50 Jugendliche aus Deutschland waren als Brigadistinnen und Brigadisten auf Kuba – und sind noch mehr von der Sache überzeugt als zuvor

Sozialismus mit Herz und Verstand

Andrea Hornung

Fünf Uhr morgens am 26. Juli in Santiago de Cuba: Genau 70 Jahre, nachdem Jugendliche voller Mut und Entschlossenheit im Kampf gegen Batista die Moncada-Kaserne stürmten, leuchtet die Frontseite der ehemaligen Kaserne auf. Eine Lichtshow zeigt die Gesichter der jungen Kämpferinnen und Kämpfer, erzählt die Geschichte des Unabhängigkeitskampfs und der kubanischen Revolution. Auf der Bühne spricht Präsident Miguel Díaz-Canel über die heutigen Ziele und wie gegen Probleme auf der Insel bewusst vorgegangen wird. Zwischendurch Musik, traditionelle und moderne kubanische Tänze. Vor der Kaserne sitzen über 10.000 Kubanerinnen und Kubaner, alle rot gekleidet. In der ersten Reihe: Raúl Castro und weitere Helden der Revolution. Es ist eine große Feier der Revolution in Erinnerung an den Sturm auf die Moncada-Kaserne, der zwar militärisch scheiterte, aber doch ein wichtiges Signal für die kubanische Revolution gab. Und mittendrin: 25 Jugendliche aus Deutschland.

Erste Soli-Brigaden der SDAJ seit 10 Jahren

Der Besuch der Fiesta Moncada in Santiago ist Teil des Programms der ersten Solidaritätsbrigaden der SDAJ seit zehn Jahren. Mit jeweils 25 Jugendliche aus ganz Deutschland besuchen wir in zwei Gruppen für je zwei Wochen unter anderem Schulen, Krankenhäuser, Landwirtschaftsbetriebe, Nachbarschaftskomitees und das Forschungszentrum, in dem die fünf Impfstoffe gegen Covid entwickelt wurden. Wir lernen das Leben auf Kuba und die kubanische Kultur kennen und tauschen uns mit unseren Genossinnen und Genossen der Kommunistischen Jugend Kubas (UJC, Unión de Jóvenes Comunistas) aus. Das Ziel der Brigaden: Die Solidarität mit Kuba stärken und den Sozialismus mit eigenen Augen erleben.

Überwältigende Menschlichkeit und Solidarität

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Praktische Arbeit in einem Stadtgarten, der Gemüse an unsere Unterkunft liefert. (Foto: SDAJ)

Die Brigadisten haben vorher viel über Kuba gelesen, in einer Bildungszeitung beschäftigte sich die ganze SDAJ mit der Roten Insel, ihrer Geschichte und ihrer Entwicklung. Den Sozialismus zu erleben – mit all seinen Widersprüchen – ist etwas anderes. Die Ärztin im Krankenhaus, die auf Missionen in Südafrika, Irak und Äthiopien war, die ihr Bestes gibt für die Revolution und die Menschen. René und Fernando von den Cuban 5, die selbst – ohne Personenschutz, ohne Sekretär – zum Treffen kommen, jede Antwort wie selbstverständlich in das große Ganze einordnen und sich jeder Frage offen und selbstkritisch stellen. Die Mutter, die, ihr krankes Kind auf dem Schoß, ihre Liebe zu Fidel ausdrückt und das Ende der Blockade als größten Wunsch für die Zukunft nennt. Die Pioniervorsitzende einer Schule für Kinder mit Behinderung, die glücklich erzählt, dass sie es liebt, zur Schule zu gehen und hier beinahe lieber ist als zuhause. Die Genossinnen und Genossen der UJC, die nicht müde werden zu betonen, dass Kuba auch ihr Vaterland ist. In Kuba kann man erleben, dass eine Gesellschaft jenseits von Profitprinzip und Markt möglich ist und was das mit den Menschen macht. In Kuba kann man lernen, was es heißt, ein Revolutionär zu sein.

Die Blockade schnürt Kuba die Luft ab

Das alles erleben wir trotz der sehr schwierigen Situation, in der Kuba momentan steckt. 2021 wurde die Blockade durch US-Präsident Donald Trump noch verschärft. Seitdem steht Kuba auf der Liste der staatlichen Terrorunterstützer. Dadurch wurden Importe noch weiter erschwert, der für Kuba sehr wichtige Tourismus nahm drastisch ab.

Dann kam die Corona-Pandemie: Kuba hatte zwar deutlich weniger Tote als Deutschland und entwickelte sogar fünf Impfstoffkandidaten und hervorragende Medikamente gegen Corona. Doch die Produktion stand vielerorts zugunsten der Gesundheit still. Die aktuellen weltweiten Preissteigerungen und Naturkatastrophen erschweren die Situation weiter. Kuba fehlt es gerade an vielem: Medikamente, Schmerzmittel, Kondome. Lebensmittel sind oft teuer. Die jährlichen Schäden durch die völkerrechtswidrige Blockade liegen bei einigen Milliarden US-Dollar. Kuba braucht die internationale Solidarität.

