Begegnungen mit Engels

Meisterwerke der Vereinfachung

Im Folgenden möchte ich einige Schriften von Engels vorstellen, von deren Lektüre ich in verschiedenen Phasen meines politischen Lebens besonders profitieren konnte – in der Hoffnung, auch andere finden darin Anregungen. Dem will ich eine Anmerkung vorausschicken. Bei den Versuchen interessierter Kreise, Marx und Engels sowie verschiedene Teile ihres Werkes gegeneinander zu stellen, taucht oft der Vorwurf auf, Engels sei ein „Vereinfacher“ von Marxens Gedanken. Dem entgegnet Eike Kopf, Mitherausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe: „Vereinfachen“ ist „eine legitime Methode (…) vor allem der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an ein breiteres Publikum“. So habe Karl Kautsky in seinen „Erinnerungen und Erörterungen“ berichtet, dass „Generationen von Vertretern der Arbeiterbewegung Marx’ Schriften, vor allem das ‚Kapital‘, erst über Engels’ Darlegungen besser verstanden haben beziehungsweise über Engels zu Marx gelangt sind. Ist das nicht ein Verdienst von Engels?“

Engels’ Vorstudie zum „Manifest der Kommunistischen Partei“

Auch für mich war Engels der „Türöffner“ zu Marx. Meine Beschäftigung mit dem wissenschaftlichen Sozialismus begann in meiner Schulzeit – mit einem ziemlichen Fehlstart. Anpolitisiert unter anderem in Protesten gegen den Vietnamkrieg und gegen Bundeswehrpropaganda an Schulen wie auch durch progressive Inhalte der damals aktuellen Pop-Kultur (so John Lennons „Imagine“ und „Po­wer to the people“, diverse „Ton-Steine-Scherben“-Songs …), wollte ich wissen, was denn der Karl Marx so geschrieben hat – und holte mir aus der Bi­bliothek „Das Kapital“. Damit war ich komplett überfordert. Doch dann bekam ich zwei kleine Broschüren in die Hände. In Engels’ Schrift „Grundsätze des Kommunismus“ von 1847 fand ich Antworten auf viele meiner Fragen – so formuliert, dass auch ich als „Anfänger“ sie verstehen konnte. Die erste der 25 Fragen in diesem Vorentwurf zum Kommunistischen Manifest lautet: „Was ist der Kommunismus?“ Mit der Antwort: „Der Kommunismus ist die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats“ grenzt Engels sich ab vom utopischen Sozialismus und dem Ausmalen idealer Gesellschaftszustände („Imagine“!) – ganz im Sinne der Feststellung aus der „Deutschen Ideologie“ (1845/46), Kommunismus sei „für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird“, sondern „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“.

