Darüber mitzuentscheiden, was, wann, wie und mit wieviel Personal produziert wird, ist eine alte Forderung der Gewerkschaft. Mitbestimmung reicht aber nicht. Das gilt besonders für den Fall, dass es um die Produktion von Rüstungsgütern geht.
Ob Autos, Eisenbahnwaggons für den zivilen Personenverkehr, Masken gegen Ansteckungsgefahren, Stahl für Panzer oder Schulen hergestellt werden – von dieser Frage hängt nicht nur das Leben, sondern auch die Arbeits- und Lebensqualität der Mehrheit der Menschen ab. Diejenigen, die die Produkte mit ihrer Arbeits- und Geisteskraft erschaffen, können nicht darüber entscheiden, was hergestellt wird. Das ist der Skandal des Kapitalismus.
Dass viele das nicht als Skandal, sondern als normal ansehen, macht den gemeinsamen Kampf gegen Rüstungsproduktion – gegen den gemeinsamen Gegner – so kompliziert. „Normal“ ist, dass Aktionäre, Eigentümer der Fabriken und Produktionsmittel darüber entscheiden, was produziert wird. Ihr Kriterium ist, ob damit Höchstprofite realisiert werden können. Vorgestern erreichten sie das mit dem Eisenbahnbau, gestern mit Autos, heute verspricht Rüstungsproduktion Höchstprofite. Das „Handelsblatt“ schrieb am 12. Mai 2026 über die Automobilindustrie unverblümt: „Der wichtigste Gewinnmotor ist weggebrochen.“
Vielen Beschäftigten ist es im Prinzip gleichgültig, was sie produzieren. Existenziell ist das Einkommen am Monatsende, die Miete muss bezahlt werden. Ein Problem kann es für sie werden, wenn Menschen-vernichtende Produkte hergestellt werden (müssen) wie Waffen oder andere Rüstungsgüter. Denn oft gibt es durch die zunehmenden Überproduktionskrisen und die Deindustrialisierung für die Beschäftigten in ihrer Region keine anderen Arbeitsplätze, oder nur solche mit geringerem Einkommen, und neue Qualifizierung ist notwendig.
Die Friedensbewegung ist gegen den Bau der Mordgeräte, aus geopolitischen, ethischen, sozialen und Umweltgründen. Sie demonstriert und fordert alternative Produkte, die schwer gegen die Macht der Konzernherren durchzusetzen sind. So scheint es, als ob Friedensbewegte Gegner von Beschäftigten und ihrer Gewerkschaft seien – und umgekehrt.
Objektiv aber sind die gemeinsamen Gegner die Aktionäre, die diese inhumanen Entscheidungen für Rüstungsproduktion aus Profitgründen treffen und die nicht zulassen, dass mit dem erarbeiteten Kapital weniger gewinnbringende Produkte oder Dienstleistungen hergestellt werden.
Den tatsächlichen Gegner immer wieder an den Pranger zu stellen ist gemeinsame Aufgabe.
Dazu müssen Friedensbewegte die Situation durch die Brille der Beschäftigten betrachten, die Widersprüche wahrnehmen, in denen sich Beschäftigte befinden, in deren Werke Rüstungsgüter produziert werden sollen: Einkommen oder Arbeitslosigkeit. Um sie zum gemeinsamen Kampf für humane, gesellschaftlich nützliche, nachhaltige Produktion oder Dienstleistungen zu gewinnen, muss vor allem Vertrauen aufgebaut werden, um ins Gespräch zu kommen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Wie kann das gelingen? Als Beispiel bieten sich die Kämpfe in der Autoindustrie an. Die brutale Vernichtung von jahrzehntelang sicher geglaubten Arbeitsplätzen durch die Aktionäre treibt Automobilarbeiter auf die Straße: „Zukunft entsteht durch Innovation, kluge Strategie und die Einbindung der Beschäftigten. Genau das fordern wir vom Vorstand“, betont Ergun Lümali, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Mercedes-Benz. Hinter ihm stehen zehntausende Kolleginnen und Kollegen.
Die Forderung „Einbindung der Beschäftigten“ ist ein guter Anknüpfungspunkt für die Friedensbewegung, sich offensiv und sichtbar mit der Forderung „Was, wie, wann, wo produziert wird“ hinter und zu den Kolleginnen und Kollegen zu stellen. Denn sind die Betriebe erst einmal geschlossen, kann dort auch nichts anderes mehr produziert werden. Die Beschäftigten bei ihrem Kampf um den Erhalt der Werke und ihrer Arbeitsplätze als Friedensbewegung sichtbar – aber auch gegen Hochrüstung – zu unterstützen, kann Vertrauen schaffen und das Kennenlernen initiieren.
Gemeinsames Nachdenken über die Möglichkeiten alternativer Produktion, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Personal- und Lohnausgleich, Qualifizierung, Konversionsfonds und so weiter kann eröffnet werden. Auch darüber, dass die Zahl der angebotenen Rüstungsarbeitsplätze die durch die Deindustrialisierung abgebauten nicht ansatzweise ersetzen. Sie sind nicht nachhaltig für die kommende Generation, sozial und gesellschaftlich nicht nützlich und bieten keine Antwort auf die Klimakrise. Und dass für das Geld, das die Rüstungsproduktion kostet, wesentlich mehr Arbeitsplätze in der Daseinsvorsorge geschaffen werden könnten, auch dort mit Qualifizierungsmaßnahmen und höheren Einkommen.
Es ist nur ein Beispiel. Tatsächlich aber sind die verschiedenen Kämpfe der Gewerkschaften – gegen Sozialabbau, um Lohnerhöhung, Arbeitszeitverkürzung oder Standortsicherung – Anknüpfungsmöglichkeiten für die Friedensbewegung, um Vertrauen zu schaffen für ihre Anliegen. Sie können zum gemeinsamen Kampf gegen Hochrüstung, Sozialabbau und verschlechterte Arbeitsbedingungen weiterführen. Denken wir an die Tarifkämpfe im Öffentlichen Dienst, bei EVG und GEW, wenn immer wieder betont wird, es sei kein Geld da. Dort, wie auch bei anderen Gewerkschaftskämpfen, sollten wir offensiv mit Friedensfahnen und -forderungen dabei sein.









