Über die Kampfbedingungen des Logistikproletariats

Picker, Packer und Docker

Tim Laumann

Die Deutsche Post mit ihrer Tochter DHL und der Internetversandhändler Amazon sind die beiden führenden Konzerne in der Branche Kurier-, Express- und Postdienstleistungen (KEP). Die Arbeitsbedingungen bei beiden Unternehmen scheinen auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein zu haben. Auf die Tradition der Deutschen Postgewerkschaft zurückgehend, existieren im Bereich der Deutschen Post flächendeckend Betriebsräte und Vertrauensleutestrukturen, ihr Organisationsgrad ist hoch, es gibt arbeitende, vereinzelt auch kämpferische Betriebsgruppen in vielen Niederlassungen. Die Arbeitsbedingungen und der Lohn gelten entsprechend diesem Kräfteverhältnis als die besten in der Branche. Amazon hingegen verfolgt eine aggressiv gewerkschaftsfeindliche Strategie; die Löhne und Arbeitsbedingungen orientieren sich am unteren Rand des gesetzlich Erlaubten. Recherchen der DGB-Arbeitsgruppe „Faire Mobilität“ zeigten, dass Gesetze teilweise unterlaufen werden. Doch beide Konzerne haben etwas gemeinsam: das Profitinteresse. Warum sie unterschiedliche Wege gehen und was das für die Arbeits- und Kampfbedingungen der Beschäftigten heißt, ist Gegenstand dieses Aufsatzes.

Produktivkraftentwicklung

Um den erwirtschafteten Mehrwert zu Profit zu machen, müssen die Kapitalisten ihre Waren verkaufen. Der Tauschwert der Ware realisiert sich für sie also erst dann, wenn sie jemanden gefunden haben, der ihren Gebrauchswert nutzen kann. Früher übernahmen diese Aufgabe die Verkäufer auf dem Marktplatz oder im Kaufhaus. Die qualifizierte Verkäuferin brauchte Kenntnisse des Gebrauchswerts der Ware – sie musste über Marken, Nutzen, Größen, qualitative Eigenschaften und ästhetische Zusammenhänge Bescheid wissen.

Das übernehmen heute diverse Online-Plattformen nebst ihren Kommentar- und Bewertungsmöglichkeiten und eine ins Riesenhafte gewachsene Werbeindustrie. Den Verkäufer spart man dabei genauso ein wie den Laden – bestellt wird im Internet. Bei den großen Versandhändlern sind neue Berufe entstanden. Der Picker holt Waren aus dem Lager, der Packer verpackt sie in Kartons und macht sie versandfertig und der Docker lädt die Waren auf einen Lkw. Am Ende der Kette steht der Zusteller, der die Ware im Paket übergibt. Sie alle haben mit der Ware nur noch in der Form ihres Einflusses auf ihre Arbeitsbedingungen zu tun, etwa wenn sie sehr schwer oder sperrig ist.

Der technische Fortschritt ermöglichte den Internethandel. Ein riesiges Warenangebot kann durch die Unbegrenztheit des Internets mit relativ wenig Aufwand auf den Markt geworfen werden. Die Preise können durch die digitale Flexibilität automatisiert angepasst werden. Durch die einfache Online-Vergleichbarkeit für die Käufer wird der Preis zum alleinigen Entscheidungsmerkmal. Im Bereich des Personals findet eine massive Dequalifizierung statt. Die Arbeitsteilung vom Picker bis zum Zusteller ist so kleinteilig, dass die Qualifikation für die jeweilige Aufgabe sehr gering ist. Für die Kapitalseite hat es den Vorteil, dass die einzelnen Arbeitsschritte gleichzeitig universell einsetzbar sind. Der Packer muss nur noch wissen, wo er den Karton findet, den ihm der Computer vorgibt, die Waren des Pickers einlegen, eventuell Verpackungsmaterial hinzufügen und das Paket dann schließen.

Nicht zu Unrecht sind diese Entwicklungen mit dem Namen Amazon verbunden. Aber auch alle anderen Logistikunternehmen nutzen diesen Produktivkraftschub. DHL bietet Händlern unter dem Namen „Supply Chain“, im Deutschen heißt der Begriff „Nachschubkette“, ein ähnliches Konzept. So managte DHL über Jahre den Nachschub einiger Modemarken, indem die gesamte Lagerung, Belieferung der vorhandenen Filialen und der Versand der bestellten Kleidung inklusive Teile der Lagerverwaltung wurden. Die dabei entstehenden Arbeitsweisen ähneln häufig denen der „Fulfillment Center“ von Amazon.

