China plant die Klimaneutralität. Erste Erfolge werden sichtbar, doch die Aufgabe bleibt gewaltig

Wohlstand ohne Kohle?

Walter Reber

Seit 2012 verursacht China mehr CO2-Ausstoß als die USA, die Staaten der EU und Großbritannien zusammen und mehr als jedes andere Land der Welt. Zugleich strebt China an, vor 2030 den Höhepunkt der CO2-Emissionen zu überschreiten und 30 Jahre später CO2-neutral zu sein.

Steigende Wirtschaftsleistung und Erhöhung des Lebensstandards in China waren bisher geknüpft an Kohle als Energieträger und damit an immer weiter steigende Emissionen. Zu Beginn der Wirtschaftsreformen in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts betrug der CO2-Ausstoß Chinas nur ungefähr ein Viertel des weltweiten Durchschnitts. Heute liegt er mit etwa 8 Tonnen pro Einwohner höher als beispielsweise in Deutschland mit 7,7 Tonnen. Beide Werte liegen deutlich über dem weltweiten Durchschnitt von circa 4,8 Tonnen pro Einwohner. Eine Bilanz der CO2-Emissionen, die in importierten und exportierten Waren realisiert sind, ändert das Bild in gewissem Umfang.

Wie in anderen Ländern steigen direkte und indirekte CO2-Emissionen der Haushalte mit dem Lebensstandard, höhere Einkommen führen zu einem Lebensstil, der mehr CO2-Ausstoß zur Folge hat. Haushalte in den reicheren Küstenprovinzen im Osten des Landes haben im Allgemeinen einen überdurchschnittlichen CO2-Ausstoß. Wie in anderen Ländern tragen die reichsten 5 Prozent der Bevölkerung zu 20 Prozent des CO2-Ausstoßes bei.

Kampf gegen die Kohle

Am Beginn der Industrialisierung stand die Kohle. Von allen fossilen Energieträgern ist Kohle der mit dem größten CO2-Ausstoß pro nutzbarer Energieeinheit. Lange Zeit erzeugte Kohle den größten Teil der zur Stromerzeugung und in industriellen Prozessen genutzten Energie – und dafür benötigt China als größter Kohleverbraucher die Hälfte aller in der Welt verbrannten Kohle. Mittlerweile ist der Einsatz von Kohle durch eine Reihe von Maßnahmen auf 56 Prozent der Energieerzeugung gesunken.

Das ist kein geradliniger Weg. Investitionsprogramme der Regierung, zum Beispiel während der Finanzkrise und zwischen 2014 und 2016, führten zu einem weiteren Ausbau der Kohleverstromung. Eine regulatorische Änderung gab den Provinzregierungen das Recht, neue Kraftwerke bauen zu lassen – 78 Prozent davon waren Kohlekraftwerke. Und weitere Kohlekraftwerke sind zu erwarten. In den kommenden Jahren werden voraussichtlich bis zu 200 Kohlekraftwerke gebaut werden, die über ihre gesamte Betriebszeit 250 Gigatonnen CO2 freisetzen werden.

Der Weg zur CO2-Neutralität wird essenziell sein, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Dafür braucht es den weiteren Ausstieg aus der Kohle als überragende Aufgabe.

Der „Aktionsplan zur Kontrolle und Verminderung der Luftverschmutzung“ initiierte diesen Übergang 2013, setzte aber zunächst nur an den unmittelbar sichtbaren Symptomen an: Die Luftverschmutzung mit Feinstaub und Schwefelverbindungen sollte in den am weitesten entwickelten Provinzen wie Beijing, Tianjin and Hebei vermindert werden. Kraftwerke wurden in den Westteil des Landes verlagert und modernisiert, alte ineffiziente Anlagen wurden stillgelegt.

Eine Verlagerung des Problems und auch der Einsatz neuer, effizienterer Kraftwerke ist aber viel zu wenig. 2017 sprach die chinesische Regierung zum ersten Mal davon, den Einsatz der Kohle zu verringern. 50 Gigawatt installierter Leistung aus Kohlekraftwerken sollten in der Summe abgebaut werden. Angesichts des Energiehungers der chinesischen Wirtschaft ist das ein schwieriges Unterfangen. Im Jahr 2020 nahm China zum Beispiel Kohlekraftwerke mit einer installierten Leistung von 38,4 Gigawatt neu in Betrieb und legte 8,6 Gigawatt still, ein Netto-Zuwachs von 29,8 Gigawatt. Weitere Kohlekraftwerke wurden geplant und in Betrieb genommen, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu verringern.

