Corona und das Gesundheitssytem

„Wobei, ich glaube einmal gab es Pizza für alle.“

Das „Erlanger Rot“, die Zeitung der DKP Erlangen, sprach mit der Pflegefachkraft und Betriebsratsvorsitzende Tatjana Sambale (DKP) über die Corona-Pandemie und wie sich diese auf ein in weiten Teilen privatisiertes Gesundheitssystem auswirkt.

Erlanger Rot: Was erscheint dir persönlich am Bedeutendsten, wenn du auf die vergangenen 20 Monate zurückblickst? Gibt es Erlebnisse oder Eindrücke aus deinem Alltag, die du mit dem Pandemiegeschehen verbindest?

Tatjana Sambale: Ich sehe mich noch in den ersten Wochen der Pandemie stundenlang am Waschbecken in der Umkleide stehen und minutenlang die Hände waschen, weil ich so in Sorge war, Erreger von der Arbeit mit nachhause zu bringen. Schon unter normalen Umständen führen wir im Heim oft Kämpfe um ausreichend Arbeitsmaterialien wie Handschuhe, denn so etwas ist ja ein Kostenfaktor. Die nötige und vorgeschriebene Schutzkleidung war deshalb in den ersten Monaten ein großes Thema. Später ging es dann vor allem um die zusätzliche Belastung der Kolleginnen durch Testungen oder das Auffangen mangelnder Sozialkontakte bei unseren Bewohnerinnen.

Am Bedeutendsten finde ich, dass immer mehr Kolleg*innen im pflegerischen und medizinischen Bereich nicht nur wütend ob der Zustände in unserem Berufsfeld sind, sondern viele sich auch organisieren und aktiv zur Wehr setzen. Viele haben den Punkt erreicht, an dem sie sagen „So geht es einfach nicht mehr weiter“. Einige kehren dann ihrem Beruf den Rücken. Es gibt aber immer mehr, die es nicht einfach hinnehmen, für dumm verkauft und mit warmen Worten abgespeist zu werden, und die gemeinsam für Verbesserungen kämpfen. Das ist verdammt wichtig, denn nur so wird sich etwas ändern.

Erlanger Rot: Was hat sich im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre in deinem Arbeitsalltag verändert?

Tatjana Sambale: Wir arbeiten mit alten, oft auch dementiell veränderten Bewohnerinnen, denen wir schon unter normalen Bedingungen oft nicht die Hinwendung und Zeit geben können, die sie eigentlichen verdienen und benötigen. Es gibt an viel zu vielen Tagen zuwenige Kolleginnen auf den Wohnbereichen, aufgrund von Ausfällen, Krankmeldungen oder Kündigungen, die seitens des Trägers nicht kompensiert werden. Auf dieses Grunddilemma kam dann noch eine Pandemiesituation oben drauf, die, bei Corona-Verdachtsfällen, die Isolation ganzer Wohnbereiche und der Bewohner*innen in ihren Zimmern bedeutet hat. Für uns hieß das arbeiten in Schutzkleidung, mit vollem Mundschutz, 8 Stunden am Stück. Es kamen auch gänzlich neue Anforderungen hinzu, etwa, dass wir als Fachkräfte für die Durchführung der Corona-Test verantwortlich waren.

Erlanger Rot: Welche konkreten Hilfestellungen hat es in deinem Betrieb gegeben, um mit der hohen Belastung klar zu kommen?

Tatjana Sambale: Keine. Wobei, ich glaube einmal gab es Pizza für alle. Und zu Weihnachten letztes Jahr persönliche Dankeskarten der Regionalleitung. Aber soweit, uns Weihnachtsgeld zu zahlen, hat die Hochachtung dann doch nicht gereicht.

Erlanger Rot: Welche politischen Veränderungen wären aus deiner Sicht notwendig, um eine gute Versorgung pflegebedürftiger Menschen ebenso zu gewährleisten wie gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen?

Tatjana Sambale: Wir brauchen eine verbindliche Personalbemessung. Jetzt. Das heißt, dass gesetzlich geregelt werden muss, wie viele Patientinnen oder Bewohnerinnen von wie vielen Pflegepersonen zu versorgen sind. Natürlich variert das, je nach Schweregrad der Pflegebedürftigkeit. Aber wissenschaftliche Bemessungsinstrumente für eine bedarfsorientierte Personalbemessung gibt es bereits, sie werden nur nicht angewandt. Es muss gesetzlich sichergestellt sein, dass die Betreiber von Heimen und Krankenhäusern auch dafür verantwortlich sind, und im zweifelsfall dafür haftbar gemacht werden können, dass immer, in jeder Schicht, ausreichend Personal vorhanden ist. Wenn Kolleginnen ausfallen, etwa wegen Krankheit oder Kündigung, liegt es in der Verantwortung der Träger, für Ersatz zu sorgen. Es ist nicht die Aufgabe der Kolleginnen, sich in ihrem knappen Frei untereinander selbst zu vertreten! Das ist etwas, was sofort, am besten gestern, angegangen werden muss. Mittelfristig muss es zu einer Absage an die Profitorientierung im Gesundheitswesen kommen. Dass es private Anbieter in der Pflege gibt ist ein recht neues Phänomen, das zwar immer mehr um sich greift, aber vor 30 Jahren noch undenkbar war. Für wie viele Menschen war es damals schlicht unvorstellbar und völlig absurd, die Bedürfnisse älterer oder kranker Menschen der Profitlogik von Pflegekonzernen zu unterwerfen. Diese Selbstverständlichkeit gilt es wieder herzustellen.



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