„Wenn es gegen offenen Rassismus geht, dann gehe ich auch mit der SPD“

Das Gespräch führte Lars Mörking

UZ: Ihr seid eine neue Gruppe von teilweise sehr jungen Menschen. Was ist eure Motivation gewesen, ein Friedensaktionsbündnis zu gründen und warum seid ihr nicht bei einer der bestehenden Gruppen eingestiegen?

Helga: Unsere Motivation erschließt sich schon aus unseren Namen, Friedensaktionsbündnis.

Wir haben uns entschieden, nicht in bestehende Strukturen reinzugehen und dort und von innen heraus dort etwas zu ändern. Für uns hat es viel mehr Sinn gemacht, mit neuen Leuten, die ähnlich wie wir denken, einfach aktiv zu werden.

UZ: Warum?

Helga: Entweder waren die Gruppen so durchstrukturiert, dass wir das Gefühl hatten, es bewegt sich gar nichts mehr, oder es war völlig strukturlos und die Energie ist verpufft, ohne in etwas Konkretes zu münden. Da anzudocken, dafür waren wir vielleicht einfach zu getrieben von den Ereignissen, zum Beispiel in der Ukraine.

Alexander: Ohne die bestehenden Organisationen angreifen zu wollen, aber es passierte einfach zu wenig. Das war auch ein Grund dafür, dass wir anfangs die Mahnwachen mitgetragen haben. Es ging uns darum in Aktion zu treten.

UZ: Ihr habt euch inzwischen von den Mahnwachen klar abgegrenzt. Warum?

Alexander: Die Trennung von den Mahnwachen haben wir aktiv vollzogen. Beim „Offenen Mikro“ haben wir das Thema Rassismus direkt angesprochen und Teile der Mahnwache haben sich dann richtig überschlagen. Da kamen dann Beiträge, die uns schnell klar gemacht haben, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen, woher diese Leute kommen. Da waren „Reichsbürger“ darunter und andere Verstrahlte, AfD-Sympathisanten usw.

Der Bruch war in dem Moment vollzogen, als wir gefordert haben, sich gegen Hogesa und Pegida zu positionieren.

UZ: Angesichts der aktuellen Kriege und Konflikte scheint es ja aber doch schwierig, angemessen auf das zu reagieren, was in der Welt vor sich geht. Wie geht ihr damit um?

Helga: Das ist immer ein Kampf mit der eigenen Frustrationsgrenze.

UZ: Mit der Demonstration „Wir sind Charlie, nicht Pegida“ habt ihr einen Nerv getroffen und in Osnabrück 4 500 Menschen mobilisiert. Die Stimmung zu dieser Zeit zu nutzen, um sich deutlich gegen Kräfte wie Pegida zu stellen, hat offenbar gegriffen …

Alexander: … es gab in Osnabrück Versuche, einen lokalen Ableger von Pegida zu gründen. Auf Facebook gab es bereits eine solche Gruppe, als die Redaktion von „Charlie Hebdo“ angegriffen wurde. Da war uns allen eigentlich klar, dass es von rechts Versuche gibt, diesen Anschlag zu instrumentalisieren. Daher das Motto der Demo: „Wir sind Charlie, nicht Pegida“, für das wir auch Kritik geerntet haben.

Für uns war klar, dass Pegida versuchen wird, auf dieser Welle der Solidarisierung mit „Charlie Hebdo“ zu schwimmen. Eine Mobilisierung von rechts durften wir nicht zulassen und haben dann innerhalb von zwei Wochen dann dieses Bündnis für die Demonstration auf die Beine gestellt.

Helga: Es geht uns aber gar darum, nicht Luftschlösser zu bauen und zu sagen „Wir wollen immer eine große Masse erreichen – möglichst deutschlandweit“, sondern zu sagen: „Ok, wir sind jetzt hier in Osnabrück und hier können wir direkt wirken“. Wir wollen Aktionen machen, die wirklich umsetzbar sind. Man kann sich riesige Aktionen vorstellen, aber es bringt ja nichts, wenn nicht mit kleinen Aktionen begonnen wird, ein Fundament zu legen.

Wir tasten immer ein wenig ab, wie die Stimmung in der näheren Umgebung ist.

