Auf seiner 8. Tagung befasste sich der Parteivorstand der DKP mit einem vieldiskutierten Thema der kommunistischen Bewegung – der nationalen Frage. UZ dokumentiert eine gekürzte und redaktionell leicht bearbeitete Fassung des dazu gehaltenen Referats.
Das Allerwichtigste ist – und das muss vor der Diskussion und Befassung mit dem Thema absolut klar sein: Die Zielsetzung des Referats ist, dass wir unsere eigene Vorstellung entwickeln müssen, wie unser Land aussehen soll und wie es unser Land wird. Es reicht nicht, aufzuzählen, was schlecht ist. Wir brauchen positive Ziele und Kampfaufgaben, die es den Menschen ermöglichen, selbst aktiv und wirksam zu werden.
Wir sind aus zwei Gründen gezwungen, uns zu positionieren:
- Dieses Land ist ein Land in der Zeit des Niedergangs des kapitalistischen Systems. Wie schon ihre Vorgänger ruiniert die aktuelle Regierung es zunehmend in mittlerweile erschreckendem Tempo. Darüber hinaus steigern die Herrschenden massiv die Kriegsgefahr.
- Die AfD stellt sich nicht nur mit ihrem Namen dar als die Alternative für Deutschland. Sie bedient die Hoffnung vieler Menschen, dass es für dieses Land eine positive Zukunft gibt. Sie besetzt den Begriff der Nation, des Vaterlands und was auch immer und stellt sich dar als einzige Kraft, die den Niedergang dieses Landes aufhalten kann. Sie spielt die nationalistische Karte als Antwort auf die Sorgen der Menschen um ihre soziale Sicherheit.
Deshalb muss unser Ziel sein, für die Menschen eine andere Vorstellung zu entwickeln, wie die Zukunft dieses Landes aussehen kann. Wir wollen und müssen unser eigenes Narrativ entwickeln.
Nation und Staat
Die Nation ist ein politisch-gesellschaftliches Produkt. Die Begrifflichkeit ist erwachsen aus der Notwendigkeit der Bourgeoisie zu einem einheitlichen Einflussgebiet. Die großen Nationen (Great Britain, La Grande Nation) waren auch immer welche des Kolonialismus, eines Imperiums. Das macht auch deutlich, warum wir von dem deutschen Imperialismus als zu spät und zu kurz gekommen sprechen und daraus seine besondere Aggressivität herleiten. Während Britannien, Frankreich, Portugal, Spanien und die Niederlande bereits gefestigte Staatengebilde und große Kolonialmächte waren, war das Gebiet des späteren Deutschen Reiches noch ein Flickenteppich von einigen großen – vor allem Preußen und Bayern – und vielen kleinen Fürstentümern, deren Vereinheitlichung divergierende Sonderinteressen entgegenstanden. So war das spätere Deutsche Reich von 1871 – folgt man Alfred Norden – eher ein Nationalitätenstaat als ein Nationalstaat.
Das Deutsche Reich trat erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in den Wettlauf der kolonialen Aufteilung der Welt ein und eignete sich dabei einen Kolonialbesitz an, der weit verstreut lag und von geringem wirtschaftlichem Wert war:
- In Afrika unterwarf das Deutsche Reich Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika (alle 1884) und Deutsch-Ostafrika (1885).
- Im Pazifik waren es der Bismarck-Archipel und Kaiser-Wilhelm-Land (beide 1884), die Marshallinseln (1885), die Marianen und Karolinen sowie die Palau- und Samoainseln (alle 1899).
Norden beschreibt die Situation nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 so: „Gesättigt und gestärkt durch den Milliardenstrom der französischen Kriegsentschädigung, eröffnete die deutsche Bourgeoisie kurz darauf Anfang der achtziger Jahre mit der Kolonialpolitik ein neues, dunkles Kapitel der Völkerunterdrückung.“
Für Deutschland, also die Entstehung eines Deutschen Reiches, spielte der Nationalismus eine große Rolle. Er war die Klammer, die ein Zusammenführen der vielen kleinen Staaten ermöglichte. In diesem Zusammenhang ist auch bedeutsam, dass die bürgerliche Revolution 1848 auch in dieser Frage versagt hat und die Reichseinigung erst 1871 erfolgte. „Siegte das Volk von Berlin in der Barrikadenschlacht vom 18. zum 19. März 1848, so wurde der Sieg verspielt durch die Bourgeoisie, die sich aus Angst vor der jungen Arbeiterklasse – diese hatte die Hauptzahl der Kämpfer und Todesopfer des 18. und 19. März gestellt – freiwillig wieder den feudalen Gewalten unterwarf und mit ihnen jenes fatale Bündnis schloss, das in den folgenden siebzig Jahren Deutschland seinen Stempel aufdrückte“, schreibt Norden.
