Zum 50. Todestag des ersten proletarischen Schriftstellers der USA

Upton Sinclair

Von Eva Petermann

Upton Sinclair zur Rolle der bürgerlichen Presse: „Es ist schwer, einem Menschen eine Sache verständlich zu machen, wenn sein Lohn davon abhängt, dass er diese Sache nicht versteht.“

Upton Sinclair zur Rolle der bürgerlichen Presse: „Es ist schwer, einem Menschen eine Sache verständlich zu machen, wenn sein Lohn davon abhängt, dass er diese Sache nicht versteht.“

( gemeinfrei)

Sein wohl bekanntestes Werk, „Der Dschungel“, gehört in den USA zur Schullektüre. Ob der 500-Seiten-Wälzer Heranwachsenden immer noch etwas sagt? Zufällig stoße ich im Internet darauf, dass das Buch heuer als Graphic Novel herausgekommen ist. Dreck, Blut und Ratten der Schlachthöfe Chicagos als Comic? Was hat die junge Zeichnerin Kristina Gehrmann in dem Werk angesprochen? Berührt habe sie Sinclairs „ Aussage gegen organisierten Kapitalismus, der Arbeiter massenhaft ausbeutet“. Und dabei eine bessere Zukunft verspricht, nur: „Wenn jemand etwas nicht schafft, dann hat er sich nicht genug angestrengt. Was aber natürlich ungerecht ist, wenn das System so aufgebaut ist, dass nur bestimmte Leute Chancen haben.“ Klingt aktuell.

Das Lesepublikum von 1906 empörte sich seinerzeit nicht so sehr über die grauenhaften Arbeitsbedingungen, wie vom Autor eigentlich erhofft, sondern vor allem über die ekelhaft unhygienische Wurst- und Fleischherstellung. Immerhin führte der öffentliche Aufschrei zu wirksameren Kontrollen und den ersten Verbrauchergesetzen der Welt. Die Steaks wurden – vorübergehend – genießbarer; der junge Autor wurde schlagartig berühmt und „Der Dschungel“ zum Symbol der Unmenschlichlichkeit eines entfesselten Kapitalismus. Jack London hatte Starthilfe geleistet und pries seinen Freund Upton als „amerikanischen Emile Zola“.

Von da an brachte Upton Sinclair im Jahrestakt weitere bestens recherchierte Romane heraus, zunächst über boomende Schlüsselindustrien: „Öl!“ und „König Kohle“. Sie gehören zu seinen wichtigsten Werken wie auch der im letzten Jahr bei uns neu übersetzte und mit einem Nachwort von Dietmar Dath versehene historische Faktenroman „Boston“. Darin geht es um die fast zehnjährige Kampagne zur Rettung der zum Tode verurteilten Gewerkschafter Sacco und Vanzetti in den 1920er Jahren.

Auch sonst ist das literarische Werk des amerikanischen Sozialisten in letzter Zeit durch Neuauflagen incl. Neuübersetzungen und -verfilmungen auch bei uns wieder mehr aufgefallen – 50 Jahre nach seinem Tod am 25. November 1968.

Seine Bücher entlarvten die kriminellen Praktiken der Trusts, Börsianer und Bankiers wie z. B. des Plutokraten J. P. Morgan in „The Moneychangers“ („Die Börsenspieler“). Auch Henry Fords Autoindustrie nahm er aufs Korn. Den Reportage-Roman „The Flivver King“ (dt. „Mr. Ford und sein Knecht Shutt“) ließ er 1937 praktischerweise gleich im Gewerkschaftsverlag der Automobilgewerkschaft herausbringen und beim Streik verteilen.

Er legte sich mit der bürgerlichen Presse an und mit der Institution Kirche, geißelte Bildungsdünkel, Verschwendungssucht und Sektenunwesen. Kurz gesagt, alles kam auf seinen literarischen Prüfstand.

Kaum glaublich, was er außerdem alles auf die Beine stellte: Er unterstützte Streikende und ging selbst mit ihnen in den Knast. Er bearbeitete der Reihe nach alle jeweiligen US-Präsidenten mit seinen sozialen Anliegen. Er schickte Stalin Grußbotschaften, Ratschläge und Bitten. Er ließ sich von Charlie Chaplin überreden zu einem Filmprojekt mit dem legendären („Panzerkreuzer Potemkin“) sowjetischen Filmregisseur Sergej Eisenstein. Dabei zerstritten sich die beiden wegen Dauer und Kosten des letztlich nie vollendeten Filmepos’ „Que viva Mexico“ am Ende heillos.

