Oetker: Pudding für die Heimatfront

Von Richard Corell und Stephan Müller

Wer den Namen Oetker hört, denkt erst mal an Pudding und Kuchen. Wir werden sehen, wie aus Backpulver nicht nur Torten wachsen können, sondern Macht und Milliarden.

Dabei hat der Firmengründer August Oetker das Backpulver gar nicht erfunden, aber er verkaufte es ab 1891 in 10-Pfennig-Tüten in seiner Apotheke zu Bielefeld. Im Jahr 1900 wurde dort die Fabrik errichtet, in der nun auch Puddingpulver, Aromen u. a. hergestellt wurde. Im 1. Weltkrieg warb Oetker mit: „Deutsche Hausfrauen! Kauft von jetzt an nur noch das deutsche Gustin statt des englischen Mondamin.“ Lukrative Heeresaufträge versüßten den Alltag an der Heimatfront, während Sohn Rudolf bei Verdun sein Leben ließ. Die Inflation nach dem Krieg machte das Unternehmen schuldenfrei. Und mit der Stabilisierung der Währung ging die Expansion richtig los. Der eingeheiratete Geschäftsführer Kaselowsky knüpfte Verbindungen u. a. zu Henkel und saß in verschiedenen Aufsichtsräten, nicht zuletzt bei der Deutschen Bank. Die Weltwirtschaftskrise überstand das Unternehmen mit wenigen Blessuren.

Nach der Machtübertragung an die Faschisten ließ Kaselowsky 1933 an der Bielefelder Kunsthalle ein riesiges leuchtendes Hakenkreuz und ein Hitler-Porträt anbringen. Er selbst war Mitglied im „Freundeskreis Reichsführer SS“. Die Oetker-Produktion florierte im Krieg dank Ausbeutung von Zwangsarbeitern, der Absatz wurde durch Puddingpulver auf Lebensmittelkarte garantiert. Unvergessen sind die Proteste der Bielefelder Antifaschisten, als 1968 die Kunsthalle in Bielefeld nach Kaselowsky benannt werden sollte. Sie führten dazu, dass der Ministerpräsident von NRW Heinz Kühn und der Komponist Werner Henze ihre Teilnahme an der Einweihungsfeier absagten. Kaselowskys Nachfolger Rudolf August Oetker war als SS-Offizier beim Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion dabei. Er war bis 1947 interniert. Ab 1950 saß er in Bielefeld wieder fest im Sattel. Bekannt wurden seine Spenden für die NPD. Als 1998 (!) die SPD-Grünen-Stadtratsmehrheit den Namen Kaselowsky tilgte, ließ R.  A. Oetker sämtliche Bilder-Leihgaben aus der Kunsthalle abholen.

Und Oetker florierte: die Reederei-Sparte wurde ausgebaut (heute unter den zehn größten Containerflotten der Welt), die Biermarken Dortmunder Actien Bräu, Binding und Berliner Kindl wurden aufgekauft. Luxushotels kamen dazu. Inzwischen gehören z. B. Henkell und Selters zu Oetker, Radeberger (nach dem Raubzug in der DDR) und Bionade; und mit dem Bankhaus Lampe auch die eigene Geldschöpfungsanlage.

Heute gehören rund 400 Firmen zum Oetker-Konzern. Über 28 000 Werktätige sorgen für 11 Milliarden Euro Umsatz (2014). Sie schaufelten dem Clan die Profite in die Tasche, zu denen noch immer keine Angaben gemacht werden müssen, da die Holding die Rechtsform einer Kommanditgesellschaft hat und damit bei der Aufsichtsratsmitbestimmung außen vor bleibt. Das Vermögen der Erben wird auf 7,7 Milliarden Euro taxiert.

Mit der Finanzoligarchie sind die Oetkers fest verbunden und mischen sichtbar mit u. a. im Präsidium der Monopolverbände BDI und BDA, in der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, in der Atlantik-Brücke, in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, in der Trilateralen Kommission und auch als Mitglieder und Großspender der CDU.

In unserer Serie “Unsere Oligarchen” stellen wir die Spitzen des deutschen Finanzkapitals vor.

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"Oetker: Pudding für die Heimatfront", UZ vom 6. Mai 2016



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