Nicht nur die Infektwelle bringt Kinderkliniken an den Rand des Zusammenbruchs

Tödliche Zustände

Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, sagt Dr. Michael Sasse von der Medizinischen Hochschule Hannover. Ungewöhnlich viele Kleinkinder leiden derzeit unter Atemwegserkrankungen. Die Eltern der erkrankten Kinder sind verzweifelt. Sie treffen auf ein Gesundheitssystem, das nicht mehr in der Lage ist, den Kleinsten zu helfen. Nach zwei Jahren Pandemie, ständigen Sparmaßnahmen und 20 Jahren Fallpauschalen steht es kurz vor dem Zusammenbruch.

Fiebersaft, ein Medikament, das Kinderärzte bei Atemwegserkrankung immer verschreiben, ist nur schwer zu bekommen, ein Termin beim Kinderarzt noch schwerer. Eine Behandlung im Krankenhaus wird zur Glückssache, da bis zu 40 Prozent der Betten wegen Personalmangels nicht genutzt werden können. In ganz Deutschland gibt es kaum noch freie Intensivkapazitäten für Kinder. Kinder aus Berlin müssen zum Beispiel mehr als 100 Kilometer weit nach Cottbus oder Frankfurt/Oder verlegt werden.

„Die Gesundheit und das Leben von Kindern ist derzeit ordentlich gefährdet“, meint auch der Sprecher des Berufsverbands Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, im „Deutschlandfunk“. Das Gesundheitssystem werde seit Jahren vor die Wand gefahren. Bei der Kindergesundheit werde nicht da-rauf geachtet, was nötig ist, sondern was sich lohnt, so Maske weiter. Die Gesundheit der Menschen unterliegt im Kapitalismus dem Verwertungszwang, muss Profit abwerfen.

Der Bundestag reagierte am vergangenen Freitag mit einer „kleinen“ Krankenhausreform. 300 Millionen Euro sollen die etwa 350 Kinderkliniken in Deutschland im kommenden Jahr extra bekommen. Das wird nicht reichen. Kinderarzt Maske weist im Interview darauf hin, dass für die in Not geratene Lufthansa neun Milliarden Euro locker gemacht wurden –ein Vielfaches der versprochenen Hilfen für Kliniken. Ab dem kommenden Jahr soll in einzelnen Kliniken außerdem mit Personalbemessung experimentiert werden, das heißt, es sollen Idealbesetzungen für Stationen festgelegt und eingehalten werden. Die ganze Verkommenheit der aktuellen Gesundheitspolitik wird auch an dem Vorschlag deutlich, Personal von den Erwachsenenstationen auf die Kinderstationen zu schicken. „Völliger Humbug“, sagt Kinderarzt Maske. Die Betreuung von Kindern brauche spezielle Ausbildung. Außerdem würden die Kolleginnen ja nicht „Däumchen drehen“.

Am Dienstag dieser Woche trat dann Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vor die Kameras. Er kündigte nicht weniger als eine „Revolution“ in der Gesundheitsversorgung an. Eine flächendeckende Versorgung, mehr Geld oder mehr Personal für das Gesundheitswesen soll die mit viel Tamtam angekündigte Krankenhausreform jedoch nicht bringen. Im Gegenteil: Die Mitglieder der Regierungskommission für das Krankenhauswesen betonten, dass das bisherige Budget nicht überschritten werden soll. Monetär ist die Reform ein Nullsummenspiel, die vorhandenen Mittel würden lediglich umverteilt. Das Fallpauschalensystem soll in abgewandelter Form erhalten bleiben, die Umwandlung von kleinen Krankenhäusern in „Versorgungszentren“ ohne Notfallmedizin rückt näher. Die Reformen der Ampel werden das Problem nicht lösen. Es ist ähnlich wie bei Hartz IV. Ein paar Almosen, ein neuer Name, das System bleibt.

Profitorientierung, Sparzwänge und Fallpauschalen haben ein lebensbedrohliches Gesundheitssystem geschaffen. Das spüren derzeit nicht nur die Kleinsten. Immer deutlicher wird, dass die Überforderung der Krankenhäuser keine Ausnahmeerscheinung ist, die durch Pandemien oder höhere Mächte herbeigeführt wird, sondern das logische Resultat einer mörderischen Politik im Sinne der Hedgefonds und Krankenhauskonzerne. Sie kann nur durch den gemeinsamen Kampf von Beschäftigten, Angehörigen und Patienten überwunden werden. Das Gesundheitssystem gehört in die öffentliche Hand, Gesundheit darf keine Ware sein. „Wir müssen die Kinder- und Jugendmedizin als Daseinsvorsorge sehen. Man kann da nicht nur auf den Profit setzen“, sagt Ärztesprecher Maske. Recht hat er!

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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Tödliche Zustände", UZ vom 9. Dezember 2022



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