Trotz Sinclairs phänomenaler Produktivität und Popularität fällt nicht wenigen zum Namen Sinclair erst einmal dessen Fast-Namensvetter Sinclair Lewis ein, Verfasser der antifaschistischen Dystopie „Das ist bei uns nicht möglich“ („It can’t happen here“). 1931 war denn auch Sinclair Lewis und nicht sein Freund Upton der erste US-Amerikaner, der den Literatur-Nobelpreis einheimste. Wurde der international weitaus Anerkanntere übergangen, weil ihm als einstigem Groschenroman-Auftragsschreiber noch der Stallgeruch der niederen Massenliteratur anhaftete?

Kann schon sein, dass er Charaktere mitunter zu klischeehaft zeichnet, die Dialoge zu missionarisch und manche Schilderungen zu ausufernd geraten sind. Konnten doch etliche Romane ihre Herkunft als Fortsetzungsserie in Zeitungen nicht leugnen. Ein Massenpublikum auf der ganzen Welt jedenfalls verehrte Sinclair und erkannte sich wieder in seinen Geschichten. Viele kamen durch ihn erstmals in Berührung mit sozialistischen Ideen. In der Sowjetunion verschlang man jedes seiner Bücher, selbst als er zum Renegaten geworden war. In der Weimarer Republik wurden sie mit Höchstgeschwindigkeit übersetzt (zumeist von der Autorin Hermynia zur Mühlen, die später vor den Nazis fliehen musste) und bei Wieland Herzfeldes Malik-Verlag herausgebracht, geschmückt mit den Einbandgrafiken John Heartfields.

Die Großen seiner Zeit – von Albert Einstein bis Thomas Mann, Maxim Gorki und George Bernard Shaw und in Indien Mahatma Gandhi und Rabindranath Tagore – begegneten dem mitreißenden Erzähler und radikalen Aktivisten mit größter Hochachtung.

Als der 90-jährige Upton Sinclair 1968 in einem kalifornischen Pflegeheim starb, hinterließ er neben fast 100 Romanen und Sachbüchern 29 Theaterstücke, einige tausend Artikel, Flugblätter, Protestresolutionen etc., nicht zuletzt eine Viertelmilllion Briefe.

Upton Sinclair hatte in seiner Jugend viel Elend kennen gelernt. Er stammte aus der honorigen, aber verarmten Südstaatler-Familie eines mehr und mehr dem Alkohol verfallenden Getränkehändlers (!). Soziale Ächtung erfuhr der Junge zur Genüge. Umso stärker empfand er den Kontrast zu dem Lebensstil seiner wohlhabenden Großeltern. Früh stieß er auf die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. So verlegte sich der Vielleser schon als Schüler aufs Geldverdienen: als Vielschreiber von Groschenromanen und Witzen für Tageszeitungen. Bald konnte er für seinen eigenen Unterhalt sorgen – und für den seiner Eltern dazu. Nicht viel später schloss er sich wie vor ihm schon Jack London und andere Intellektuelle der jungen Sozialistischen Partei von Eugene V. Debs an.

In Sinclairs Analyse des US-Kapitalismus, seinen Beschreibungen von Kapitalakkumulation und Überakkumulation, findet sich viel Marxistisches. Er begrüßte die Oktoberrevolution, wenn auch nicht als Modell für die USA. Sein heute bestenfalls antiquarisch erhältlicher Weltkriegsroman „Jimmy Higgins“ (1919) handelt von einem klassenbewussten Ex-Wanderarbeiter. Gegen seinen Willen eingezogen, soll er schließlich in Archangelsk bei einem US-Korps gegen die Bolschewiki kämpfen. Doch Jimmy verbündet sich mit den Revolutionären.

In einem Schlachthaus, Chicago 1906

In einem Schlachthaus, Chicago 1906

( gemeinfrei)

Lenin nannte Sinclair einen „Gefühlssozialisten“. Viele seiner Werke durchzieht eine erstaunlich differenzierte Darstellung der Oberschicht mit zur Reform fähigen Kapitalisten. Ein Beispiel dafür ist der raubeinige Self-Made-Mann J. Arnold Ross in „Öl!“, der mit viel sozialem Verständnis ans Werk geht, sich dann den Praktiken der ganz großen Trusts anpasst, um zuletzt von ihnen verschluckt zu werden. Sein geliebter Sprößling Bunny sympathisiert mit den Roten und gerät zwischen die Klassenfronten.

Wie zahlreiche Werke Sinclairs wurde auch „Oil!“ verfilmt. Der Streifen mit dem Titel „There will be blood“ („Blut wird fließen“) erregte 2008 auf der Berlinale einiges Aufsehen. Der US-Schauspieler Leonardo di Caprio gab darin einen dämonischen Tycoon, der jederzeit über Leichen geht.

100 Jahre zuvor war ein Stummfilm über „Der Dschungel“ gedreht worden. Dieser diente auf sozialistischen Meetings als Schulungsmaterial! Sinclair, der unbeirrbare Optimist, erhoffte sich durch Aufklärung eine Aktivierung zum organisierten Handeln – kein geringer Anspruch!