UZ: Wie reagiert ihr auf die Kritik, dass ihr gemeinsam mit Parteien wie der SPD demonstriert, die ja u. a. in der Bundesregierung Verantwortung trägt für Kriegseinsätze und eine Politik der Ausgrenzung?

Helga: Mein Gefühl sagt mir da zunächst einmal, dass es jetzt nicht um die SPD geht, wenn solche Auseinandersetzungen wie mit Pegida auf der Tagesordnung sind. Wenn sie sich unter einem gemeinsamen Nenner – und wenn es nur der kleinste gemeinsame Nenner ist – an Aktionen vor Ort beteiligen, ist mir das erst einmal wichtiger.

Alexander: Wenn es um den Kampf gegen Rassismus geht, dann laufe ich auch mit der SPD – auch wenn die SPD eine rassistische Asylpolitik betreibt. Wenn SPD-Mitglieder mit mir gegen offenen Rassismus auf die Straße gehen, dann sind sie in dieser Frage meine Bündnispartner. In der Frage der Krise in der Ukraine waren sie das nicht.

Und auch anlässlich des Antikriegstages, wo wir zu einem „Markt der friedlichen Möglichkeiten“ aufrufen, sind sie auch nicht unser Bündnispartner – da gehen sie auch nicht mit uns auf die Straße. Wobei es in Osnabrück schon bemerkenswert war, dass, als Vitali Klitschko die Stadt anlässlich der „Osnabrücker Friedensgespräche“ heimsuchte, sich die Osnabrücker SPD einem Eintrag ins goldene Buch der Stadt verweigern wollte und dafür von der Bildzeitung mit der Schlagzeile „Provinz-SPD löst Klitschko-Eklat aus“ abgewatscht wurde. Für diese Aktion tauchte die Osnabrücker SPD dann sogar ein weiteres Mal im Springer-Blättchen als „Verlierer des Tages“ auf.

Das zeigt, dass es durchaus Widersprüche in der Haltung von Mitgliedern oder Teilen der Partei zur Position der SPD-Spitze gibt.

UZ: Du hast die Vorbereitungen zum Antikriegstag angesprochen. Was ist in Osnabrück konkret geplant?

Alexander: Es läuft unter dem Namen „Markt der friedlichen Möglichkeiten“ und wird am 29. August als Bündnisaktion von neun Organisationen stattfinden. Mit dabei sind neben unsrem FAB u. a. VVN-BdA, der DGB, die Osnabrücker Friedensinitiative, attac, Remarque-Gesellschaft und Pax Christi. Wir haben vor, ein inhaltliches Angebot mit Infoständen und über ein wanderndes Mikro mit Livemusik und Straßentheater zu verbinden.

UZ: Findet ihr eine solche „nette“ Veranstaltung an einem Samstag – einem Markttag in Osnabrück – dem Thema Krieg und Frieden angemessen?

Alexander: Wir müssen die Leute angesichts der derzeitigen Lage schon aufwecken, aber es muss auch einen Zugang bieten. Samstags in der Stadt ist es natürlich schwer, zwischen den Einkaufenden ein Zeichen für den Frieden zu setzen, aber genau das versuchen wir.

Helga: Dadurch, dass wir so eine gute Gruppe bilden, können wir zeigen: „Da passiert was“. In Osnabrück passiert es ja nicht so häufig, dass mehrere Gruppen gemeinsam zu einem Thema eine größere, sichtbare Aktion starten.

Wir versuchen damit zum 1. September einen niedrigschwelligen Zugang zu bieten, sich mit dem Thema Frieden auseinanderzusetzen.

Das Gespräch führte Lars Mörking

*Namen von der Redaktion geändert.

Mehr zum Friedenaktionsbündnis Osnabrück unter: fabos.blogsport.de

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Über den Autor

Lars Mörking (Jahrgang 1977) ist Politikwissenschaftler. Er arbeitete nach seinem Studium in Peking und war dort Mitarbeiter der Zeitschrift „China heute“.

Mörking arbeitet seit 2011 bei der UZ, zunächst als Redakteur für „Wirtschaft & Soziales“, anschließend als Verantwortlicher für „Internationale Politik“ und zuletzt – bis Anfang 2020 – als Chefredakteur.

 

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"„Wenn es gegen offenen Rassismus geht, dann gehe ich auch mit der SPD“", UZ vom 14. August 2015



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