„Keineswegs nur historische Bedeutung …“

Diese Schrift war nicht allein individuelles Werk von Engels, sondern (Zwischen-)Ergebnis einer kollektiven Diskussion. Ausgangspunkt war der Wunsch der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten nach „einem einfachen kommunistischen Glaubensbekenntnis“. Hier ist nicht der Platz, diese Diskussionen bis zur Entstehung des „Manifests“ nachzuzeichnen. Engels jedenfalls hatte „das Manuskript als durch das Kommunistische Manifest überholt angesehen und nicht veröffentlicht“. Erst 1913 veröffentlichte Eduard Bernstein das Manuskript aus dem Nachlass von Engels. Er bemerkte dazu, die Schrift sei „nicht bloß historisches Dokument“, sondern werde „auch zu propagandistischen Zwecken veröffentlicht“. Denn: „Wohl ist die Schrift weniger umfassend gehalten als das ‚Kommunistische Manifest‘, auch führt sie nicht dessen klassische (…) Sprache. Aber sie (…) geht mehr auf bestimmte Einzelheiten ein und wird dadurch sowie durch die Behandlung des Inhalts in Frage und Antwort dem noch nicht in die sozialistische Ideenwelt eingedrungenen Leser leichter verständlich als das (…) Manifest, ohne darum weniger wissenschaftlich durchdacht zu sein als dieses. Man könnte sie mit Recht als eine Popularisierung der Kerngedanken des Kommunistischen Manifestes bezeichnen, und gleichzeitig bietet sie auch wertvolle Ergänzungen dieses Meisterwerkes.“ Im gleichen Sinne schrieb Hermann Duncker, „Lehrer dreier Generationen“ deutscher Sozialisten, 1928 im Vorwort zu seiner Neuausgabe der Engels-Schrift, diese sei „für das Verständnis der Entstehung des Kommunistischen Manifestes geradezu unersetzlich“, habe aber „keineswegs nur historische Bedeutung“. Denn „gegenüber dem Kommunistischen Manifest“ sei „die Darstellung hier einfacher und dem proletarischen Fassungsvermögen entsprechender (…) Allein das rechtfertigt es, der kommunistischen Propagandaliteratur diese Schrift zu erhalten.“ Duncker zählte Engels’ „Grundsätze“ zu den sieben Schriften, die beim Studium des Marxismus „in der ersten Stufe … vor allem zu berücksichtigen“ wären. Für mich als damals „noch nicht in die sozialistische Ideenwelt eingedrungenen Leser“ kann ich jedenfalls bestätigen, dass mir die „Grundsätze“ das Verstehen des Manifests und weiterer Schriften wesentlich erleichtert hat.

Lücken …

Allerdings enthält das von Engels nachgelassene Manuskript der „Grundsätze…“ an drei Stellen Lücken statt einer Antwort. Bernstein füllte in seiner Erstausgabe von 1913 zwei dieser Lücken mit den entsprechenden Texten aus dem Kommunistischen Manifest, eine mit eigenem Text auf der Grundlage von Marx’ und Engels’ Ausführungen an anderer Stelle zum Thema. Bei den Fragen 22 und 23 deutet das Wort „bleibt“ darauf hin, „dass die Antwort so bleiben soll, wie sie in einem vorläufigen, jedoch bisher nicht aufgefundenen Programmentwurf des Bundes formuliert ist“ – so heißt es seit 1959 in der Anmerkung 241 zu MEW 4. Dieser Programmentwurf wurde erst Ende 1968 aufgefunden und seitdem in den Einzelausgaben des Dietz-Verlags im Anhang abgedruckt. Auch in MEAW, Bd. I, sind die entsprechenden Antworten dokumentiert (Anm. 75 und 76). Für eine heutige Verwendung zu „propagandistischen Zwecken“ (zu der ich unbedingt raten möchte!) ist die Schrift also durch die Schließung dieser Lücken zu ergänzen.

Verkauf „der Arbeit“ oder „der Arbeitskraft“?

