Der US-Konzern zahlt am besten und am schlechtesten

Spitzenreiter Amazon

Mark Gruenberg, „People’s World“

Gerade hat das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ seine Liste der reichsten US-Amerikaner veröffentlicht. Ganz weit oben steht Elon Musk, der mit 428 Milliarden US-Dollar bereits im letzten Jahr der reichste Mensch der Welt war. Innerhalb von 12 Monaten hat er sein obszönes Vermögen mehr als verdoppelt. Forbes taxiert den Zuwachs auf satte 480 Milliarden US‑Dollar. Auf Platz 2 folgt Jeff Bezos. Er ist 530 Milliarden US-Dollar „ärmer“ als Musk und dennoch 137 Milliarden reicher als ein Jahr zuvor. Bezos’ Vermögen setzt sich im Wesentlichen aus Anteilen und dem Verkauf von Anteilen am Amazon-Konzern zusammen. Auch wenn es für Bezos auf der Forbes-Liste derzeit „nur“ für Platz 2 reicht. Amazon liegt ganz weit vorn, wenn es um Niedriglöhne und Lobbyismus geht.

In der Rangliste der Firmen, die die niedrigsten Löhne zahlen, liegt Amazon auf Platz 1. Und der Konzern hat die meisten Lobbyisten auf den US-Kongress angesetzt. Diese sollen die Abgeordneten dazu bringen, die von US-Präsident Donald Trump und der Republikanischen Partei vorgelegte gigantische Steuersenkung für Unternehmen und das reichste eine Prozent abzunicken. Diese Zahlen stammen aus einem aktuellen Bericht des Institute for Policy Studies (IPS). Demnach hat Bezos selbst im vergangenen Jahr zwar ein Gehalt von „nur“ 1,9 Millionen US-Dollar bezogen. Sein Vermögen – das fast ausschließlich aus Amazon-Aktien besteht – stieg jedoch deutlich. Die auf den Plätzen zwei und drei der 100 Niedriglohn-Unternehmen liegenden Führungskräfte, die der Bericht unter dem Titel „Maßlosigkeit der Manager 2026“ („Executive Excess 2026“) aufführt, sind Robson und James Walton vom Walmart-Clan. Ihre Familie kommt laut Forbes inzwischen auf Besitztümer von insgesamt über 500 Milliarden US-Dollar.

Der Median-Jahreslohn eines Amazon-Mitarbeiters lag im vergangenen Jahr bei 40.206 US-Dollar (etwa 34.530 Euro). Das heißt, die eine Hälfte der Belegschaft verdiente mehr – einschließlich der Geschäftsführer – und die andere Hälfte weniger. Bei Wal­mart betrug dieser Median-Jahreslohn 30.520 Dollar (26.210 Euro). Damit stechen Amazon und Walmart durch den Kontrast zwischen den hohen Gehältern und dem großen Reichtum ihrer Chefs einerseits und den niedrigen Löhnen der Beschäftigten andererseits hervor. Bei den 100 von IPS untersuchten Unternehmen handelt es sich um Konzerne der S&P 500, der größten und reichsten börsennotierten Unternehmen.

Abgesehen davon, dass sich die Konzernbosse der Niedriglohnfirmen durch üppige Löhne, Prämien und Aktienrückkäufe hohe Summen in die eigene Tasche stecken, prellen sie ihre Arbeiterinnen und Arbeiter: Deren Medianlöhne sind von 2019 bis 2025 nämlich hinter der Inflationsrate zurückgeblieben. Die Inflation stieg in diesen Jahren um 25,9 Prozent, die nominalen Löhne der Beschäftigten – also nicht inflationsbereinigt – stiegen nur um 20,7 Prozent. Die nominalen Vergütungen der Geschäftsführer stiegen hingegen um 41,4 Prozent.

„Die 100 Niedrigstlohnkonzerne haben im vergangenen Jahr ihren beträchtlichen politischen Einfluss geltend gemacht“, schrieb Sarah Anderson, Leiterin des Bereichs Globale Wirtschaftsforschung beim IPS. „Unser wichtigstes Ergebnis: Sie haben sich vor allem auf Steuersenkungen und andere Maßnahmen konzentriert, von denen in erster Linie die Geschäftsführer und andere wohlhabende Einzelpersonen profitieren. Gleichzeitig haben sie bei staatlichen Maßnahmen, die die wirtschaftliche und persönliche Sicherheit der Niedriglohnarbeiterinnen und -arbeiter bedrohen, bewusst weggesehen.“ Stattdessen lobten die 199 Großunternehmen mit den niedrigsten Löhnen das Gesetz, als es verabschiedet wurde und Trump es am 4. Juli unterzeichnete – allerdings nicht direkt, sondern über ihre Lobby-Frontorganisationen wie die National Retail Federation, den Einzelhandelsverband, der de facto von Walmart geführt wird. „Nicht ein einziger“ der 100 Niedriglohn-Großkonzerne „äußerte Bedenken hinsichtlich der Kürzungen bei Medicaid und dem Lebensmittelmarken-Programm SNAP durch das Gesetz. Nur die National Retail Federation erwähnte die Kürzungen überhaupt und lobte sie dafür, dass sie ‚Verschwendung und Betrug reduzieren‘. Wir konnten keinen Hinweis darauf finden, dass Manager der 100 Niedriglohn-Konzerne Bedenken hinsichtlich dieser brutalen Kürzungen bei der sozialen Absicherung geäußert hätten.“