Das Jahr 1923 sah den berühmten Bestsellerautor als Propagandisten bei einem Dockarbeiter-Streik in der Nähe von Los Angeles. Das brachte ihm ein paar Tage Haft ein, zusammen mit vielen anderen, die dort noch länger schmoren mussten als der prominente Autor. Auf diesen Erfahrungen fußt sein erfolgreichstes Theaterstück, schnell verfasst: „Singing Jailbirds“ (1923). Die deutsche Fassung, „Die singenden Galgenvögel“, uraufgeführt in Piscators Theater zu Berlin, wurde sehr populär.

Sinclair setzte auf Massenmobilisierung genauso wie auf den parlamentarischem Weg und kandidierte fleißig, wenn auch auf verlorenem Posten, für die Sozialistische Partei. Nach diversen erfolglosen Wahlkämpfen beschloss er – zum Entsetzen seiner Weggefährten und seines Sohnes aus erster Ehe –, sich zur Abwechslung einmal von der Demokratischen Partei aufstellen zu lassen, und zwar bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien. Dorthin war er vor einigen Jahren mit seiner zweiten Frau, Mary Craig Sinclair, gezogen.

Angesichts von 700000 Arbeitslosen allein in dem Bundesstaat legte er seinen Wahlkampf als Kampagne gegen die Armut an: „End Poverty in California“ (EPIC). Rund 800 EPIC-„Graswurzel-Klubs“ unterstützten ihn. In seiner Broschüre „Ich als Gouverneur und wie ich die Armut beendete“ legte er sein Grundkonzept dar: Eine Art staatlich gelenktes Genossenschaftswesen in Stadt und Land mit dem Endziel einer Verbraucher orientierten Ökonomie ohne Profite.

Haushoch gewann er die Vorwahlen. Aber dann setzte eine unheilige Allianz aus Konzernen, Agrartrusts und bürgerlichen Medien, inclusive Teilen „seiner“ Demokratischen Partei, Himmel und Hölle gegen den „commie“ in Bewegung, mit medialer Hilfe von Presse, Rundfunk und Film. So unterlag er am Ende, wenn auch knapp. Schwacher Trost: Präsident Roosevelt nahm Forderungen der EPIC-Bewegung in seine Neuauflage des Reformprogramms „New Deal“ auf. Noch Jahrzehnte später knüpften soziale Bewegungen, aber auch demokratische Präsidentschaftskandidaten an diese beispiellose Kampagne und an die EPIC-Ideen an – nicht zuletzt Bernie Sanders 2016.

Nach seiner neuerlichen Wahlschlappe wandte sich Sinclair der Weltpolitik zu; in Spanien hieß es, der jungen Republik gegen Franco solidarisch beizustehen. In seinem agitatorischen Kurzroman „No Pasaran!“ warnt er vor dem möglichen Weltbrand: „Zuerst Il Duce, dann der Führer, und nun El Caudillo.“ Auch sein nächstes Literaturprojekt ist durchzogen von antifaschistischem Engagement: das auf zehn Teile angelegte, beeindruckende Monumental-Epos mit dem bezeichnenden Titel „World‘s End“. Er erreichte nun auch ein bürgerliches Publikum; er war „angekommen“.

Unvermittelt vollzieht Sinclair einen Schwenk nach Rechts. Nicht, dass er seinerzeit der Einzige gewesen wäre. Doch welcher Teufel ritt den nahezu 70-Jährigen, sich nach dem Krieg an die McCarthy-Hexenjäger und an die Kalten Krieger anzubiedern?

Schon vorher allerdings war Upton Sinclair immer wieder für eine Überraschung gut gewesen – so sein abrupter Parteiwechsel oder auch Experimente mit Parapsychologie, zusammen mit seiner zweiten, erheblich jüngeren, gesundheitlich labilen Frau, die er jahrelang pflegte.

Abgesehen von alledem war die erste offizielle literarische Auszeichnung, die dem Romancier 1942 zuteil wurde, mehr als verdient: Er erhielt den begehrten Pulitzer-Preis für seinen Roman „Drachenzähne“. Mit dessen ergreifender Darstellung der Nazigreuel in Hitlerdeutschland leistete er einen wichtigen, wirksamen Beitrag – für den Kriegseintritt der USA, gegen den Faschismus.

Kaum ein Schriftsteller hat so viel direkte Wirkung erfahren wie Upton Sinclair, dieser erste proletarische Schriftsteller der USA, Sohn einer sozial deklassierten Familie. Seine Geschichten gehen immer aus von aktuellen Skandalen und Missständen und vor allem von den Kämpfen der arbeitenden Menschen. Dabei kann uns seine ätzende Analyse der zutiefst korrupten Strukturen der US-Gesellschaft und seine erschütternde Darstellung von Verrohung und Unterdrückung und dem selbstlosen Widerstand dagegen noch heute fesseln.

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"Upton Sinclair", UZ vom 23. November 2018



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