Ursula von der Leyen will mehr rekrutieren. Was dabei wirklich zählt

Modernes Schanghaien

Von Uwe Koopmann

Es hat keine einzige Dekade in der Geschichte der Bundeswehr seit 1955 gegeben, in der nicht Soldaten „infolge der Ausübung ihrer Dienstpflichten“ zur himmlischen Armee abberufen wurden. Insgesamt waren es nach Angaben der Bundeswehr 3 200. Und: 3 500 Angehörige der Bundeswehr begingen seit 1957 Suizid. Die Statistik enthält keine Angaben zum „Kommando Spezialstreitkräfte“ im Ausland, denn die sind nahezu geheim. Die Todesfälle hindern Kriegsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nicht, die Truppenbestände wieder aufzufüllen.

Noch ganz lustig: Auf Youtube zeigt die Bundeswehr, wie „Die Rekruten“ die Versorgung verwundeter Kameraden üben.

Noch ganz lustig: Auf Youtube zeigt die Bundeswehr, wie „Die Rekruten“ die Versorgung verwundeter Kameraden üben.

( Youtube)

Die Wirtschaftswoche berichtete: „Deutschlands Armee fehlen hunderte Soldaten“. Helmut Michelis, Ex-Journalist der Rheinischen Post und aktiver Reserveoffizier konkretisierte: 1 700 Zeit- und Berufssoldaten müssten geworben werden. Ex-Minister Thomas de Maizière (CDU) hatte den Bestand zunächst durch „Reformen“ auf 177000 Soldaten reduziert. Seine Nachfolgerin stockt auf. Begründung: neue Einsätze im In- und Ausland, auslaufende Zeitverträge, Zementierung der Drohkulisse gegenüber Putin. Von der Leyen jammert nicht allein. An ihrer Seite singt Hans-Peter Bartels (SPD), Wehrbeauftragter des Bundestages, die gleiche Melodie. Auch der Bundeswehrverband hätte gerne 5 000 bis 10 000 Soldaten mehr.

Im Rahmen der reinen Arithmetik trifft die deutschen Mütter eine Mitschuld. Sie gebären immer weniger Kinder. 2015 waren es 751513, zehn Jahre später werden es voraussichtlich nur noch 660882 sein. Das sind die Zahlen für die 18-Jährigen, die Helmut Michelis vom Statistischen Bundesamt übernommen hat. Der Bevölkerungsstatistik begegnete von der Leyen mit einem postpädophilen Trick: Sie lockt auch 17-Jährige zum Bund. Und mehr Frauen sollten es auch sein.

Die Personalplanung versteht sich auf das moderne Schanghaien, die gewaltsame Rekrutierung zur Heeresergänzung. Dabei bedient man sich nicht mehr der knüppelharten Methoden der preußischen Werber aus dem 18. Jahrhundert. Heute kommen die Werber durch die mediale Hintertür. Der YouTube-Kanal „Die Rekruten“ bietet eine neue „Reality-Doku“, die zeigt, wie in der Grundausbildung aus jungen Menschen Soldaten geformt werden. Über 200 000 neue Abonnenten freut sich die Bundeswehr. „Mach, was wirklich zählt“, ist der Slogan der Werbekampagne.

Die Werbung kommt an, so dass selbst beim Freiwilligen Wehrdienst (FWT), der bis zu 23 Monate dauern darf, ordentlich gesiebt werden kann: Deutsch muss der Bewerber sein. Und wenigstens 155 Zentimeter soll sein persönliches Gardemaß betragen. Bleibt er länger als zwölf Monate beim „Bund“, muss er zu Auslandseinsätzen bereit sein. Deutschland wird ja immer noch am Hindukusch verteidigt. Nach 13 Jahren ISAF gilt seit dem 1. Januar 2015 der Einsatz „Resolute Support“. Bis zu 980 Soldaten genehmigte die Bundestagsmehrheit von Union und SPD am 17. Dezember 2015.

Weniger weit ist die Verlegung von Bundeswehrsoldaten ins Baltikum. Sie hat dort einen Führungsanspruch für ein NATO-Bataillon. Der Sender „n-tv“ nannte die militärische Aufgabenstellung beim Namen: „Deutschland schickt mehrere hundert Soldaten zur Abschreckung gegen Russland in den Osten der NATO.“ Und der britische Kriegsminister Michael Fallon ergänzt, damit werde ein starkes Signal gesetzt, dass die NATO zur Verteidigung ihrer Verbündeten gegenüber der anhaltenden Aggression Russlands bereit sei. Die Bedeutung des „Bündnisfalles“ und der deutschen Friedensfaselei von der Leyens ist allerdings auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Bundeswehr „eigentlich“ die NATO-Ostgrenze von 1989 nicht überschreiten sollte. Das hat die Leiterin der „Schule der Nation“ offenbar aus dem Geschichtsbuch gestrichen.

Die Bedeutung der Bundeswehr hinsichtlich einer Kriegführung gegen die Russische Föderation ist aktuell in dem Maße gestiegen, wie Donald Trump sich distanziert zur „Verteidigungsbereitschaft“ von Old Europe verhält. Bei so viel transatlantischer Verunsicherung passt es gut, wenn von deutscher Seite eine EU-Armee erneut diskutiert wird. Ursula von der Leyen: „Die Verteidigung der Europäischen Staaten ist für den Schutz der EU-Bürger und die Glaubwürdigkeit der Europäischen Union als Ganzes von Bedeutung.“ Frohlocken ist aus den Chefetagen von Rheinmetall Defence & Co. zu hören.

„Schutz“ bietet auch Frank-Walter Steinmeier (SPD) den Balten an. 71 Jahre nach dem 2. Weltkrieg rücken deshalb wieder deutsche Panzer ins Baltikum gegen Russland vor. Diesmal ist es der Leopard-2-Kampfpanzer mit bis zu 650 Soldaten der Bundeswehr im Schlepptau. Damit die Kriegsschauplätze dieser Welt von der Bundeswehr gut bedient werden können, bedarf es einer aktualisierten Personalplanung, die auch Bewerber ohne jeden Schulabschluss, Minderjährige und Kandidaten aus anderen EU-Ländern berücksichtigt. Das zählt wirklich.

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"Modernes Schanghaien", UZ vom 9. Dezember 2016



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