Hochtief – Mauer gegen die Belegschaft – Tarifflucht

Profit über alles

Von Peter Köster

Mit 140 „Lebensjahren“ ist der Essener Baukonzern Hochtief sicherlich einer der erfahrensten auf dem Gebiet der Bau- und Verkehrsinfrastrukturerstellung in dieser Republik. Heute erwirtschaften ca. 44 000 Beschäftigte im Konzern die Umsätze und Gewinne, die sich allein im Jahr 2015 auf 21,1 Mrd. Euro beliefen. Hochtief belegt 2016 Platz 11 im globalen Ranking der Baukonzerne. Im Jahr 2010 übernahm die spanische ACS (der größte Baukonzern in Spanien und 2016 Platz 7 im Ranking der globalen Baukonzerne) die Hochtief AG. Nicht unumstritten damals die öffentliche und innerbetriebliche Debatte um die Zukunftsaussichten, die mit dieser Übernahme prognostiziert wurden. Erinnert sei an einen ungewöhnlichen Streit von Teilen des damaligen Gesamtbetriebsrates auch mit der IG BAU, der zuständigen Branchengewerkschaft, um eben diese Perspektiven. Der Konzern hatte auch unter dem damaligen deutschen Management eine Unternehmensstrategie, die sich nicht wirklich von dem ACS-Management unterschied. Die Ziele beider Konzepte, auch wenn das Konzept der ACS noch nicht wirklich klar erkennbar schien, unterschieden sich im Kern kaum. Profitmaximierung durch Konzentration der Geschäftsfelder waren beiden immanent.

Die Unternehmensveränderungen ließen auch nicht lange auch sich warten und erste Teile der bisherigen Standbeine wurden durch Umstrukturierung separiert und schließlich verkauft. Aus der Hochtief-Solutions verließen ca. 4 000 Beschäftigte der Services-Solutions 2015 durch diesen Verkauf den Konzern. Gerade ist das Management dabei, die Unternehmenszentrale wieder an dem „Geburtsstandort“ Essen zusammen zu fassen.

Das weltweit agierende Unternehmen Hochtief macht derzeit etwa 90 Prozent seines Umsatzes im Ausland vor allem mit den Tochtergesellschaften in Nordamerika (Bauinfrastruktur) und Australien (Erzminen). Die Prognosen für die heimische Bauindustrie lassen seit geraumer Zeit auch für den deutschen und europäischen Markt eine stabile (profitable) Entwicklung erwarten. Doch das nährt im Management, unter Führung des Spaniers Marcelino Fernández Verdes, die Gier nach noch mehr Profit. Der Clou: 2016 erklärte das Hochtiefmanagement den Austritt aus dem Arbeitgeberverband, dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, dessen Gründungsmitglied der Konzern seinerzeit war. Die Belegschaft, gewohnt an den Tarifentwicklungen des Bauhauptgewerbes – trotz immer weniger werdenden eigenem gewerblichen Personals – kontinuierlich teilhaben zu können, musste sich mit der neuen Sachlage auseinander setzen. Die IG BAU reagierte umgehend und umfassend mit Informationen innerhalb des Betriebes. Informationsblätter über den „HoXIT“ nahm die Belegschaft aller Betriebe in der Republik interessiert entgegen. Das Besondere an der heutigen Struktur des Konzerns in der Bundesrepublik ist, dass der Anteil der Angestellten und Ingenieure sehr hoch ist. Gewerkschaftliche Organisation in diesen Strukturen war nicht besonders hoch. Das Hochtief-Management ließ bis vor zwei Wochen die Belegschaft und Gewerkschaft über ihre eigenen, konkreten Vorstellungen im Dunkeln.

Die Debatten um die beruflichen, wirtschaftlichen und unternehmenspolitischen Perspektiven nahmen in der Belegschaft zu. Der Austritt aus dem Arbeitgeberverband sorgt immer noch für große Verunsicherung unter den Beschäftigten der HOCHTIEF AG. Diese Verunsicherung und die damit verbundenen, im September durchgeführten Betriebsversammlungen, Besuche auf Baustellen und in Büros im Oktober und November und nicht zuletzt der engagierte Einsatz der Betriebsräte haben dazu geführt, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad mehr als verdoppelt wurde. Mit dem vollzogenen Austritt des Hochtiefkonzern aus dem Arbeitgeberverband zum 31. Dezember 2016 war der Austritt aus dem Branchenflächentarifvertrag verbunden. Somit haben alle tariflichen Vereinbarungen nur noch für die Mitglieder der IG BAU rechtlich die sogenannte „Nachwirkung“.

Mit den Aktivitäten der IG BAU ist die Diskussion über einen qualitativ gut ausgestatteten Haustarifvertrag begonnen worden. Auf acht regionalen Mitgliederversammlungen der IG BAU-Mitglieder wurde die Forderung nach Haustarifverhandlungen an den IG BAU-Bundesvorstand vorgebracht, die Eckpunkte der Forderungen für einen solchen Haustarifvertrag wurden gemeinsam erarbeitet. Im Ferbruar/März 2017 fanden weitere Versammlungen statt und deckungsgleiches aus den Regionalversammlungen entsprechend gewichtet und die Prioritäten für Verhandlungen zusammengefasst. Tenor der Versammlungen: Kein Tarifvertrag unter dem Niveau des bisherigen Branchen-Flächen-Tarifvertrages! Verbesserungen bei Arbeitszeit- und Überstundenregelungen. 13. Monatseinkommen. Betriebliche Altersversorgung, dies sind einige der konkreten Forderungen aus der Belegschaft.

Im März hat eine aus 35 Mitgliedern bestehende Tarifkommission ihre zehnköpfige Verhandlungskommission bestimmt, die mit dem 16. März die Verhandlungen mit der Unternehmensleitung aufgenommen hat.

Das Hochtiefmanagement hat am 16 März seinerseits die Basisvorschläge für zukünftige, neue Arbeitsverhältnisse im Konzern vorgelegt. Das Management fordert: Reduzierung der Urlaubsansprüche auf den gesetzlichen Anspruch zurückzuführen.(vom Schnitt 30 Tage auf 24 Tage). Für neue Mitarbeiter soll es einen „Anspruch“ auf neun Tage unbezahlten Urlaub geben. Das bestehende Gratifikationsprogramm sei abzulösen und gegen ein erfolgs- und prämienorientiertes Modell (Finanz-Pool) bei willkürlicher Vergabepraxis durch den Vorstand einzuführen. Änderung der Einstiegsgehälter (nach unten) für Jungakademiker und anderes mehr.

Eine Kriegserklärung. Denn diese Vorstellungen bedeuten ein Zurück mindestens in die 1980er Jahre von Tarifrechten und Lohnsituation. Klar ist: Die Strategie der Unternehmensführung ist kein Kuschelkurs! Die Gier nach Profit der Aktionäre und des Hochtiefmanagements wird nicht zuletzt in der ersten Aussage des Konzernlenkers Marcelino Verdes zur möglichen Bewerbung um den Bau des politisch höchst brisanten Mauerbaus zwischen den USA und dem Staat Mexiko, brutal offen gelegt: „Wenn der Profit stimmt, machen wir alles!“

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"Profit über alles", UZ vom 31. März 2017



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