Daneben ist zu beachten: Die Auffassungen von Engels (und Marx) haben sich in den Jahrzehnten nach 1847 weiterentwickelt, besonders in der Kritik der politischen Ökonomie. Darum finden sich, nach Engels’ eigenen Worten, in ihren vor 1859 verfassten Schriften „Ausdrücke und ganze Sätze, die, vom Standpunkt der spätern Schriften aus, schief und selbst unrichtig erscheinen“. Dies gilt für die „Grundsätze des Kommunismus“ und das „Manifest der Kommunistischen Partei“ ebenso wie für die ursprüngliche Fassung von Marx‘ Brüsseler Vorträgen über „Lohnarbeit und Kapital“. Aus der (bürgerlichen) klassischen politischen Ökonomie hatten Marx und Engels die Formulierung übernommen, die Proletarier würden „ihre Arbeit“ verkaufen. Deren Preis sei wie bei anderen Waren „im Durchschnitt immer gleich den Produktionskosten“, und diese bestünden „in gerade so viel Lebensmitteln, als nötig sind, um den Arbeiter in Stand zu setzen, arbeitsfähig zu bleiben und die Arbeiterklasse nicht aussterben zu lassen“. („Grundsätze“, 5. Frage). Dies reichte aus, um die Ausbeutung des Arbeitenden durch den Besitzer der Produktionsmittel festzustellen. Hiermit konnte aber noch nicht erklärt werden, wie es beim Kauf „der Arbeit“ und dem Verkauf ihrer Produkte zu ihrem jeweiligen, durch die Arbeit bestimmten Wert, also beim zweimaligen Austausch von jeweils gleichen Werten, von Äquivalenten, zu dieser Ausbeutung kommen kann. Hier kommt die zweite Broschüre ins Spiel, die ich damals in die Hand bekam: „Lohnarbeit und Kapital“ – nicht in der ursprünglichen, sondern in der durch Engels bearbeiteten Fassung von 1891. In der Einleitung erläutert Engels, an welchen Stellen er Änderungen vorgenommen hat und warum. Dieser Text hat einiges dazu beigetragen, mich später in Marx‘ Ausführungen in „Lohn, Preis und Profit“ (und noch später im „Kapital“) zurechtzufinden.

Differenzierung der Arbeiterklasse

1847 gingen Marx und Engels noch davon aus, dass sich die Lage der Arbeitenden immer weiter angleicht, und zwar nach unten in Richtung des Existenzminimums. Dies führe zu einer wachsenden Unzufriedenheit. Diese Annahme entsprach durchaus den damals vorliegenden Erfahrungen. Im weiteren Verlauf der Geschichte sollte sich aber erweisen, dass sowohl der Tendenz zur Verelendung als auch der „wachsenden Unzufriedenheit“ andere Tendenzen entgegenwirkten. Engels kritisierte darum die Formulierung „Immer größer wird die Zahl und das Elend der Proletarier“ im sozialdemokratischen Programmentwurf von 1891: „Dies ist nicht richtig, so absolut gesagt. Die Organisation der Arbeiter, ihr wachsender Widerstand wird dem Wachstum des Elends möglicherweise einen gewissen Damm entgegensetzen. Was aber sicher wächst, ist die Unsicherheit der Existenz.“ Dabei hatte er auch im Blick, wie sich die Verhältnisse zwischen den Klassen im Land der am meisten fortgeschrittenen kapitalistischen Entwicklung entwickelt hatten, seitdem er dort als 24-Jähriger seine Studien zur „Lage der arbeitenden Klasse in England“ betrieben hatte. Darüber berichtet er 1892 im Vorwort zur zweiten deutschen Ausgabe dieser Schrift. Seine Ausführungen haben mir sehr dabei geholfen, während meiner ersten Erfahrungen in einem Großbetrieb besser zu verstehen, warum meine jugendlich-naiven Vorstellungen über die Arbeiterklasse und ihre kämpferisch-revolutionären Eigenschaften so gar nicht von der täglich erlebten Realität bestätigt wurden. Engels stellt 1892 fest, die von ihm geschilderten Zustände gehörten „heute – wenigstens was England angeht – weitgehend der Vergangenheit an“. Zunächst sei es ein, wenn auch nicht in den Lehrbüchern stehendes, „Gesetz der modernen politischen Ökonomie, dass, je mehr die kapitalistische Produktion sich ausbildet, desto weniger sie bestehen kann bei den kleinen Praktiken der Prellerei und Mogelei, die ihre früheren Stufen kennzeichnen“. Denn: „Je größer eine industrielle Anlage, je zahlreicher ihre Arbeiter, um so größer war der Schaden und der Geschäftsverdruss bei jedem Konflikt mit den Arbeitern.“ Die Fabrikanten, vor allem die größten, würden daher nun „unnötige Streitereien vermeiden“. Dazu komme Englands Stellung auf dem Weltmarkt. Mit der nach der Krise von 1847 durchgesetzten Freihandelspolitik und den rasch sich entwickelnden Verkehrsmitteln sei das industriell entwickelte England im Verhältnis zu allen anderen Ländern zur „Werkstatt der Welt“ geworden – heute sagt man wohl „Exportweltmeister“ … Dies habe die „gegenseitige Haltung der beiden Klassen“ verändert. „Solange Englands Industriemonopol dauerte, hat die englische Arbeiterklasse bis zu einem gewissen Grad teilgenommen an den Vorteilen dieses Monopols.“ Diese allerdings seien „sehr ungleich unter sie verteilt“. Eine „dauernde Hebung“ habe es nur bei zwei „beschützten Abteilungen der Arbeiterklasse“ gegeben, den Fabrikarbeitern und den „großen Trade Unions“ (Gewerkschaften), welche dadurch „eine Aristokratie in der Arbeiterklasse“ gebildet hätten. Aber „selbst die große Masse hatte wenigstens dann und wann vorübergehend ihr Teil.“ Das sei „der Grund, warum seit dem Aussterben des Owenismus es in England keinen Sozialismus mehr gegeben hat“. Doch dieser Zustand sei nicht von Dauer: „Mit dem Zusammenbruch des Monopols wird die englische Arbeiterklasse (…) sich allgemein – die bevorrechtete und leitende Minderheit nicht ausgeschlossen – eines Tages auf das gleiche Niveau gebracht sehen wie die Arbeiter des Auslandes.“ Und darum werde „es in England wieder Sozialismus geben“. Ein erstes Anzeichen für diese Entwicklung sah Engels im „Wiedererwachen des Londoner Ostends“, welches zur „Heimat des ‚Neuen Unionismus‘ geworden“ sei, das heißt „der Organisation der großen Masse ‚ungelernter‘ Arbeiter“. Die Massen in diesen neuen Trade-Unions seien „roh, vernachlässigt, von der Aristokratie der Arbeiterklasse über die Achsel angesehen“, hätten aber „diesen einen unermesslichen Vorteil: Ihre Gemüter sind noch jungfräulicher Boden, gänzlich frei von den ererbten, ‚respektablen‘ Bourgeoisvorurteilen, die die Köpfe der bessergestellten ‚alten‘ Unionisten verwirren.“ Sind dies nicht auch für uns heute äußerst wertvolle Hinweise von Engels, wie man in einer konkreten historischen Situation die komplizierten Wechselbeziehungen nicht nur zwischen den Klassen, sondern auch zwischen ihren verschiedenen „Abteilungen“ untersuchen muss, um Entwicklungstendenzen und Ansatzpunkte zur Entwicklung von Klassenbewusstsein herauszufinden?

