Von Hungersteinen und der Liebe

No

Party. Dieses kleine Fest steht an, in diesem kleinen Dorf. Berlin oder so. Ich habe alles gestaltet, was gefordert wurde: das Programmheft, die Bühnentransparente, die Bierdeckel, die großartige CD von Achim Bigus und alle Flyer dieser Welt. Unterbuxen waren nicht angefragt. Schade, wäre cool gewesen. Und alle anderen so: No.

Zeit. „Seit Beginn der Messungen der Rotationsgeschwindigkeit mit Atomuhren hat die Erde am 29. Juni 2022 ihren kürzesten Tag aufgezeichnet. Demnach drehte sich die Erde 1,59 Millisekunden weniger als 24 Stunden“ („Die Zeit“, was ja auch wieder lustig ist). Jedenfalls: Hatte ich jetzt mehr oder weniger Zeit im Restleben? Und ist mir das aufgefallen am 29. Juni 2022? An einem Mittwoch? Eher so: No.

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Liebe. „Bestehenden Freundschaften des neuen Partners oder der neuen Partnerin sollte zudem Raum gegeben werden, etwa für gemeinsame Unternehmungen oder Reisen – auch ohne einen selbst“ (n-tv). Finde ich prima. Vor allem den letzten Halbsatz.

Leben. Kumpel H. (der Rocker H., nicht der wilde H.) war mit Freundin in der Slowakei, Sieben-Tage-Punkrockparty. Jetzt hat er Corona. Ich sach mal: Ach was. Jedenfalls ruft mich jetzt die Freundin, die sieben Tage mit ihm im Zelt verbracht hat, an, und fragt, ob ich nicht mit ihr zu den „Dead Kennedys“ nach Oberhausen will, er wäre ja krank: „Ich fahr‘ auch.“ Ich zähle eins plus eins zusammen und antworte: No.

Aktuelle Stunde (WDR). Interview auf der Kö in Düsseldorf, Laufsteg der Reichen und Superreichen. Frage: „Wie sparen Sie Energie?“ Antwort: „Ich habe vieles auf Kalt gestellt. Zum Beispiel das Wasser im Gästebad.“ Wasser im Gästebad … Vielleicht auch für euch ein Tipp?

Gesundheit. „Schicke Schuhe“ grinst der Gartenbro A. und kichert verhalten. „Gar nicht schick!“, möchte ich rufen, „aber eventuell, vielleicht, schätzungsweise wirkungsvoll.“ Denn hässlich sind sie, diese Barfußschuhe, die mir mein Gehen wieder erfreulich machen sollen. Und überhaupt: Barfuß-Schuhe. Ja was denn jetzt? Barfuß oder Schuhe? Beides ist doch Humbug. Egal, gehe die 81,2 Meter zu meinem tamilischen Büdchen und kaufe mir ein Kronen-Export. Zurück in der Wohnung: Keine Schmerzen. Werde später zum „Rewe“, 362,7 Meter. Mal sehen, was geht (Wortspiel, juchhu!).

Klima. „Wenn du mich siehst, weine – Niedrigwasser legt Hungersteine in Flüssen frei.“ Ihren Namen erhielten die Steine laut historischen Berichten ursprünglich von Schiffern aus dem 15. Jahrhundert, da das Auftauchen der Steine bei Niedrigwasser für sie ein Ausbleiben der Einkünfte bedeutete. Weinende Hungersteine – was ein Symbol für einen alles zerfressenden Kapitalismus, der die Welt zerstört. Krass.

Mitarbeiter. Plage mich mit einem neuen Genossen, der nicht viel von der Materie weiß, aber Sätze formuliert wie: „Die Daten müssen nicht 100-prozentig korrekt sein, die Online-Druckerei macht das schon.“ Ich so: „Nein.“ Er so: „Doch.“ Ach was. Und die Druckerei dann per Mail schlicht und einfach: No. Tja …

Dank. Nein, auf die Knie gehen sollte keine/r, vor Niemanden. Aber anerkennen sollte Mensch die Anstrengungen, die Genossinnen und Genossen neben ihrer ganz normalen Arbeit ins Pressefest gesteckt haben. Seit Wochen und teils Monaten jeden Abend, jedes Wochenende Sitzungen, Besprechungen, Telefonate, Videokonferenzen. Das ist schon teils übermenschlich. Also, schlicht und einfach: Danke!

Und jetzt heißt es dann wohl auch für mich auf nach Berlin?! No.

Ach Mist, dümmlicher, sorry. Ich meine natürlich: Go!

Pace.

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"No", UZ vom 26. August 2022



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