Maßnahmen

Solange das Wachstum der chinesischen Wirtschaft und des Lebensstandards unmittelbar an den Energieeinsatz und damit im Wesentlichen an die Kohle gebunden ist, steht China vor einem Dilemma. In den Fünfjahresplänen seit 2001 wurde dem Rechnung getragen. Der Weg zur CO2-Neutralität steht auf drei Pfeilern: „Negative Emissionen“, das heißt die Bindung von CO2 entweder durch technische Maßnahmen oder durch Aufforstung, Ausbau der erneuerbaren Energiequellen und Erhöhung der Effizienz.

Das Ziel war, den CO2-Ausstoß im Verhältnis zum erreichten Bruttoinlandsprodukt (BIP) – also dem Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen – zu verringern, wie es die entwickelten Länder Europas bereits erreicht hatten. China hatte dabei einen schwierigen Beginn. Anfang der 70er Jahre war das BIP niedrig, der CO2-Ausstoß war dennoch enorm und in Bezug auf das erwirtschaftete BIP etwa doppelt so hoch wie in den entwickelten Ländern. Mit Beginn der Wirtschaftsreformen stieg der spezifische CO2-Ausstoß sogar noch an. Mit der Entwicklung von Wirtschaft und Technologie jedoch fiel der spezifische CO2-Ausstoß stetig ab und liegt jetzt nur noch unwesentlich über dem der entwickelten Länder.

Aufforstung und Ausbau der erneuerbaren Energiequellen – und die Nutzung der Atomenergie – werden stetig vorangetrieben. Der Aufbau eines weltweit einzigartigen Hochgeschwindigkeitsnetzes der Bahn schafft die Voraussetzung, auch bei der Mobilität – in Europa einer der Treiber des CO2-Ausstoßes – den Ausstoß der Treibhausgase zu verringern, soweit der Kohlestrom weiter zurückgedrängt wird.

Pläne

In den Fünfjahresplänen stand zu Beginn des neuen Jahrtausends zunächst das Thema Luftverschmutzung im Vordergrund. Ab 2007 ging es mit dem „National Climate Change Programme“ (NCCP) um den Klimawandel. Die Energieintensität sollte zwischen den Jahren 2005 und 2010 um 20 Prozent verringert werden. Der Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergieverbrauch sollte auf 10 Prozent ansteigen und Wälder sollten weiter aufgeforstet werden. Schon zwei Jahre später formulierte der „Ständige Ausschuss des Staatsrates“ weitere Ziele, die das NCCP erweiterte, ergänzte und konkretisierte. Später wurden diese Ziele in den Planvorgaben anspruchsvoller. All diese Vorgaben werden für die Provinzen und bis auf die Stadtebene hin weiter detailliert. Eine Untersuchung von Wissenschaftlern des „Department of Earth System Science“ der Tsinghua-Universität, die in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurde, verglich Zielvorgaben und Ergebnisse. Demnach werden die Vorgaben nahezu vollständig umgesetzt.

Schließlich mündeten die Zielvorgaben der Planungsbehörden in der Stellungnahme des chinesischen Präsidenten auf dem „Climate Ambition Summit 2020“: China solle 2030 den Höhepunkt des CO2-Ausstoßes überschreiten und 30 Jahre später CO2-neutral sein.

Neue Normalität

Mittlerweile scheint China am Beginn einer „Neuen Normalität“ zu stehen, wie die oben genannten Forscher es formulieren. Sie soll steigenden Wohlstand bringen, der auf einer von Innovationen getriebenen Entwicklung beruht und auf der Optimierung wirtschaftlicher Strukturen. Hochgeschwindigkeitszüge, riesige Solarfarmen im Westen des Landes und ein Ultra-Hochspannungsnetz, das eine Leistung von 12.000 Megawatt über 3.000 Kilometer Entfernung von den Erzeugern im Nordwesten des Landes in die Verbrauchszentren im Westen des Landes überträgt, sind die äußeren Anzeichen dieser neuen Normalität. Kohlegruben, Tagebaue und ein Strommix, der noch immer zum großen Teil aus Kohlestrom besteht, bilden eine andere Facette dieses widersprüchlichen Landes.

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"Wohlstand ohne Kohle?", UZ vom 6. Januar 2023



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