Amazon führte im Jahr 2025 mit 127 Lobbyisten auf seiner Gehaltsliste die entsprechende Rangliste an, heißt es im IPS‑Bericht. Dabei sind die Lobbyisten der Handelsverbände, an deren Führung Amazon beteiligt ist, noch nicht einmal mitgezählt. Was dieser Bericht zwar nicht erwähnt, aber OpenSecrets.org aufgedeckt hat: Amazon hat im vergangenen Jahr 19,07 Millionen Dollar für Lobbyarbeit bei Gesetzgebern ausgegeben. In diesem Jahr könnte der riesige Lagerbetreiber, Einzelhändler und Internet-Gigant seinen im Jahr 2022 aufgestellten Rekord bei den Lobbyausgaben noch übertreffen. In den ersten drei Monaten des Jahres 2026 hat das Unternehmen bereits 9,6 Millionen Dollar für Lobbyarbeit ausgegeben.

Unterdessen haben die Arbeiterinnen und Arbeiter im Logistikzentrum JFK8 auf Staten Island in New York, die vor vier Jahren für einen Beitritt zur damals unabhängigen Gewerkschaft „Amazon Labor Union“ gestimmt hatten, noch immer keinen Tarifvertrag. Bezos verwendet seine finanziellen Überschüsse zudem dafür, für Amazon und andere Mega-Konzerne einen Prozess auf Bundesebene anzustrengen, um den „National Labor Relations Act“ – das grundlegende Arbeitsgesetz der USA – für verfassungswidrig erklären zu lassen.

Walmart, dessen zwei Führungskräfte beim Vermögen auf den zweiten und dritten Platz nach Bezos kamen, hat sich darauf spezialisiert, seine Gewinne für Aktienrückkäufe zu verwenden, um die Taschen seiner Manager, Eigentümer und Aktionäre zu füllen. „Der Einzelhandelsriese gab 8,1 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe aus und stand damit an der Spitze aller in der Studie erfassten Unternehmen“, heißt es in dem Bericht. Mit diesem Geld „hätte man 2025 jedem der 2,1 Millionen Mitarbeiter des Unternehmens einen Bonus von 3.851 Dollar (3.308 Euro) auszahlen können“. Doug McMillon, der am 31. Januar 2026 als Walmart-Geschäftsführer zurücktrat, strich 2025 29,2 Millionen Dollar ein, was dem 958-Fachen des Mediangehalts bei Walmart von 30.520 Dollar entspricht. Zu McMillons Altersvorsorge gehören Abfindungen im Wert von 169 Millionen Dollar.

Neben Amazon und Walmart stachen auf der Liste der Niedriglohnkonzerne weitere Einzelhandelsketten wie Dollar General, Home Depot und Target hervor, außerdem Fast-Food-Ketten wie Starbucks und Yum sowie der „Gig“-Konzern DoorDash, der daran beteiligt war, einen Mindestlohn für Kalifornien und die Einstufung seiner Fahrer als Angestellte abzuwenden. Ebenfalls hervorzuheben sind Manager von Tyson Foods und dem Kosmetikkonzern Estée Lauder.

Das IPS unterbreitete erneut Vorschläge für zusätzliche Einkommenssteuern auf überhöhte Managergehälter und -boni – grundsätzlich definiert als jedes Gehaltspaket, bei dem das Verhältnis zwischen dem betreffenden Managergehalt und dem Medianlohn der Beschäftigten 50:1 oder mehr beträgt. Die höheren Steuern, die in San Francisco und Portland (Oregon) bereits gelten, bringen höhere Haushaltseinnahmen und sind in der Bevölkerung äußerst beliebt. Im November wird in Kalifornien über eine einmalige, auf ein Jahr befristete Steuererhöhung für die am höchsten bezahlten CEOs abgestimmt.

Das IPS schlägt zudem vor, öffentliche Aufträge an das Verhältnis zwischen den Löhnen der Manager und jenen der Arbeiterinnen und Arbeiter zu knüpfen. Dabei sollen Unternehmen mit einem niedrigen Verhältnis bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen bevorzugt werden. Ferner plädiert es dafür, Aktienrückkäufe, die für viele CEOs mittlerweile eine der wichtigsten Vergütungsformen sind, zu besteuern und einzuschränken. Aktienrückkäufe waren bis zur Regierungszeit von US-Präsident Ronald Reagan verboten.

Gekürzte Fassung. Übersetzung und Bearbeitung: UZ

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"Spitzenreiter Amazon", UZ vom 25. September 2026



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