Seit 30 Jahren spiegeln „Die Simpsons“ die Wirklichkeit der US-Gesellschaft

Stolze Minderleister

Johannes Baan

Vor ziemlich genau dreißig Jahren wurde die erste Episode der US-amerikanischen Cartoon-Serie „The Simpsons“ auf dem Sender Fox ausgestrahlt. Mit mehr als 33 Millionen Zuschauern sollte dann nur zehn Monate später die Folge „Bart Gets an ‚F‘ “ (Staffel 2, Episode 1) sämtliche Rekorde brechen und den Weg für die bis dato erfolgreichste Zeichentrickserie ebnen. Anders als in den sonstigen beliebten US-amerikanischen Heile-Welt-Sitcoms wird bei den Simpsons das Politische nicht weiträumig umfahren, sondern im Gegenteil vielfach beißende politische Satire betrieben, meist aus einer linksliberalen Sicht. Die klare politische Einstellung der Serie kam in den USA der späten 1980er-Jahre einer Sensation gleich und sollte auch rückblickend ein Alleinstellungsmerkmal der Simpsons bleiben.

So wird die Zentrale der Republikaner als düsteres Gruselschloss dargestellt, genutzt von gruseligen Gestalten, wie unter anderem Dracula, Rainier Wolfcastle (dem noch blöderen Arnold Schwarzenegger der Simpsons-Welt) und dem Besitzer des örtlichen Atomkraftwerks, Charles Montgomery Burns. Burns, die Karikatur eines skrupellosen Kapitalisten, der in Anlehnung an Adolf Hitlers Vater „Schicklgruber“ als weiteren Nachnamen trägt, tyrannisiert die Arbeiter seines kaputtgesparten Kraftwerks, setzt einen Kanarienvogel („Canary M. Burns“) als Besitzer desselben ein, um für illegale Atommüllentsorgung nicht belangt werden zu können, und stellt für die Nazis Granaten her. Nichts also, was es so ähnlich nicht schon gegeben hätte – ein Sinnbild des „Corporate America“.

Nicht nur die Abkehr von der sonst oft üblichen Verherrlichung von Reichtum brachte den Simpsons Kritik ein, auch die Figur Homer Simpson wurde von rechts angegangen. George Bush senior mahnte 1992: „Wir wollen eine Nation, die den Waltons näher steht als den Simpsons“ und der Republikaner Joseph Pitts machte die Figur Homer gar für den Niedergang der Vaterrolle in Amerika verantwortlich. Denn anders als zum Beispiel der Vater der Bill-Cosby-Show, der durch vorbildhaftes Verhalten die alltäglichen Probleme der Familie löst, ist Homer ein kulturloser Trinker, der viel Zeit in Unterhose und mit einer Dose Bier vor dem Fernseher verbringt, oder sich mit seinen Freunden in der örtlichen Kneipe betrinkt. Unfähig, seinem Sohn, dem Stereotyp des „Leistungsverweigerers und stolz darauf“ zu fördern, ist er das Oberhaupt einer weißen Unterschichtsfamilie mit klassischer Rollenverteilung. Trotz dieser Eigenschaften lässt das dümmlich-naive Denken und Verhalten viel Platz für Sympathie. Er sorgt nicht zuletzt wegen zahlreicher Slapstick-Einlagen für Lacher. Doch der Humor der Simpsons ist weit komplexer: Neben Situationskomik funktionieren die meisten Witze subtil, transportieren Kritik oder bedienen sich zahlreicher Anspielungen, von denen jede Folge der Simpsons durchzogen ist. Die hohe Qualität der Folgen, die unter anderem in der mehrfachen Überarbeitung der Skripte begründet ist, sowie der politische Kommentar machen die Serie sehenswert

Adorno hätte sicherlich seine Freude daran gehabt, dass „Die Simpsons“ mit satirischen Angriffen auf das rechtskonservative Amerika einen Teil zum Reichtum Rupert Murdochs, Besitzer von Fox und reaktionärer Medienzar, beitragen, dessen Simpsons-Abbild sich in einer Folge der Serie selbst als „milliardenschweren Despoten“ (S10, E12) bezeichnet – und auch von Murdoch synchronisiert wird. Auch weitere Witze auf Kosten des Senders Fox finden sich häufig, die darin transportierte Kritik bleibt aber meist an der Oberfläche. Dieser aus kulturpolitischer Sicht zu kritisierende Aspekt der Simpsons lässt sich nicht negieren. Dabei sind sie ein gewinnbringendes Feigenblatt für Fox. Dennoch sind die Simpsons, insbesondere das gesellschaftspolitische Klima vor Augen, dem sie entstammen, eine fantastische Serie.

Heute, über 600 Folgen später, sind „Die Simpsons“ künstlerisch und wirtschaftlich leider nur noch ein Schatten ihrer früheren Tage, daher sind insbesondere die ersten zwölf Staffeln zu empfehlen, welche den frühen Höhepunkt der Serie markieren.

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"Stolze Minderleister", UZ vom 13. Dezember 2019



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