Jeff Bezos hat das Ziel, Amazon zum Monopol auf- und auszubauen

Wie geht „Amazonisierung“?

Die Stiftung ethecon verleiht jährlich den „Dead Planet Award“ für Konzernverbrechen. Aktueller Preisträger ist Amazon-Chef Jeff Bezos. Im April legte ethecon die Endfassung eines Dossiers zum Preisträger vor, aus dem wir hier – mit freundlicher Genehmigung der Stiftung – einen Auszug veröffentlichen.

Weitere Informationen sowie das vollständige Dossier sind auf ethecon.org abrufbar.

Amazons Aufstieg zu einem beinahe universellen Versorgungsunternehmen folgte einer klaren Strategie der Preisunterbietung, der Eliminierung des Zwischenhandels sowie der Errichtung eines eigenen Logistik-Netzwerkes. Das erinnert nicht zufällig an den Aufstieg des heute umsatzstärksten Konzerns der Welt, Walmart. Bezos‘ Lieblingsbuch ist seinen eigenen Angaben zufolge „Made in America“ von Sam Walton, dem Gründer von Walmart.

Amazon verdrängt Schritt für Schritt den Einzelhandel mit nahezu allen Verbraucherprodukten. (…) In den 25 Jahren seit Gründung wurde das Warenangebot über das einstige Bücherverzeichnis hinaus derart erweitert, dass es heute einen Großteil auch des noch bestehenden Einzelhandel-Sortimentes vollständig zu ersetzen in der Lage ist. Der Einzelhandel wurde also gleichzeitig monopolisiert – und die Kontrolle über seine Vertriebswege in wenigen Händen konzentriert – sowie auch als Branche weitgehend verdrängt und abgelöst.

Doch wie gelang Amazon dieser bislang ungekannte Raubzug gegen den Einzelhandel? Durch Unterbietung der Marktpreise zugunsten der Expansion. Was Amazon vor allem auf vier Wegen finanzierte:

  1. Durch jahrzehntelange Verluste und eine außergewöhnliche Rückendeckung der kreditgebenden Banken: Amazon häufte seit Gründung 1994 bis weit in die 2000er Jahre immer neue Milliardenverluste an und schüttete bis heute noch keinen einzigen Cent Dividende an seine Aktionäre aus. Das hätte manch anderen Unternehmen nach wenigen Jahren den Konkurs beschert. Der gut vernetzte Jeff Bezos konnte aber offenkundig seine Vision von der Monopolisierung des Einzelhandels den Bankern und Investoren als erstrebenswertes und perspektivisch auch profitables Projekt verkaufen. Seine Anteilseigner wetteten auf die langfristige Steigerung des Wertes von Amazon und setzten statt auf schnelle Dividenden auf ein Wachstum ohne Ende („Stakeholder-Value“). Und tun das offenkundig noch immer.
  2. Durch die Übernahme notwendiger externer Dienstleistungen in die eigene Regie, um über „Quersubventionierung“ eigene Produkte aus den Gewinnen bzw. den vergünstigten Preisen rentabler Geschäftszweige wie etwa dem Cloud-Computing unter Marktpreisen anbieten zu können. Hinzu kommt der Fokus auf Technologien, die dem Sammeln und Verarbeiten von Daten der Kunden, der Konkurrenz und der Märkte insgesamt dienen. So erzielte Amazon einen Wissensvorsprung.
  3. Durch die gnadenlose Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern, durch Unterdrückung gewerkschaftlicher Bestrebungen und kämpferischer Kolleginnen und Kollegen („Union Busting“), insbesondere in Lagerhaltung und Versand. Die extreme Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse ermöglichte eine Verzahnung von Produktion und Distribution von der Online-Bestellung bis zur Zustellung, die auch als „Just-In-Time-Produktion“ bezeichnet wird. Der Einfluss von Amazon auf die Verquickung von Produktion und Distribution, auf die Flexibilisierung und Prekarisierung von Arbeitsplätzen und den Niedergang des Einzelhandels ist so gravierend, dass auch von „Amazonisierung“ die Rede ist. Die Lieferketten seiner Technologieprodukte fördern noch grausamere Arbeitsverhältnisse in der Dritten Welt. Denn die Automatisierung von Lagerhallen, die Herstellung von Robotern, Drohnen und smarten Haushaltsgeräten steigert den Hunger nach seltenen Erden und Mineralien wie Silicium, Kobalt oder Koltan, die oftmals durch Kindersklaven aus lebensgefährlichen Minen geschürft werden. Durch die gnadenlose Ausbeutung der Natur: Um Lieferzeiten der Konkurrenz zu unterbieten, wurden Ressourcenverschwendung und Klimazerstörung globaler Lieferketten weiter ausgeweitet: „Amazon Prime“ liefert Express-Waren mit 20 geleasten Boeing-Flugzeugen aus. Der hohe Kerosinverbrauch dieser Flotte verursacht um ein Vielfaches mehr Treibhausgase als der Transport per Schiff oder gar per Bahn. 2018 wurde in der deutschen Presse bekannt, dass Amazon zurückgeschickte, aber völlig neue und gebrauchstüchtige Artikel verschrotten lässt, um weitere Transport- und Lagerkosten zu sparen.

