Mitreißen, in den Hintern treten, Utopien entwerfen: Die Zöllner Bigband auf dem UZ-Pressefest in Berlin

Oh, wie schön ist Machandeltal!

Michael Merz

Was haben wir uns aufgeregt über die, die nicht mal Räume vermieten wollten weiter vorne am Rosa-Luxemburg-Platz – dabei ist es doch eigentlich viel schöner, sich über die zu freuen, die helfen. Und was haben sie geholfen, die „junge Welt“ und ihr Verlag 8. Mai: Die Internationale Kommission der DKP konnte mit ihren Gästen in zwei ungenutzten Räumen der jW-Redaktion unterschlüpfen, genauso die Pressefest-Leitung. Auf der hauseigenen Terrasse wurden Getränke und Essen ausgeschenkt und schon am Aufbauabend Gäste von nah und fern und Helferinnen und Helfer gleichermaßen verköstigt. Die Maigalerie war während des gesamten Festes geöffnet und bot neben der wunderbaren Ausstellung zur „Inspiration Käthe Kollwitz“ Platz für Kulturprogramm und Diskussionsrunden – auch hier so überfüllt, dass sie nach draußen übertragen werden mussten. Schon für den Freitagabend hatte die jW zur Einstimmung ein Konzert mit Tobias Thiele organisiert und kam – wenige Wochen vor dem Fest – mit einer Idee um die Ecke, die sich zum krönenden Abschluss des Festes entwickeln sollte. Und weil die Hilfe nicht gemeinsam mit dem Fest endet, steht an dieser Stelle einfach mal ein Artikel aus der „jungen Welt“. Der Stellvertretende Chefredakteur Michael Merz schreibt über den Knaller des Sonntagnachmittags, den Auftritt der Zöllner. Und wir sagen Richtung jW und Verlag 8. Mai: Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Genossinnen und Genossen, es hat Spaß mit euch gemacht. Herzlichen Dank!

Jedes Konzert von Die Zöllner ist einzigartig. Keins soll einem davor gleichen. Der Anspruch geht bis hinein in die Setlist, die von André Gensicke – dem sonst an den Tasten anzutreffenden, kongenialen Kompagnon Dirk Zöllners – vor jedem Auftritt akribisch vorbereitet wird. Anstatt mit einer funky Uptempo-Nummer die Urgewalt der Bigband gleich zu Beginn auszuspielen, wählte er diesmal das eher bedächtig angehende, sich dann schwer dramatisch entwickelnde „Idylle im Krieg“. Der Song zieht hinein ins Zöllnersche Werk, sein Thema ist die Unerträglichkeit von nahem Glück und nicht allzu fernem Grauen.

Es ist Sonntagnachmittag auf dem UZ-Pressefest in Berlin, endlich heizen auch Sonnenstrahlen den Rosa-Luxemburg-Platz – die Band groovt, im Publikum können Kopf, Bauch und manchmal auch die Beine nicht mehr loslassen. Eine Idylle, mitten im Krieg. Und Die Zöllner auf Menschenfang. Sie sind mit großem Besteck am Start, ein dreiköpfiges Bläserensemble gibt Bass, Schlagzeug, Gitarre und Keyboards den knackigen Überbau. Im dritten Song „Gib mir Musik“ deutet sich schon an, worauf es hinausläuft und spätestens mit „Alles oder nichts“ ist selbst der Zöllner-Unkundige eingetaucht – lauscht, lässt sich bannen, klatscht und singt mit. Das Hüfteschwingen klappt zunächst nur zaghaft, was sich im Laufe des Konzerts ändern sollte.
Die Band ist auf Ochsentour, auch wenn das keiner zugeben oder sich anmerken lassen würde. Am Vortag haben sie zwei Konzerte hunderte Kilometer weit weg in wechselnder Besetzung gespielt. Dirk Zöllner hatte da noch kräftig mit dem Magen zu kämpfen und das Übel jetzt schon wieder eisern weggesteckt. In Berlin ein geflügeltes Wort unter den Bandkollegen: Sie kommen nach und nach vorm Konzert an Bühne und Backstagebereich an, fragen: „Wo bitte geht’s hier zum Erfolg?“, und schwupps kann der Aufbau beginnen.

Nun knallt die Sonne gnadenlos auf die verschwitzten Gesichter. Noch ein Song über die Einsamkeit – „Wo ist der Hund?“ –, dann einer für den Frieden. „Mein Herz schlägt für Deserteure“, bekennt Dirk Zöllner. Es kommt „Bleifrei“, der Text von Werner Karma, Refrain: „Die Sehnsucht des Soldaten/Zielt nicht auf Heldentaten/Nicht mal auf ’n Sieg/Er will bloß bleifrei durch den Krieg.“

Mit kapitalistischer Verwertungslogik kann und will Zöllner nichts zu tun haben, kanzelt den „Blödsinn von unendlichem Wachstum auf einem endlichen Planeten“ ab: „Wir müssen neue Wege gehen!“ Denn so, wie es läuft, kann’s nicht mehr weitergehen. Es folgen neue („Zack! Zack!“) und alte Hinterntreter („Rosarote Segel“), dann nimmt die Band Anflug auf den neuen Song „Machandeltal“, jenen gleichsam realen wie utopischen Ort, den es zu gestalten gilt. Zöllner hat ihn in diesem Sommer an der Ostsee gefunden, mit Newcomer-Bands und etablierten Musikern gespielt, noch dazu seinen 60. Geburtstag gefeiert. Die Utopie kann überall sein, ohne Nazis und Rassisten, ohne die Leute, die einen nur davon abhalten, das zu tun, was uns alle nach vorn bringt.

Wie geht’s weiter mit den Zöllnern? Ein neues Buchprojekt, diesmal in Form einer Graphic Novel, ist in Planung. Und am neuen Album – der Titel ist schon bekannt: „Alles auf Anfang“ – schraubt die Band schon kräftig. Es soll, wie schon der Vorgänger „Zack! Zack! Zessions“, durch Crowdfunding-Unterstützung ans Licht kommen. Mit den großen Labels hat man es glücklicherweise nicht so. Das Beste rausholen, ohne Zwänge. Schließlich ist überall, wo Dirk Zöllner seinen Hut hinhängt, Machandeltal.

Und während des letzten Songs ist es mucksmäuschenstill auf dem großen Rosa-Luxemburg-Platz, prall gefüllt mit Menschen. Die Stecknadel hätte man fallen hören können nach der Textzeile: „’n Käfer auf’m Blatt, was ist das schon?“

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"Oh, wie schön ist Machandeltal!", UZ vom 2. September 2022



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