Positionen eines kritischen Gewerkschafters • UZ-Interview mit Orhan Akman

Kein Selbstzweck

Mit Orhan Akman hat die Gewerkschaft ver.di ihren ehemaligen Bundesfachgruppenleiter für Einzel- und Versandhandel fristlos gekündigt. Als Hauptamtlicher war er leitend unter anderem für die Betreuung von Gesamt- und Konzernbetriebsräten zuständig. Zentrale Projekte zu Digitalisierung und Branchenanalysen fielen in seinen Bereich. Er war ver.di-Verhandlungsführer bei Tarifkonflikten, unter anderem mit Unternehmen wie Galeria Karstadt Kaufhof, Ikea, H&M, SportScheck und Primark, aber auch bei den Sondierungen um ein Tarifwerk zur betrieblichen Altersvorsorge. Und Akman hat in den letzten Jahren die Strategie und Taktik der Gewerkschaft im Kampf um einen Tarifvertrag bei Amazon mitentwickelt und verantwortet. Er war zudem jahrelang oberster ver.di-Streikleiter bei Amazon. Eine Petition bei „change.org“, die bereits knapp 1.000 Unterstützer hat (Stand 12. 9.), fordert die Rücknahme dieser Kündigungen und sieht inhaltliche Gründe dahinter. Die Vermutung ist, dass mit Akman ein progressiver und kritischer Gewerkschafter kaltgestellt werden soll. Wir haben bei ihm nachgefragt: Wofür steht Orhan Akman und welche Kritik hat er an seiner Gewerkschaft ver.di?

UZ: Als Bundesfachgruppenleiter Handel warst du für eine Branche zuständig, die zwar 3,2 Millionen Beschäftigte hat, aber einen niedrigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Wie steht es um die Gewerkschaftsarbeit in dieser Branche?

Orhan Akman: Es ist uns in den letzten Jahren gelungen, immer wieder neue Betriebe zu organisieren und zu mobilisieren. Fakt ist aber auch, dass wir vor größeren Schwierigkeiten stehen. Wir haben es mit einem unheimlich hohen Konzentrationsprozess im Handel zu tun. In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind mehrere große Unternehmen von der Bildfläche verschwunden – und mit ihnen abertausende Arbeitsplätze. Damit einher geht auch der Verlust unserer Mitglieder. Ich erinnere nur an Praktiker, „Ihr Platz“, Schlecker, Quelle, Hertie – man könnte die Liste fortsetzen. Die Kannibalisierung im Einzelhandel ist enorm.

Unsere Strukturen geben kaum Antworten auf den Konzentrationsprozess der Branche. Wir haben bei den Handelskonzernen einen enormen Konzentrationsgrad und verhandeln trotzdem nach wie vor nach Regionen. Unsere Flächentarifverträge beziehen sich auf Bundesländer. Meines Erachtens gibt es gar keinen Anlass mehr dafür, weil es bei den Konzernen kaum regionale Unterschiede mehr gibt und kleine und mittelständische Handelsunternehmen in den eigenen Unternehmensverbänden kaum eine Rolle spielen Es ist es dringend notwendig, über bundesweite Tarifverträge zu diskutieren und den Weg hierfür freizumachen. Und wir müssen uns immer wieder die Frage stellen: Beantworten unsere Tarifverträge aus Sicht der Beschäftigten das Notwendige und Erforderliche?

UZ: Du bist bekannt als jemand, der Kritik offen ausspricht – auch an deiner Gewerkschaft ver.di …

Orhan Akman: Große Organisationen wie Gewerkschaften tun sich immer schwer mit Erneuerung und Neuausrichtung. Das ist erst einmal nichts Ungewöhnliches. Ohne Kritik können wir uns nicht nicht weiterentwickeln. Aber wenn unsere Organisation binnen 20 Jahren über eine Million Mitglieder verloren hat, wenn wir in ganzen Branchen keine Tarifbindung mehr hinbekommen, wenn wir selbst im öffentlichen Dienst eine Tarifbindung haben, die um die 50-Prozent-Marke rumdackelt, wenn wir im Einzel- und Versandhandel eine Tarifbindungsquote unter 30 und im Großhandel unter 20 Prozent haben, dann können wir doch nicht sagen, dass wir so weitermachen wie die letzten 20 Jahre. Wir müssen überlegen und kritisch diskutieren, woran das liegt. Das gilt es zu analysieren und auch darzustellen.