Amazon zwingt durch seine Marktbeherrschung auch die verbliebenen Händler, ihren Geschäften eine Repräsentation im Netz einzurichten oder gar selbst den Vertrieb ins kostengünstigere digitale Niemandsland zu verlegen. Doch dem Monopol Amazon kann dort nicht die Stirn geboten werden. Das liegt nicht nur am technologischen Vorsprung und der schieren Größe, sondern vor allem an den von Amazon diktierten Spielregeln des Internets und des internationalen Handels, die Amazon durch starke Beziehungen insbesondere zu marktliberalen Institutionen, zur Politik und zur Justiz, etablieren konnte. Keine nationalen oder internationalen Anti-Monopol-Gesetze oder Aufsichtsbehörden konnten diesem Raubzug Einhalt gebieten.

Selbst der wirtschaftsnahe Journalist Brad Stone, der gerne das Genie von Unternehmern preist, stellte in seinem – von Amazon autorisierten (!) –Buch über den Konzern trocken fest, dass die einzige Innovation von Bezos in der konsequenten Verfolgung eines Handelsmonopols mit den technischen Möglichkeiten des Internets bestand.

Tagelöhnerei

Seit den 1990er Jahren lagern viele große Unternehmen wachsende Teile ihrer Arbeit an Fremdunternehmen mit geringeren Lohnkosten aus, was als „Outsourcing“ bekannt ist. Amazon spitzte diese verstärkte Form der Ausbeutung weiter zu und verlagerte Teile seiner Entwicklungskosten online an einen Schwarm („Crowdsourcing“) von Subunternehmen in Niedriglohn-Ländern, selbstausbeuterischen Start-up-Unternehmen und selbst an freiwillige, völlig unbezahlte private Internetnutzer. (…)
Neben der digitalen kehrte mit Amazon „Flex“ auch die altbekannte Tagelöhnerei im Bereich der Paketdienste zurück. Die miesen Arbeitsverhältnisse werden von der Unternehmer-seite als „Gig-Economy“ beschönigt. Dabei werden aus einzelnen Paketboten „Amazon-Flex-Lieferpartner“ –Scheinselbstständige. Amazon lobt die neuen Freiheiten dieser Arbeiterinnen und Arbeiter, ihre frei einteilbaren Arbeitszeiten und das hohe Maß an erforderlicher Selbstorganisation. Einzelne Arbeitspakete buchen die Tagelöhner über die Flex-App per Smartphone. Die Vermarktung dieser Scheinselbstständigkeit als Flexibilität verschleiert, dass ihre Freiheit vor allem eine Freiheit von Absicherungen ist, die in regulären Beschäftigungsverhältnissen erkämpft und gesetzlich verankert worden sind: Kündigungsschutz, gesetzlicher Urlaub, Beiträge der Unternehmerseite zu Sozial- und Krankenversicherungen usw. (…)

Flex wurde 2015 im Umfeld der amerikanischen Amazon-Hauptzentrale in Seattle getestet. In den USA stehen Zustellblöcke von zwei, vier, acht und zwölf Stunden pro Tag zur Auswahl. Seit 2018 wurde das Flex-Partnerprogramm dann in Berlin eingeführt, als erstes deutsches „Feldexperiment“ seiner Art zur Einführung US-amerikanischer, prekärer Arbeitsverhältnisse. Es folgten Flex-Offensiven in München, Frankfurt, Hamburg und Mannheim. „Amazon Deutschland Transport Gesellschaft“, „Amazon City Logistik Alpha“ oder „Amazon City Logistik Gamma“ heißen neue Tochterfirmen, die quer durch Deutschland das Paketgeschäft durch firmenfremde Zusteller unterminieren. Die verfügbaren Zustellblöcke können von Woche zu Woche schwanken und werden nicht garantiert. Sie sollten nicht als Vollzeittätigkeit eingeplant werden, gibt Amazon selbst zu bedenken.