Zum Abschluss möchte ich noch auf ein Beispiel hinweisen, wie Engels in einer Zeitschrift der britischen Gewerkschaften in sehr populärer Weise grundlegende Erkenntnisse des Marxismus vermittelt. Seine Artikel im „Labour Standard“ aus dem Jahre 1881 „Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk“, „Das Lohnsystem“ und „Eine Arbeiterpartei“ sind Meisterwerke der „Vereinfachung“ – und Muster für uns, die Inhalte unserer wissenschaftlichen Weltanschauung in der Sprache und Gedankenwelt derjenigen darzustellen, die wir erreichen wollen. Darin war Engels ein wahrer Meister, darin sehe ich eines seiner großen Verdienste und möchte darum Eike Kopf zustimmen: „Bestreiten kann doch das nur jemand, der kein Interesse daran hat, dass Einsichten von Marx und Engels einem größeren Publikum zugänglich werden.“


Gekürzter Abdruck aus „Marxistische Blätter“ 5_2020 mit dem Schwerpunkt „Engels 200“. Unter anderem mit Beiträgen von Bernd Callesen/Georg Fülberth, Nina Hager, Kai Köhler, Priscilla Metscher und Manfred Sohn.
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"Meisterwerke der Vereinfachung", UZ vom 18. September 2020



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