Klar wird damit auch, dass sich die nationale Frage nicht von der Frage lösen lässt, ob sie sich in einer unterdrückten oder einer unterdrückenden Nation stellt. Hierauf hat uns Lenin hingewiesen. Wir haben uns damit ausführlich im Rahmen der 4. Tagung des Parteivorstands befasst und sind zum Ergebnis gekommen, dass es sich hinsichtlich des heutigen Deutschlands um eine unterdrückende Nation handelt, die sich gleichzeitig bewusst dem US-Imperialismus und dem gemeinsamen Kampf des Imperialismus gegen seinen Hegemonieverlust unterordnet.
Spannungsfeld
Hierzu Manfred Sohn in der Einladung zu einem Symposium der Marx-Engels-Stiftung:
„Der Spannungsbogen der nationalen Frage ist bereits im ‚Kommunistischen Manifest‘ benannt: ‚Den Kommunisten ist ferner vorgeworfen worden, sie wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen. Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben. Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur führenden Klasse der Nation erheben, sich selbst als Nation konstituieren muss, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.‘
Geschrieben wurde das an der Jahreswende von 1847 zu 1848. Zu berücksichtigen ist also, dass damals der Nationalstaatsbildungs-Prozess in Europa noch nicht abgeschlossen war – Deutschland war noch ein Flickenteppich von Fürstentümern. Aber dennoch ist offensichtlich, dass es zwischen der Aussage, die Proletarier hätten kein Vaterland, und der, sie sollten sich als Nation konstituieren, ein Spannungsverhältnis hinsichtlich der daraus abzuleitenden praktischen Politik besteht.
Dieser Spannungsbogen prägt die kommunistische Weltbewegung bis heute.
Dieser Einführung will ich eine These vorausstellen: Die kommunistischen Parteien sind immer dann hinsichtlich der Aufgabe, das Proletariat ‚zur führenden Klasse der Nation zu erheben‘, also Parteien mit einem Masseneinfluss zu errichten, die sie siegesfähig machen, gescheitert, wenn sie nur auf Satz 1 gepocht haben. Sie waren historisch immer dann erfolgreich, wenn sie beide Seiten dieser Absätze aus dem ‚Manifest‘ zur Grundlage ihrer Politik, also auch nationale Politik im Sinne dieser Aussagen betrieben haben.“
Sohn kommt zu folgendem Zwischenresümee der Debatte um die nationale Frage aus marxistischer Sicht:
- Nation ist eine Struktur menschlicher Gesellschaften, die es vor dem Kapitalismus noch nicht gab und die es im entwickelten Kommunismus nicht mehr geben wird.
- Es gibt sie auch im Sozialismus als – wie Walter Ulbricht es zu Recht formuliert hat – einer relativ eigenständigen Etappe des Epochenübergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus und damit von der Epoche der Klassengesellschaften zur klassenlosen Gesellschaft.
- Die Nation hat insofern eine Brückenfunktion zwischen der Endphase der Klassengesellschaft (also Kapitalismus) und der ersten Etappe des Kommunismus (also Sozialismus).
- Im Schoße der Nation beginnt damit historisch die Auflösung der Klassengesellschaft. Sie ist aber nur in Form einer sozialistischen Nation möglich.
- Hinsichtlich der deutschen Nation ist die DDR die Gärhefe in diesem historisch noch durchzukämpfenden Prozess. Das ist der Grund, weshalb sie dem deutschen Kapital so schwer und unverdaulich im Magen liegt.