Die Paketbranche in Deutschland stellt jährlich über 3,52 Milliarden Kurier-, Express- und Paketsendungen (KEP) zu, der Bedarf an Jobnachwuchs ist riesengroß. Doch trotz steigender Nachfrage verschlechtern sich stetig die Arbeitsbedingungen der Zustellerinnen und Zusteller. Die Arbeit werde härter, Tagesmengen größer und der Stundenlohn verharre auf dem gesetzlich erzwungenen Mindestlohn-Niveau. Gewerkschaften wie ver.di und die Branchengewerkschaft DPVKOM kritisieren diese Entwicklung scharf. „Dort wo die Infrastruktur passt, vornehmlich in den Großstädten, stellt Amazon die Sendungen selbst zu. Den Rest dürfen dann DHL oder andere Zustelldienste übernehmen“. Da der Wettkampf ausschließlich über den Preis ausgetragen und der „Baustein zu weiterem Lohn- und Sozialdumping“ führen würde, sei in der Gesamtrechnung am Ende – also nach Abzug der privat getragenen Ausgaben – nicht einmal mehr der Mindestlohn drin. Gleichzeitig sind Amazon & Co. nach Brancheninformationen nicht bereit dazu, mehr als zwei Euro per Zustellung (teils deutlich weniger) an die klassischen KEP-Zustelldienste zu zahlen. Ein „race to the bottom“ (Unterbietungswettlauf) ist in vollem Gange. (…) Langfristig geht es hier darum, als Plattform auch die Branchen-Konditionen der Paketdienstleister diktieren, Tarifverträge weitläufig abzubauen und die Marktführerschaft erlangen zu können.

„Picker“

Anders verläuft die Prekarisierung der Arbeit über die Amazon-Lagerhäuser. Die überwältigende Mehrheit der rund 840.000 direkt bei Amazon beschäftigten Arbeiterinnen und Arbeiter übt eine schablonenhafte, monotone Tätigkeit aus und erhält die niedrigsten gesetzlich zulässigen sozialen Sicherheiten. Sie haben oftmals keinen Kündigungsschutz, entgrenzte Arbeitszeiten, extrem prekäre Bedingungen am Arbeitsplatz und keinerlei Betriebsräte oder gewerkschaftliche Mitbestimmung.

In Deutschland existieren 2020 14 Logistikzentren mit über 13.000 festangestellten Menschen. Der Bad Hersfelder Amazon-Angestellte Christian Krähling (Krähling starb im Dezember 2020, Anm. der Redaktion) beschrieb die Arbeit wie folgt: „Der Job bei Amazon ist hart. Viele Kolleginnen und Kollegen sagen, sie fühlen sich dabei als Teil einer Maschine. Entsprechend hoch ist die Krankenquote (an manchen Tagen teilweise bis zu 20 Prozent und darüber). Muskel- und Skeletterkrankungen und psychische Erkrankungen sind dabei vorherrschend. (…)“ Und selbst diese üblen Arbeitsplätze werden immer rarer und zunehmend von Maschinen ersetzt. Ein Beispiel dafür gibt die neueste Robot-Generation, genannt „handle“ (Griffroboter). Die speziell für den Einsatz im Logistikbereich entwickelten Roboter des Robotik-Unternehmens Boston Dynamics, das auch das US-Militär ausrüstet, können bis zu 15 Kilogramm schwere Pakete anheben und verfrachten. In immer geringerem Umfang ist menschliche Arbeit für die manuellen Tätigkeiten in den Lagerhäusern noch nötig.

Es wird in drei Schichten gearbeitet. Die Rationalisierung bringt neben Effizienz auch fade Eintönigkeit im Arbeitsleben der Schichtarbeiterinnen und -arbeiter mit sich. Die monotone Arbeit, die zum Beispiel in der Kommissionierung verrichtet wird, nennt sich „picking“ (englisch für „pflücken“). Dementsprechend werden die Lagerarbeiterinnen und -arbeiter dort von Amazon auch als „Picker“ bezeichnet. Sie picken sämtliche Versandartikel jeweils einer Bestellung aus den Regalen heraus in einen Behälter – wie bei einer Obst-ernte. Über die Versandabteilung, in der die Behälter mit den vorher angesammelten Artikeln per Hand in Kartons verpackt werden, geht es direkt in den Warenausgang und von dort über vollautomatisierte Förderbänder zu den Verladestationen. Das Verhältnis von eingesetzten Robotern zu menschlichen Beschäftigten beträgt aktuell etwa eins zu vier.