Meines Erachtens sind wir als Gewerkschaft in einer tiefgreifenden Krise. Die Beschäftigten in den Unternehmen nehmen uns nicht mehr als ihre Interessenvertreter wahr und wir ziehen uns dort zunehmend zurück. Eigentlich müssten wir antizyklisch vorgehen und Geld, Personal und Ressourcen dort zum Einsatz bringen, wo die Menschen arbeiten, und das sind Betriebe, Dienststellen, Filialen … Stattdessen zieht sich die Organisation zurück und schaut auf die Personalkosten, wenn es kriselt – im Grunde, wie schlechte Handelsmanager das die letzten Jahre gemacht haben.

UZ: Was ist denn dein Vorschlag, wie man mehr Ressourcen für die Betriebe bekommt? Es stimmt doch, dass nicht mehr, sondern weniger Geld zur Verfügung steht.

Orhan Akman: Meines Erachtens ist die erste Frage, dass der Bundesvorstand die Diskussion über die interne Krise nicht blockieren darf. Wir müssen über die Krise reden. Wir müssen uns die Krise eingestehen. Wir können ja nicht so tun, als sei alles normal und wir auf der Erfolgsspur.

Wir machen seit Sommer dieses Jahres ein Projekt, das nennt sich „Zukunft der Mitgliederentwicklung“ und ist meines Erachtens die Fortsetzung bereits gescheiterter Projekte. Durch die Wiederholung der vergangenen Fehler werden wir nicht erfolgreich sein.

Wir sind nach wie vor eine Organisation mit 1,8 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern. Wir haben eine zentrale Organisation und müssen überlegen, wo das Personal zum Einsatz kommen soll. Wenn in der Bundesverwaltung unserer Organisation – dazu gehört auch meine Stelle – mehr als 500 Menschen arbeiten, dann muss man sich die Frage stellen: Ist das tatsächlich in der Größenordnung so notwendig?

Wir können ein Großteil dieses Personals, dieser Ressourcen, zum größten Teil auch vor Ort zum Einsatz bringen. Wir müssten die Organisation neu denken und nicht in dieser alten dreigliedrigen Matrixstruktur mit Bezirk, Landesbezirk und Bund, wo wir unheimlich viel Energie und Ressourcen für interne Abstimmungsprozesse benötigen. Wir müssen die Gewerkschaftsstruktur vereinfachen und wir müssen sie vor allem aus der Sicht des Mitgliedes und aus der Sicht des Betriebes neu denken. Wir können doch nicht zu einer Serviceorganisation verkommen, wir sind eine Tarifgewerkschaft, verdammt nochmal! Das Kerngeschäft unserer Organisation ist das Abschließen von Tarifverträgen und der Anspruch, für ganze Branchen per Tarifvertrag die Konditionen zu regeln.

UZ: Aber ist es nicht gerade so, dass an der Basis häufig dieses Verständnis von Gewerkschaft vorherrscht, das du jetzt kritisierst? Also dass sich die Gewerkschaft um Verbesserungen kümmern soll, ohne dass man selber etwas dafür tun muss?

Orhan Akman: Wir haben natürlich gerade in Westdeutschland eine solche Mentalität. Diese lässt sich unter anderem damit erklären, dass es bis 1989 eine Systemkonkurrenz mit dem Realsozialismus gab. Dieses Verständnis, dass, wenn ich irgendwo Mitglied werde, ich auch eine Leistung erwarte, das gibt es. Das ist über Jahrzehnte auch durch die Gewerkschaften geprägt worden.

Zahlende Gewerkschaftsmitglieder zu gewinnen ist das eine, aber sie in Aktion zu bringen und zu politisieren, dass sie sich für ihre Rechte einsetzen, das gelingt uns häufig nicht. Und ich vertrete die Ansicht, dass das auch ein wesentlicher Grund ist, warum fast 20 Prozent unserer Mitglieder die AfD wählen. Wir sind nicht in der Lage, dieses politische Vakuum in den eigenen Reihen zu schließen und können das auch nicht benennen. Es wird immer einen Teil geben, der sagt: „Ich zahle meinen Beitrag und will von der Organisation sonst nichts wissen, außer bei Lohnerhöhungen.“ Aber bei 1,8 Millionen und ehemals sogar 2,8 Millionen Mitgliedern bin ich mir sehr sicher, dass es viele zehntausende Menschen gibt, die bereit wären, politisch mehr zu machen für diese Organisation. Die Frage ist: Wollen wir das? Bieten wir die entsprechenden Plattformen?