Dequalifizierung

Diese neueste Stufe der Produktivkraftentwicklung wird unter Gewerkschaftern häufig als Digitalisierung bezeichnet, womit nahegelegt wird, dass diese Entwicklung ein eigenständiges Subjekt sei, dem man machtlos gegenübersteht – man habe nur die Chance, an der Seite der Monopole und ihres Staates den „Standort Deutschland“ mitzugestalten. Stefan Kühner beschreibt in seinem Buch „Neue Technik, Neue Wirtschaft, Neue Arbeit“ diese Hilflosigkeit am Beispiel der staatsmonopolistischen Arbeitskreise zur Digitalisierung, in denen die IG Metall sitzt. Auch in den aktuellen „Marxistischen Blättern“ (5/2021) beschreiben die kämpferischen Gewerkschafter Peter Schadt und Nathan Weis sowie der Soziologe Werner Seppmann die klassengebundene Erforschung, Nutzung und Wirkung der neuen Technologien. Grundsätzlicher argumentiert eine ältere Forschungsarbeit des Instituts für Marxistische Studien und Forschungen: Mit Produktivkraftentwicklungen wird die Arbeitskraft gut ausgebildeter Facharbeiter entwertet. Für die meisten bleibt die reine Bedienung der neuen Maschinerie. Nur wenige Beschäftigte werden in höherwertigen Funktionen gebraucht und können sich die meist akademische Bildung aneignen, die zur Überwachung ganzer technischer Areale nötig ist.

Prekarisierung

Die Tätigkeit von Fachkräften der Lagerlogistik wurde auf stark von der Technik diktierte Anlernfunktionen beschränkt. Entsprechend gering ist die Entlohnung, entsprechend hoch ist der Druck. Die Reproduktionskosten eines neuen Stücks Arbeitskraft – also eines neuen Beschäftigten – sind gering: wenige Einarbeitungstage, eine Ausbildung wird nicht benötigt, Schulbildung wenig und selbst Sprachkenntnisse kaum. Damit wird eine weitgehende Prekarisierung möglich: Arbeitskräfte müssen nicht gehalten werden. Jörn Boewe und Johannes Schulten erklären daraus die international vergleichbaren Schwierigkeiten gewerkschaftlicher Organisierung und gewerkschaftlicher Kämpfe. Gewerkschaftlich organisierte und streikbereite Kollegen aus den „kritischen“ Bereichen wie der Be- und Entladung können sehr einfach ersetzt werden (Analysen der Rosa-Luxemburg-Stiftung Nr. 57, Berlin, Juli 2019).
Als „letzte Meile“ bezeichnen die Logistiker den abschließenden Teil der Lieferung. In diesem Bereich gibt es inzwischen eine rege Konkurrenz, auch wenn die Post-Tochter DHL hier eindeutig dominierend ist. Seit 2017 baut Amazon eine eigene Lieferlogistik auf und ist in die Zustellung eingestiegen.

Der Bereich der Lieferlogistik ist in der Kapitalistensprache ein „Wachstumsmarkt“. Der „Bundesverband Paket und Expresslogistik“ gibt an, dass sich die Zahl der Sendungen im Laufe der letzten zehn Jahre fast verdoppelt hat. 2020 wurden mehr als vier Milliarden Pakete verschickt. Damit machten die Unternehmen der Branche 23,5 Milliarden Euro Umsatz. Die Zeitschrift „Mitbestimmung“ der Hans-Böckler-Stiftung schilderte im Januar dieses Jahres die Folgen für die Beschäftigten der Branche: Deren Zahl nahm von 2015 bis 2020 um knapp 20 Prozent zu. Bei den aktuell Beschäftigten gibt es eine starke Binnendifferenzierung des Lohns – Ungelernte erhielten im Bereich KEP 2019 durchschnittlich 11,78 Euro brutto pro Stunde, Angelernte 14,18 Euro, gehobene Fachkräfte 28,65 Euro. Die Bezahlung liegt also für die Mehrzahl der Beschäftigten nur knapp über dem Mindestlohn. Für die Kapitalseite brummt der Laden.

Konkurrenzkampf

Um auf diesem Markt bestehen zu können, greifen die Kapitalisten zu unterschiedlichen Methoden. Die Deutsche Post erhöhte die Preise für Standardbriefgrößen im Privatkundenbereich. Mit den zusätzlichen Gewinnen wird der unter Konkurrenzdruck stehende Paketmarkt querfinanziert. Das wurde gegen die Bundesnetzagentur durchgesetzt, deren Aufgabe die staatliche Kontrolle der Versorgungssicherheit der Bevölkerung ist.

Die Monopolstellung in der Briefzustellung ermöglicht dem Konzern Deutsche Post durch die Umsatzsteuerbefreiung der „Universaldienstleistung“ Extraprofite. Diese wurden ebenfalls im Paketmarkt angelegt.

Amazon hingegen setzt auf den Aufbau einer Lieferlogistik komplett ohne eigene Fahrzeuge oder beim Konzern angestellte Fahrer. Die Auslieferung übernehmen nach Recherchen der Rosa-Luxemburg-Stiftung entweder „Delivery Service Partner“, also Subunternehmer, die häufig exklusiv für Amazon arbeiten. Die andere Variante sind formal „soloselbstständige Auftragnehmer“, die über die „Amazon Flex“-App auf Anfrage gerufen werden können. Die Subunternehmen agieren überwiegend mit prekärer Beschäftigung, die Amazon-Flex-Beschäftigten sind vollkommen der prekären Situation ausgeliefert.

