Auf dem Parteitag der „Linken“, der am 19. Juni in Potsdam begann, legten Delegierte einen bemerkenswerten Antrag vor: Sie forderten einen Unvereinbarkeitsbeschluss gegen „stalinistische, maoistische, autoritäre und totalitäre Politikvorstellungen“. Die Antragsteller sprangen damit gehorsam über ein Stöckchen, das ihnen der „Bayerische Rundfunk“ in Form eines entsprechenden Skandalberichts hingehalten hatte. Mit dem Aufgreifen des fachlich höchst umstrittenen „Totalitarismus“-Begriffs wollen sie dem „Hufeisen“ eine weitere Heimstatt in der Linkspartei schaffen.
Welche Art von Geschichtsbetrachtung drückt dieser Antrag aus? Zum Angriff auf „autoritäre Politikvorstellungen“ hatte Friedrich Engels in seinem Artikel „Von der Autorität“ bereits 1873 das Nötige gesagt. Dort verspottet er die antiautoritären Linken seiner Zeit und stellt fest, dass es kaum etwas Autoritäreres gebe als eine Revolution. Er mahnt damit den Realismus an, von dem eine „Linke“, die infantilen Utopismus für welterschütternde Radikalität hält, nichts mehr wissen will. Marx und Engels haben hier keine Chance gegen Pippi Langstrumpf: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“
Entsprechend werden Stalin und Mao als Inkarnationen des Bösen schlechthin präsentiert. Es erstaunt, dass auf die Gleichsetzung mit Hitler verzichtet wurde. Von dem deutschnationalen Historiker Heinrich von Treitschke stammt der bekannte Satz: „Männer machen Geschichte.“ Im Geiste des Antrags könnte man ergänzen: Und böse Männer machen schlimme Geschichten. Hier sind wir weit weg von der Prämisse marxistischer Geschichtswissenschaft, nach der das Wirken historischer Persönlichkeiten in den konkreten Bezügen ihrer Zeit zu untersuchen ist und unter Beachtung der von ihnen nicht selbst gewählten, sondern vorgefundenen materiellen Bedingungen! Wenn die Beschäftigung mit Geschichte Erkenntnisse tragen soll, so muss sie die Menschen, die in ihr wirkten, in ihren Widersprüchen begreifen. Das verträgt sich nicht mit moralisierender Schwarzweißmalerei.
Isaak Deutscher hat ein Buch über Stalin vorgelegt, das bis heute zu den Klassikern der biografischen Geschichtsschreibung gehört. Deutscher war ein scharfer Kritiker Stalins und wurde als solcher 1932 aus der polnischen KP ausgeschlossen. Später engagierte er sich in den USA auf Seiten der Neuen Linken. In seinem Buch geht er hart ins Gericht mit Stalin. Aber ebenso beschreibt er die enormen Aufbauleistungen unter dessen Führung. Deutscher hätte es in der heutigen PdL vermutlich nicht leicht.
Ebenso zur Lektüre empfohlen sei die 2017 erschienene Mao-Biografie des Sinologen Helwig Schmidt-Glintzer. Er ist weder Sozialist noch Kommunist, aber ein Wissenschaftler, der nach der Maßgabe von Sachlichkeit und Ausgewogenheit arbeitet. Er schreibt: „Wenn man sich das am Boden liegende chinesische Reich um die Jahrhundertwende und vor dem Ersten Weltkrieg in Erinnerung ruft, muss es als Wunder gelten, dass China heute als zusammenhängender und geordneter Staat existiert, der mit Optimismus und einem Verlangen nach Veränderung in die Zukunft blickt. Dieses Wunder ist nicht zuletzt Maos Verdienst.“ Schmidt-Glintzer hält ein abschließendes Urteil für verfrüht, sieht Mao aber bei den großen „Reichseinigern“ wie Karl dem Großen, Napoleon oder Lincoln. Ist auch er ein Fall für die antiautoritäre Inquisition? Wie steht es mit der Kommunistischen Partei Chinas, die sich einer Totalverdammung Maos verweigert und differenzierter Betrachtung den Vorzug gibt? Darf es vor diesem Hintergrund noch mal eine Delegationsreise der PdL in die Volksrepublik geben?
Am 4. Juli haben die USA den 250. Jahrestag ihrer Gründung gefeiert. Wollte man sich die Einäugigkeit zu eigen machen, die der Antragstext ausdrückt – es wäre ein Leichtes, aus diesem Anlass George Washington als Urheber eines blutigen Unrechtsregimes, das auf Völkermord und Sklaverei beruhte, zu verfluchen. Die Rolle, die der von ihm geführte Unabhängigkeitskrieg auch im Hinblick auf antifeudale, bürgerlich-demokratische Revolutionen in Europa gespielt hat, könnte dann getrost unter den Tisch fallen.
Der Antrag ist, ungeachtet der Tatsache, dass er (vorerst!) nicht angenommen wurde, ein weiterer Vorstoß, die PdL für kommende Regierungsbeteiligungen zuzurichten. Wenn es um Geschichte geht, geht es selten nur um Geschichte.