- Die Gärung wird umso intensiver, je sich mehr sich der Niedergang der deutschen Nation im Zuge der sich vor unseren Augen historisch vollendenden Dekolonisierung, also der Befreiung der Welt von der 500 Jahre währenden Unterdrückung durch Westeuropa und ihrer US-amerikanischen Tochtergründung, entfaltet.
- Dieser Niedergang, der sich an Deindustrialisierung, Wohlstandsverlust, Sozialabbau, Militarisierung, zunehmender Perspektivlosigkeit vor allem der Jugend und anderen Symptomen ablesen lässt, öffnet (wenn er nicht katastrophisch endet) erneut die Ulbrichtsche Perspektive einer sozialistischen deutschen Nation.“
AfD und Antideutsche
Lenin fordert uns auf, sorgfältig die Spezifik eines jeden Landes zu untersuchen. Hierzu als erstes zwei Ausprägungen, mit denen wir es in Deutschland zu tun haben.
Nummer 1: die AfD. Allein der Name besetzt zwei wichtige Begriffe der politischen und vor allem ideologischen Auseinandersetzung: „Alternative“: greift den Unmut von Teilen der Bevölkerung und vor allem in der Arbeiterklasse über die Politik der Regierungen der letzten Jahre/Jahrzehnte auf. „Für Deutschland“: Mit dieser Kanone schießt man auf Migranten, „Schmarotzer“ und Frauen (die zu wenig Kinder gebären) und befeuert einen reaktionären Nationalismus, der häufig chauvinistische Züge annimmt und durch Aussparung der Klassenfrage Elemente der Volksgemeinschaft transportiert.
Nummer 2: die Antideutschen. Zu ihnen hat Gerhard Hanloser in der „jungen Welt“ vom 11. April 2024 argumentiert. „Die Antideutschen mögen als ‚Antideutsche‘ verschwunden sein. Doch bereits als wahrnehmbare Szene waren sie ‚Mainstream im sektenhaften Gewand‘. Mittlerweile gehören Teile ihrer Positionen zur deutschen ‚Staatsräson‘. Sie sind kein vergessenes Randphänomen, vielmehr aktueller Ausdruck des ‚Elends der deutschen Zustände‘, die sich durch militaristisches Denken, prowestlichen Konformismus, Verachtung der linken Geschichte von Internationalismus und Antiimperialismus auszeichnen. Aus mannigfaltigen Gründen bedienen sie die offizielle deutsche ‚Staatsräson‘, Israel bedingungslos zu unterstützen. Kritisch ist daran nichts mehr; eine antideutsche Haltung im positiv-emphatischen Sinne von Unangepasstheit, Nonkonformismus und Antistaatlichkeit kann in dieser Haltung schon lange nicht mehr ausgemacht werden.“

Hanloser weiter: „Als 1989/90 die DDR unterging, geriet die bundesrepublikanische Linke ins Schlingern. Das unter Federführung von Bundeskanzler Helmut Kohl schlagartig größer gewordene Deutschland stellte eine Bedrohung dar, nicht nur für andere Länder, nicht nur für alles, was als ‚undeutsch‘ erachtet werden konnte, sondern eben auch für die Linke selbst. In den frühen 1990er Jahren war nicht zuletzt deshalb eine sich selbst als ‚antideutsch‘ definierende Stimmung und Haltung in der radikalen Linken weitverbreitet. Die Anfangsparole ‚Nie wieder Deutschland!‘ schien nicht nur berechtigt angesichts einer Explosion von Alltagsrassismus, die der deutschen Wiedervereinigung auf dem Fuß folgte. Die Pogrome von Rostock und Hoyerswerda, die sprunghafte Zunahme antisemitischer Friedhofsschändungen und ein Erwachen neuer Großmachtbestrebungen zeigten, dass die Alarm schlagende Deutschland-Kritik zur Wiedervereinigung, die im Ausland zu vernehmen war und von relevanten Teilen der Linken geteilt wurde, prophetisch war.“
Nationaler Nihilismus
Weit gefährlicher als der vor allem in der linken Blase stattfindende antideutsche Umtrieb ist der Umstand, dass die Frage der Nation bei den meisten sich links orientierenden Gruppen keine oder kaum Beachtung findet. Der Parteivorstand hat sie richtigerweise auf die Tagesordnung gesetzt und die Marx-Engels-Stiftung hat mit einem Symposium Zuarbeit geliefert.