Gemeinsame Suche nach Lösungen

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Konferenz zum Medienkrieg gegen Kuba (Foto: SDAJ)

Die Brigadisten erfahren, dass die Kubaner aktuell über Lösungen und Auswege aus der aktuellen Situation diskutieren. Über die zentralen Ziele sind sich die Gesprächspartner einig: Die Blockade und der Medienkrieg müssen bekämpft und die nationale Produktion gesteigert werden. Damit will Kuba unabhängiger von Importen werden. Aylin, die Vorsitzende der UJC, ruft dazu auf, die Blockade und die Listung Kubas auf der Terrorliste zu bekämpfen, macht aber zugleich klar, dass es die Blockade in irgendeiner Form immer geben wird. Kuba müsse darauf mit Kreativität reagieren und einen Umgang damit finden – so wie es mit der Entwicklung der Impfstoffe gelungen ist. Dazu müsse die Beteiligung aller Kubaner an der Lösungsfindung erhöht werden.

In diesem Zusammenhang wird auch über eine höhere Eigenständigkeit der staatlichen Betriebe und die Stärkung ihres sozialistischen Charakters diskutiert. Zugleich gibt es mittlerweile auch private Betriebe mit bis zu 100 Beschäftigten in Kuba, mit denen die Produktion gesteigert, die Blockade umgangen und Auslandsinvestitionen und Devisen eingeholt werden sollen. Bei allen Maßnahmen ist aber klar: Das staatliche, das sozialistische Eigentum wird weiterhin Vorrang haben und kein Kubaner wird zurückgelassen. So wird aktuell ein Gesetz zum besseren Schutz von vulnerablen Gruppen wie Kindern und Rentnern diskutiert.

Ein bisschen mehr Kommunist als vorher

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Besuch der Escuela Solidaridad con Panama (Schule für Kinder mit Behinderung) (Foto: SDAJ)

Insgesamt eine Tonne Solidaritätsgepäck der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba, der DKP und der SDAJ haben wir in Kuba gelassen. Doch mit der Solidaritätsbrigade haben nicht wir Kuba geholfen. Kuba hat uns geholfen. Bei aller scheinbaren Perspektivlosigkeit in Deutschland haben wir erlebt, dass man gegen den Imperialismus gewinnen kann, dass eine sozialistische Gesellschaft möglich ist. Wir haben Menschen kennengelernt, an denen wir uns ein Beispiel nehmen können. Wir haben tief in unseren Herzen begriffen, was Internationalismus bedeutet. Wir haben gesehen, wie der Sozialismus, für den wir kämpfen, real umgesetzt wird. Wir sind ein Stückchen mehr Kommunist als vorher.

Was wir in diesen Wochen gelernt haben, behält keiner für sich – denn jeder der insgesamt 50 Brigadisten hat eine Verpflichtung: Die völkerrechtswidrige Blockade anklagen, von den eigenen Erfahrungen in Kuba erzählen, Veranstaltungen durchführen.

Unsere Autorin ist Bundesvorsitzende der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und war als Brigadistin in Kuba.

Frag die Brigadisten
Die Brigadistinnen und Brigadisten kommen gern zu Gruppenabenden der DKP oder Veranstaltungen von Gewerkschaftsgliederungen oder Bündnispartnern, um über Kuba und das Erlebte zu berichten. Ladet sie ein:
sdaj.org | info@sdaj-netz.de

Schluss mit den Lügen – Kuba ist kein Terrorstaat!
In seiner Amtszeit verschärfte US-Präsident Donald Trump den Kurs gegen das sozialistische Kuba enorm. Dies führte dazu, dass Kuba im Januar 2021 erneut auf die Liste der terroristischen Staaten gesetzt wurde. Das hat dazu geführt, dass Handel mit Kuba kaum mehr möglich ist, da Kuba fast vollständig von globalen Transaktionen ausgeschlossen ist.
Kuba von der Liste der sogenannten Terrorstaaten zu streichen, würde also eine konkrete Verbesserung der Situation auf der Karibikinsel nach sich ziehen und wäre eine Maßnahme, um die US-Blockade zu lockern. Nur die Unterschrift des aktuellen US-Präsidenten ist nötig, um das zu erreichen. Deshalb unterstützt die SDAJ die Petition „Streicht Kuba von der Terrorliste!“, die sich an den US-Kongress richtet. Die SDAJ hat sich vorgenommen, mindestens 2.000 Unterschriften unter die Petition zu sammeln. Macht mit!
letcubalive.info

Computer für die Kinderklinik Rosa Luxemburgo
Auch die DKP hat ihre Verbundenheit mit dem sozialistischen Kuba auf ihrem Parteitag im März bekräftigt und fordert „Nieder mit der Blockade – Solidarität mit dem sozialistischen Kuba!“. Sie protestiert damit gegen die verbrecherische US-Blockade, deren Auswirkungen nicht zuletzt auf das vorbildliche Gesundheitswesen Kubas tödlich sind. Deshalb verstärkt die DKP auch ihre materielle Solidarität. Auf dem Parteitag beschlossen die Delegierten ein Digitalisierungsprojekt für das Lehrzentrum und die Kinderklinik Rosa Luxemburgo in Cárdenas. Nach nur fünf Monaten konnte das dringend benötigte IT-Material (darunter Server, PCs, Bildschirme, Telefonanlage, Netzwerktechnik) im Wert von rund 100.000 Euro auf den Weg gebracht werden.
Die Solidarität geht weiter! Daher ruft die DKP zu weiteren Spenden für die Klinik Rosa Luxemburgo auf:
Parteivorstand der DKP | GLS-Bank | BIC: GENODEM1GLS
IBAN: DE63 4306 0967 4002 4875 01

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"Sozialismus mit Herz und Verstand", UZ vom 15. September 2023



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