schuld zu versetzen, die abhängig macht und eine „sexuelle Hörigkeit“ verschafft. Andererseits wird erkennbar, wie schwer geschichtliche Erfahrungen zu vermitteln sind, wenn sie nicht erlebt, sondern als These vermittelt werden.


0811 Kairos - Mehrfaches Scheitern - Literatur - Kultur

Jenny Erpenbeck
Kairos
Roman. Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH. München 2021, 381 Seiten, 24,- Euro

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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Mehrfaches Scheitern", UZ vom 25. Februar 2022



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