1935 konstatierte Georgi Dimitroff beim VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale: „Unsere Genossen in Deutschland haben lange Zeit das gekränkte Nationalgefühl und die Empörung der Massen gegen den Versailler Friedensvertrag nicht genügend in Rechnung gestellt, sie haben sich zu den Schwankungen der Bauernschaft und des Kleinbürgertums geringschätzig verhalten, haben sich mit dem Programm der sozialen und nationalen Befreiung verspätet, und als sie es aufstellten, da verstanden sie nicht, es entsprechend den konkreten Bedürfnissen und dem Niveau der Massen anzuwenden; da verstanden sie es nicht einmal, es unter den Massen großzügig zu popularisieren.“
Ein bedeutsames Element dieser Unterschätzung war – ebenso wie die Unterschätzung des Faschismus –, dass die Kommunistische Internationale und auch die KPD davon ausgegangen waren, dass das nächste Kampfziel der Sozialismus sei. Die Ausrichtung auf eine Politik zur Verteidigung kapitalistischer Staatsgebilde war ein mühsamer und schmerzhafter Prozess.
Die aktuellen Faktoren heute sind andere. Eine große Rolle spielen die Konterrevolution und der Verlust der Sowjetunion sowie die „Wiedervereinigung“. Beides hat den Antikommunismus enorm befeuert und uns mit der DDR ein Land genommen, zu dem wir ehrlich als Vaterland hätten stehen können. Das Wiedererstarken Deutschlands mit seinen aggressiv vorgetragenen imperialistischen Plänen nach außen und seinen zunehmend repressiven Maßnahmen im Inneren werden von uns richtig als reaktionär-militaristischer Staatsumbau benannt. Kontinuität findet sich in der Europastrategie des deutschen Kapitals. Alles Faktoren, die im linken Spektrum das Unbehagen mit diesem Deutschland haben wachsen lassen – bis hin zu nationalem Nihilismus.
Andreas Wehr verweist uns in einem Artikel in der „jungen Welt“ vom 8. April 2015 auf die ideologischen Hintergründe dieses Nihilismus, der im Gewand von „Hurra Europa“ daherkommt, und gelangt zu dem Schluss: „Das Kampffeld ‚Nationalstaat‘ wird aufgegeben, ohne dass ein adäquates neues benannt werden kann. Die Ausgebeuteten und sozial Benachteiligten werden sich selbst überlassen, bieten ihnen doch ihre traditionellen Organisationen, Gewerkschaften und linke Parteien, keine Perspektive mehr. Im wortwörtlichen Sinne werden ihnen Steine statt Brot geboten.“
Deutschland
Die Schwierigkeiten, die viele von uns mit „Deutschland“ haben, haben zum einen historische Gründe: Kriegerisch aus der Taufe gehoben. Gemeinsame Sache mit dem „Erbfeind“ zur Niederschlagung der Pariser Kommune. Aggressiver Imperialismus. Kolonialismus und „Hunnenrede“. Nazidiktatur mit „Wollt ihr den totalen Krieg?“, KZs und Völkermord. Keine Befreiung 1945 aus dem Volk heraus. Wiedererstarken der alten Kräfte nach 1945. „Wiedervereinigung“ und neuer Anlauf zur Weltmacht mit dem Paukenschlag 1999: Krieg gegen Jugoslawien. Russenhass und Unterstützung ukrainischer Faschisten. Waffenlieferungen an Israel und Negieren des Genozids am palästinensischen Volk. Arschkriecherei gegenüber den USA und ihrem Krieg gegen den Iran. Wiedererstarken des Militarismus. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Geschichtsrevisionismus. Treten nach unten, buckeln nach oben. Die meisten Deutschen sahen nach 1945 keine Schuld, sahen sich eher als Opfer. Dazu eine Sozialdemokratie, die nicht nur einen Bluthund zeitigte, sondern sich als staatstragend versteht.
In der deutschen Literatur finden sich hunderte von Beispielen, dass revolutionäre Geister immer Mühe hatten mit diesem Vaterland.
Bertolt Brecht:
„O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie sitzest du besudelt
Unter den Völkern.
Unter den Befleckten
Fällst du auf.