Die Gewerkschaft an sich ist kein Selbstzweck. Sie ist eine Plattform. Menschen tun sich zusammen und sagen: Okay, lasst uns um Verbesserungen streiten und gegebenenfalls auch streiken. Unser Kerngeschäft ist die Tarifpolitik. Aber wir müssen uns aus diesem Korsett der Tarifpolitik befreien. Wir haben auch einen politischen Anspruch. Wir kämpfen gegen die Ausbeutung. Wir wollen, dass die Menschen an der Gewinnentwicklung, am Reichtum beteiligt werden. Es geht sozusagen auch um einen Kampf zwischen den Interessen beider Klassen, zwischen Kapitalisten und lohnabhängig Beschäftigten. Aber da fängt es ja schon an: Das Wort Kapitalist wird gar nicht im Deutschen mehr genutzt, sondern es heißt „Arbeitgeber“. Obwohl wir die Arbeit geben, heißen die Unternehmer in Deutschland „Arbeitgeber“. Das ist ein sprachlicher Ausdruck von politischen Fehlentwicklungen der letzten 50, 60 Jahre, die mitgetragen wurden.

UZ: Du hast angekündigt, nächstes Jahr für den ver.di-Bundesvorstand zu kandidieren. Willst du so deine Kritik und deine Vorstellungen in den Vorstand tragen?

Orhan Akman: Nicht nur auf dieser Ebene. Was wir dringend brauchen, ist eine Diskussion mit unserer gewerkschaftlichen Basis. Es bringt nichts, wenn ein oder zwei kritische Leute im Bundesvorstand hocken. Wir müssen uns der Basis stellen und den Sorgen und Bedürfnissen der Kolleginnen und Kollegen. Wir müssen uns wieder an die Quelle begeben, um klares Wasser zu trinken. Und die Quelle unserer Gewerkschaft sind die Mitglieder.

Ich maße mir nicht an, für alle Probleme eine Lösung zu haben. Als politischer Gewerkschaftssekretär, der seit Jahren für ver.di arbeitet, bin ich auch Mitglied. Ich will meinen Beitrag dazu leisten, dass es besser wird, dass wir einen neuen Weg gehen. Bis zum Kongress sollten wir die Zeit nutzen, um zu diskutieren und aus der Basis heraus die Gewerkschaft neu zu entwickeln.

UZ: Also ist deine Kandidatur auch als Aufruf zu dieser Debatte zu verstehen?

Orhan Akman: Ich möchte alle unsere Mitglieder, auch die Hauptamtlichen, dazu einladen, und, ja, auch dazu aufrufen, dass wird nicht einfach tatenlos zuschauen. Es ist unsere Gewerkschaft, die Gewerkschaft gehört nicht dem Bundesvorstand, und wir haben historisch eine Verantwortung. Wir sind die Erben einer Arbeiterbewegung, einer Gewerkschaftsbewegung, die in diesem Land seit über 150 Jahren kämpft. Und wir haben auch die Verantwortung, dass wir den zukünftigen Generationen eine Gewerkschaft hinterlassen, die in der Lage ist, die wesentlichen Arbeitskonditionen, die wesentlichen politischen Rahmenbedingungen für die abhängig Beschäftigten zu gestalten. Diesem Anspruch sollten wir uns stellen.

Das sind wir auch international unseren Schwestergewerkschaften und der Arbeiterklasse schuldig. Das ist meine Einladung an die kritischen Kräfte, an die progressiven Kräfte, sich zu Wort zu melden.

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Über den Autor

Lars Mörking (Jahrgang 1977) ist Politikwissenschaftler. Er arbeitete nach seinem Studium in Peking und war dort Mitarbeiter der Zeitschrift „China heute“.

Mörking arbeitet seit 2011 bei der UZ, zunächst als Redakteur für „Wirtschaft & Soziales“, anschließend als Verantwortlicher für „Internationale Politik“ und zuletzt – bis Anfang 2020 – als Chefredakteur.

 

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"Kein Selbstzweck", UZ vom 16. September 2022



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