EU-Austeritätspolitik hat verheerende Auswirkungen auf das griechische Gesundheitswesen

Operation gelungen, Patient tot

Von Melina Deymann

Wie die EU mit unserer Gesundheit umgeht, sieht man am Beispiel Griechenland. Die Sparpolitik, die die EU Griechenland aufgezwungen und mit Hilfe der Syriza-Regierung durchgedrückt hat, macht deutlich, was der EU wichtig ist: Profite. Dabei machen sie auch vor dem Leben und Überleben der Bevölkerung keinen Halt. Auf Geheiß aus Berlin und Brüssel wurden Renten gekürzt und die Jugendarbeitslosigkeit stieg in einem Maße, dass junge Menschen keine Perspektive im eigenen Land mehr sehen. Staatliche Einrichtungen wie Häfen werden zu Spottpreisen privatisiert. Besonders betroffen ist das Gesundheitssystem.

Seit Beginn der Krise 2008 sind die Ausgaben für das öffentliche Gesundheitswesen um rund 60 Prozent gekürzt worden, von 24 auf rund 9,5 Milliarden Euro im Jahr. Viele Gesundheitszentren und Krankenhäuser mussten in den letzten Jahren schließen, die Hälfte aller Ärzte an staatlichen Kliniken sind wegen der Sparmaßnahmen entlassen worden. Rund 20 000 Ärzte haben Griechenland verlassen, die Abwanderung hält an, wovon vor allem Deutschland wieder profitiert. Im Radiosender„Deutschlandfunk“ berichtet die Radiologin Despoina Tosonidou, angestellt im Athener Asklipio-Krankenhaus, dass ärztliches Personal fehlt. Rund 350 Stellen seien in ihrem Krankenhaus nicht besetzt, gleichzeitig seien die Gehälter stark gesunken. Mit 20 Jahren Berufserfahrung verdient die Ärztin heute 1 500 Euro netto, weniger als bei ihrer Einstellung.

Neben dem Personalmangel kämpfen die Ärztinnen und Ärzte mit defekten Diagnostikgeräten, fehlenden Medikamenten und oft so banalen Dingen wie kaputten Klimaanlagen im OP. Die werden aus Kostengründen nicht repariert. Banal eigentlich, doch im heißen Athener Sommer kann das  für den zu operierenden Patienten den Unterschied machen.

Die Kürzungen haben verheerende Folgen. Längst besiegte Erkrankungen wie Tuberkulose breiten sich wieder aus. Der Anteil der an Diabetes mellitus erkrankten Menschen in der Bevölkerung ist von 2009 bis 2015 von 7,9 auf 9,2 Prozent gestiegen, bei Depressionen gab es in diesem Zeitraum einen Anstieg von 2,6 auf 4,7 Prozent. Die Selbstmordrate ist angestiegen, genauso wie die Säuglingssterblichkeit, von 2,7 Fällen auf 1 000 Geburten im Jahr 2010 auf 4,2 im Jahr  2016. Seit 2011 gibt es in Griechenland – zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs – mehr Sterbefälle als Geburten.

Despoina Tosonidou bringt es im Gespräch mit dem „Deutschlandfunk“ auf den Punkt: „Es wurde schon so viel Geld in die Bankenrettung gesteckt. Wenn nur ein Bruchteil dieses Geldes in die Gesundheit gesteckt worden wäre, würden die Dinge heute anders aussehen.“

Aber ein Gesundheitssystem, das dem Wohle der Patienten dient und nicht den Profiten? Das  ist in der EU nicht vorgesehen.

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Operation gelungen, Patient tot", UZ vom 10. Mai 2019



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