Befragung der Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie startet. Kapitalisten klagen über Kosten und Krise

Achtung Lohndrücker!

Die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie beginnen zwar erst im Oktober, aber die Diskussionen in den Tarifkommissionen sind bereits angelaufen. Am 1. Juni startet die Beschäftigtenbefragung zu den Forderungen, mit denen die IG Metall in die Verhandlungen gehen will. Sie läuft bis zum 28. August. Mitte September sollen die Forderungen beschlossen werden.

Eigentlich sollte die Diskussion um die Forderung bereits im Mai anlaufen. Doch die IG Metall und Gesamtmetall haben sich auf eine Änderung der Frist für das Vorlegen der Forderung verständigt. Die Frist für das Einreichen der Forderung für den neuen Tarifvertrag wurde verkürzt. Damit soll ermöglicht werden, dass die Aufstellung der Forderung erst nach der Sommerpause erfolgen muss. Das bedeutet aber auch, dass in mehreren Fällen – je nach Bundesland – alle sechs Wochen der Sommerferien in den Befragungszeitraum fallen, was der Diskussion über die Forderung in den Vertrauenskörpern nicht gerade förderlich ist.

Die erste Frage in dem Bogen lautet: „Wie schätzt du die wirtschaftliche Situation bei dir im Betrieb ein?“ Erst danach werden Themen abgefragt, die die Kollegen bewegen: steigende Preise für Lebensmittel, Wohnkosten, Gesundheitskosten, die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Zukunft des Betriebes, Weiterbildungsangebote, Ausbildung und Übernahme junger Menschen sowie Rente. Anschließend gibt es die Möglichkeit, die jeweils eigene Vorstellung zur Entgeltforderung einzusortieren: „kräftig“, „moderat“, „klein“ oder „gar keine Entgelterhöhung“ – das sind die möglichen Antworten. Eine Lohnerhöhung in Euro oder Prozent anzugeben, ist nicht vorgesehen. Es bleibt also der Interpretation der Auswertenden überlassen, ob eine kräftige Erhöhung 3 oder 10 Prozent, 50 oder 500 Euro sind. Die letzte Frage ist zur Bereitschaft der Befragten, sich einzusetzen – also Mitglied zu werden, sich zu informieren, an Warnstreiks teilzunehmen beziehungsweise zu streiken, „wenn es nötig ist“.

Dieser Fragebogen wird für die Forderungsfindung wenig hilfreich sein. Es hat den Anschein, dass die Erwartungen gedämpft werden sollen – auch weil die Abfrage zur wirtschaftlichen Lage als Einstieg gewählt wurde. In einem Artikel zur Tarifrunde im Mitgliedsmagazin „Metall“ wird betont, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen herausfordernd sind. Es wird auf Krise, Beschäftigtenabbau, Verlagerungen und Schließungen verwiesen, was ebenfalls auf die Absicht der Dämpfung hinweist.

Doch wie ist die Lage der Beschäftigten? „Die Lohnentwicklung in der Metall- und Elektroindustrie hat ihre Orientierungsfunktion für andere Tarifabschlüsse verloren; die Entwicklung der Tariflöhne war 2025 sogar im Vergleich mit anderen Sektoren eine der schwächsten“, heißt es in einer Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zur Tarifpolitik vom März 2026 mit dem Titel „Angriff auf die Sozialpartnerschaft?“. Auch die Jahre davor, die von hohen Inflationsraten geprägt waren, waren von hohen Reallohnverlusten gekennzeichnet. Die Reallöhne sind seit dem Jahr 2018 rückläufig. Dazu kommt, dass auch die Beschäftigungssicherungsvereinbarungen die Reallöhne gesenkt haben, da dort tarifliche Standards abgesenkt wurden.

„Insbesondere werden übertarifliche Zulagen reduziert oder vollständig abgeschafft; in einzelnen Fällen kommt es darüber hinaus zur Aufkündigung bestehender Tarifverträge. Die tariflichen Eingriffe betreffen dabei nicht nur Entgeltbestandteile und Sonderzahlungen, sondern auch Arbeitszeitregelungen. (…) Sie bedeuten Reallohnverluste für einen Großteil der Beschäftigten in der Branche“, so das WSI. Das bedeutet, dass die Reallöhne sowohl durch niedrige Tarifabschlüsse als auch durch die Aushöhlung tariflicher Standards im Rahmen von „Zukunftsvereinbarungen“ abgesenkt wurden. Das allein sind schon Gründe genug für eine hohe Forderung – am besten als Festgeldforderung, weil diese den Beschäftigten in den unteren Lohngruppen, die besonders unter den Verlusten leiden, etwas Erleichterung verschaffen würde. Da es in der Befragung keine Möglichkeit gibt, die Forderungshöhe zu beziffern, sind entsprechende Beschlüsse der gewerkschaftlichen Vertrauensleute in den Betrieben nötig.

Eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Das Gejammere der Kapitalisten wird groß sein. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), klagte bereits am 13. Mai in der Tagesschau über die hohen Lohnkosten sowie die gravierende und anhaltende Standortkrise.

Je näher wir der Forderungsaufstellung kommen, desto lauter wird das Wehklagen der Kapitalisten. Davon dürfen sich die Kolleginnen und Kollegen aber nicht abschrecken lassen. Für das Kapital gibt es keinen richtigen Zeitpunkt für eine gute Lohnerhöhung. Es will immer – ob Krise oder Hochkonjunktur – die Löhne drücken, um die Gewinne zu steigern. Tatsache ist – und das zeigen auch die Zahlen des WSI –, dass in den meisten Unternehmen trotz sinkender Profitmargen weiterhin Gewinne erzielt werden. Sie sind nur niedriger als die Gewinne, die sie sich wünschen.

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"Achtung Lohndrücker!", UZ vom 29. Mai 2026



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