O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie haben deine Söhne dich zugerichtet
Dass du unter den Völkern sitzest
Ein Gespött oder eine Furcht!“
Oder Erich Kästner:
„Kennst Du das Land,
wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht?
Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen
stolz und kühn
in den Büros, als wären es Kasernen.
Dort reift die Freiheit nicht.
Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut –
es werden stets Kasernen.
Kennst Du das Land,
wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht?
Du wirst es kennenlernen!“
Viele wurden aus dem Land gejagt. Für Verbleibende blieben oft nur die Gedanken frei.
Und dieses Land soll man lieben? Dieses Volk der Dichter und Denker, aus dem das „Volk der Richter und Henker“ wurde?
Im Januar 1969 wurde Gustav Heinemann (SPD), Bundespräsident von 1969 bis 1974, in einem Interview mit dem „Spiegel“ gefragt, ob er diesen Staat denn nicht liebe. Etwas patzig antwortete er: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau, fertig!“ Das war in der Zeit, als gerade die Kämpfe gegen die Verdrängung der Verbrechen der Nazizeit begonnen hatten und Vaterlandsliebe immer noch bedeutete, dass Hitler ein Betriebsunfall war.
Das ist – nach dem historisch-politischen Element – das zweite, das uns das Leben mit diesem Deutschland schwer macht – die ideologische Überfrachtung eines Nationalismus, der in den Niedergang des Kapitalismus eingewoben ist und nur noch der aggressiven Verherrlichung des eigenen Staates dient. Hinter dem „Wir“ scheint im schlimmsten Fall die Fratze der Volksgemeinschaft, des Herrenmenschentums, des Chauvinismus und Hurra-Patriotismus auf, zumindest aber ist es eine gefühlsduselige Beschwörung, die Widersprüche und die Klassenfragen verkleistert.

Unsere Nation
Von diesen Lasten müssen und können wir uns ideologisch freimachen. Wir sehen die Nation so, wie es uns die Klassiker gelehrt haben: als Feld des Klassenkampfs. Mit unserer eigenen Geschichte gehen wir so um, wie es uns Brecht in seinem Gedicht sagt: „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen.“ So gesehen sind wir tatsächlich Patrioten. Die KPD hat mit dem „Aufruf des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei zum Aufbau eines antifaschistisch-demokratischen Deutschlands“ vom Juni 1945 ein klares, analytisches und vorwärtsweisendes Dokument vorgelegt, das ohne nationalistisches Gedöns die Geschichte bewertet und die politischen Aufgaben skizziert. Das zweite Dokument, das für uns heute als Richtschnur dienen kann, ist die Rede Ulbrichts vom 21. April 1966: „Der Weg zum künftigen Vaterland der Deutschen“. (Siehe UZ vom 31. Juli)
Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, eine gefühlsmäßige Bindung an das Stück Erde, auf dem man lebt, zu verachten. Hier finden wir bei Heinrich Heine Zugang in seinem Gedicht „Nachtgedanken“:
„Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land.
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd ich es immer wiederfinden.Nach Deutschland lechzt’ ich
nicht so sehr,Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.“
Es sind unsere Familie, unsere Freunde, unsere Genossinnen und Genossen, die unser Leben umhegen. Das kann man jedem nationalistischen Geiferer entgegenhalten. Unsere Liebe gilt Menschen.
Um das auch begrifflich zu verdeutlichen, unterscheiden wir zwischen Nationalbewusstsein, das die „Existenzbedingungen, die geschichtliche Entwicklung, die aktuelle Situation und die hieraus erwachsenden wesentlichen Aufgaben der Nation vom Standpunkt einer bestimmten Klasse widerspiegelt“, und dem Nationalismus, der sich mit der Entwicklung der Bourgeoisie zur reaktionären Klasse herausgebildet hat und selbst reaktionär und spaltend ist.
Die Nation ist unser Kampffeld, ohne dass wir Nationalismus bedienen. Alles, was sich um das Thema Nation und das Verhalten zu ihr dreht, ist immer ein Minenfeld, weil das Thema emotional aufgeladen ist: Vaterlandsliebe, Patriotismus, Nationalismus – mit diesen Worten haben wir zu tun, und die Schwierigkeit besteht darin, das Thema „Was wollen wir für dieses Land?“ zu behandeln, ohne dass wir in die emotionale Falle tappen. Die Nation ist das Kampffeld der Arbeiterklasse – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir können nicht so tun, als wäre es uns egal, was aus diesem Land wird. Und wir müssen Antworten jetzt geben und nicht auf den Sozialismus vertrösten, der dann schon alles regeln wird.