Bei den extrem prekären Stundenlöhnen und den immer wieder geschilderten verheerenden Arbeitsbedingungen sollen freie Getränke (Wasser, Kaffee, Tee) und erfolgsabhängige Prämien locken. Die Prämien im Falle „entsprechender Ziel-Erreichung“ bedeuten nichts anderes als Akkordarbeit.
Während Amazon sich selbst als Logistik-Unternehmen bezeichnet und behauptet, sich in Deutschland am Tarifvertrag für Logistikunternehmen zu orientieren, entzieht sich der Konzern tatsächlich der Tarifbindung und wendet überhaupt keinen Tarifvertrag an. Weder den des Einzelhandels noch den deutlich niedrigeren der Logistikbranche. Tatsächlich vernichtet Amazon in großem Stil tarifgebundene Arbeitsplätze im Einzelhandel und ersetzt sie durch wenige Logistik-Arbeitsplätze. Gleichzeitig predigt Amazon wie kaum ein anderes Unternehmen seinen Angestellten eine neoliberale Ideologie und schiebt ihnen damit selbst die Verantwortung für diese objektive Verschlechterung der Lage der Arbeiterschaft in die Schuhe.

Union Busting

Angriffe auf die psychische Gesundheit der Arbeiterinnen und Arbeiter und die Untergrabung ihrer gewerkschaftlichen Betätigung gehören zu den Grundlagen des Erfolgs und zum Kern der Strategie von Amazon. Seine Logistik-Zentren baut Amazon gezielt an Orten mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit, um so den Druck auf seine Beschäftigten zu erhöhen. Kolleginnen und Kollegen berichten außerdem von einem Klima der Denunziation und der totalen Überwachung. Wer eine Minute Pause einlegt, wird als „underperformer“ (deutsch: Unterdurchschnittlicher) gebrandmarkt. Eine ex-trem weitgehende technische Überwachung wird durch ein System sozialer Kontrolle ergänzt. Vorgesetzte (Leads und Area manager) zitieren zum Gespräch, wer nicht schnell genug ist oder Pausen einlegt. In sogenannten „Inaktivitätsprotokollen“ wurde etwa 2014 vermerkt, dass eine Arbeiterin „von 07:13 bis 07:14 inaktiv“ war. Sie wurde darüber belehrt, ihre „arbeitsvertragliche Pflicht zur Erbringung der Arbeitsleistung verletzt“ zu haben.“ (…)

Am 9. April 2013 – nach fast 20-jähriger Geschäftstätigkeit – sah sich der Konzern überhaupt erstmals mit einem Streik konfrontiert. Und das nicht etwa in seinem Stammland, den USA, sondern in Deutschland. Seitdem kämpfen die Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Gewerkschaft ver.di für den Abschluss eines Tarifvertrages „Gute und gesunde Arbeit“ und die Anerkennung der regionalen Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels, um so dauerhaft höhere Löhne durchzusetzen. (…) Die Unternehmensleitung verkündete, dass die Streiks „keine Auswirkungen auf die Einhaltung des Lieferversprechens“ hätten. Tatsächlich war es Amazon immer wieder gelungen, Lieferausfälle durch Streiks an einzelnen Standorten zu ersetzen und die Offensiven der Kolleginnen und Kollegen weitgehend ins Leere laufen zu lassen. So wurde beispielsweise ein Versandzentrum in Polen eröffnet, um im Falle koordinierter, deutschlandweiter Streiks aus dem Ausland liefern zu können. Doch mittlerweile kommt es auch in Frankreich und Polen zu Streiks. In Frankreich konnte sogar erfolgreich ein 13. Monatsgehalt erkämpft werden. Die Kolleginnen und Kollegen im polnischen Poznan protestierten in Solidarität mit den streikenden deutschen Kolleginnen und Kollegen, sie wollten sich nicht zu Streikbrecherinnen und Streikbrechern machen lassen.

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"Wie geht „Amazonisierung“?", UZ vom 14. Mai 2021



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