Einer dieser Kurierfahrer, Mohammad Zolai Naebi, sprach in der „jungen Welt“ vom 6. Oktober über seine Arbeitsbedingungen bei einem Subunternehmer: „Die Arbeit begann um fünf Uhr morgens. Für den Feierabend gab es keine genaue Uhrzeit, weil man erst einmal alle Waren zu den Kunden bringen musste. Normalerweise war um 16 Uhr Feierabend, aber eine Tour konnte auch um 17 oder erst um 22 Uhr zu Ende sein. Wir haben an sechs Tagen in der Woche ohne Pause gearbeitet, es war immer Stress.“ Koordiniert wurde er über die Amazon-App: „Manchmal hatten wir alle 30 Minuten einen neuen Termin, der uns in der Amazon-App angezeigt wurde.“ Als er sich beim Tragen den Rücken verletzte und für Wochen ausfiel, wurde er entlassen. In der aktuellen Studie von Sabrina Apricella „Das Prinzip Amazon“ wird beschrieben, dass diese Grausamkeit System hat – sie dient der Einschüchterung und zur Verstärkung der Tendenz des „Wegduckens“ bei Angriffen auf die sozialen Rechte der Arbeiter.

Der Unterschied zwischen beiden Modellen liegt im Kräfteverhältnis der Klassen. Die langen Kämpfe gegen die Privatisierung bei der Post und die bis heute andauernden Kämpfe gegen deren Folgen prägen Organisationsgrad, Kampfbereitschaft und Klasseninstinkt. Auch die arbeitsrechtliche Sonderstellung der alten Beamten fällt ins Gewicht. Mit den sechswöchigen Streiks 2015 erreichten die Abwehrkämpfe den bisherigen Höhepunkt. DHL hatte versucht, die Zustellungslogistik in Regionalgesellschaften auszugliedern, um dort langfristig die Löhne zu senken. Ein Prekarisierungsmodell Marke Amazon konnte vorerst verhindert werden. Die Entwertung der Ware Arbeitskraft und damit das Sinken ihres Preises stellen die wesentliche Tendenz dar, die durch die Produktivkraftentwicklung hervorgerufen wurde. Den Kapitalisten ermöglicht dies die Steigerung ihrer Profite. Das Interesse der Kapitalisten an diesen Prozessen ist eine Gesetzmäßigkeit. Das Kräfteverhältnis bestimmt, ob und wie sie es umsetzen können.

Klassenbewusstsein schaffen

Die Erkenntnis, dass ein Wachstum der Produktivkräfte unter kapitalistischen Bedingungen gegen die Beschäftigten gewendet wird, ist bei vielen Kolleginnen und Kollegen meist in Ansätzen vorhanden. Das umfasst die Tendenz zur Dequalifizierung und Prekarisierung, die den Schwerpunkt dieses Artikels bildete, aber auch Tendenzen zu schärferer und ständiger Überwachung, einer Steigerung des Arbeitsvolumens und einer Verdichtung der Arbeit. Diese Tendenzen werden meist mehr gefühlt als im Zusammenhang mit der Produktivkraftentwicklung gesehen. Die Schuld wird eher der Technik gegeben: „Wenn es technisch möglich ist, werden die es schon machen!“ Wobei das Subjekt immerhin schon erkannt wird.

Die relativ guten Arbeitsbedingungen bei der Post müssen von den Postlern als Ausdruck des Kräfteverhältnisses – vor allem ihres Organisationsgrads – erkannt und verteidigt werden. Aufklärung über die Zustände bei Amazon und die Verknüpfung mit den zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise sind Ansätze für die Entstehung von Klassenbewusstsein.
Die Gewerkschaft ver.di kämpft bei der Post an mehreren Fronten: als Kampagne „(un)befristet“ gegen die zunehmenden Befristungen, im letzten Tarifvertrag gegen die Ausgliederung von Brief- und Paketzustellbezirken an auswärtige Firmen oder gegen Arbeitsverdichtung wie im Luftpoststreik am Frankfurter Flughafen im März dieses Jahres. Diese Kämpfe müssen durch aktivere Vertrauensleutestrukturen wieder in die Betriebe geholt und dort durch Aktionen unterstützt werden. Viele dieser Kampagnen bleiben bei einer reinen Mobilisierung stehen. Viele enthalten Bestandteile, die vor Ort in Kämpfe überführt werden können. Diese zu suchen und zu finden wird die Aufgabe fortschrittlicher Gewerkschafter sein.

Die Kämpfe bei Amazon haben inzwischen ein beachtliches Niveau erreicht. Sie sind von kämpferischen betrieblichen Strukturen getragen – ver.di konnte sich fast überall verankern. Gegen den Widerstand des Monopolisten sind Betriebsräte entstanden; Kämpfe werden international vernetzt. Die entstehenden Arbeiterstrukturen werden die nächsten Schritte finden und gehen. Aktive Solidarität mit ihnen ist nicht nur eine Selbstverständlichkeit der Arbeiterbewegung, sondern hilft auch, Klassenbewusstsein im eigenen Laden zu schaffen.

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"Picker, Packer und Docker", UZ vom 5. November 2021



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