Zusammenhänge
Häufig können wir uns als einzigen Ausweg aus der deutschen Misere nur noch den Sozialismus vorstellen. Letztendlich stimmt das ja auch – aber wir leben jetzt und hier. Und jetzt und hier werden Menschen politisch, sozial, rechtlich, ideologisch unterdrückt, entmündigt, verfolgt, verletzt. Wir sind, wie die meisten anderen Linken, damit beschäftigt, diesen Staat anzuklagen.
Deutlich aufgebrochen ist das an dem Vorschlag der Losung „Für eine Regierung des Friedens“. Unabhängig davon, ob man diese Losung exakt so teilt oder nicht, stellt sie die Aufgabe dar, die wir zu lösen haben und gibt die Richtung vor, in die wir unsere Politik entwickeln müssen. In der Einladung der Marx-Engels-Stiftung zum Symposium zur nationalen Frage wurde dies so formuliert: „Die nationale Frage – also die Interessen der Arbeiterklasse und anderer Werktätiger sowie der Jugend – stellt sich nicht nur für die vom Imperialismus unterdrückten Völker. Sie stellt sich auch für die Völker der entwickelten kapitalistischen Staaten. Wenn die kommunistischen Parteien in diesen Ländern wieder Massenparteien werden wollen, werden sie die Frage ihrer Völker zu beantworten haben: ‚Wenn ihr recht habt in dem, was ihr sagt – was bedeutet das für mein Leben hier in diesem Land?‘ Es kann nicht ausreichen, sie darauf zu verweisen, dass sie in einem imperialistischen Land leben, das seit Jahrhunderten andere Länder ausplündert und die Interessen anderer Völker jetzt nun einmal Vorrang hätten.“
Trotzdem sind diese Positionen nötig – gerade dann, wenn wir eine Frage beantworten wollen, die von Reaktionären immer wieder benutzt wird, um die Arbeiterklasse zu spalten. Wir definieren eindeutig: Unsere Klassenbrüder und -schwestern sind alle Angehörige der Arbeiterklasse, die hier leben, unabhängig von ihrer Herkunft. Wir müssen uns allen nationalistischen Spaltungsversuchen entgegenstellen. Die nationale Frage lässt sich nicht von der Klassenfrage lösen.
In den Auseinandersetzungen gegen den Generalangriff auf unsere sozialen Rechte werden wir eine Massenlinie entwickeln – und das heißt, eine Vorstellung davon zu präsentieren, wie eine tatsächliche Alternative für Deutschland aussehen müsste: Stolz und unabhängig, friedlich, demokratisch und sozial, humanistisch, den Menschen und der Natur verpflichtet, die Schwachen schützend, das Eigentum verpflichtend. Wir werden unser eigenes Narrativ entwickeln und nicht das des Gegners bedienen.
Wir werden zentrale Forderungen erarbeiten, unsere Propaganda und vor allem unsere Agitation darauf ausrichten und eine entsprechende Bündnispolitik entwickeln. Wir werden tragfähige Forderungen entwickeln, die von den Menschen aufgenommen werden können. Das heißt als Allererstes, dass wir ihre reale Situation, ihre Bedürfnisse und ihre Ansichten erforschen, ernstnehmen und agitatorisch beantworten. Dialektisch gesprochen: Wir werden an den inneren Widersprüchen ansetzen. Wir werden die anklagende Haltung überwinden und die Aufgabe so stellen: Wie soll das Deutschland aussehen, in dem wir leben können und wollen?
Brechts „Kinderhymne“ fasst die Richtung dazu gut, richtig und schön zusammen:
„Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Dass ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.Dass die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das Liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.“
Definitionen
Im Wörterbuch der Geschichte findet sich zur Nation folgendes:
„Mit der Herausbildung der ökonomischen Gesellschaftsformation des Kapitalismus gesetzmäßig entstandene historische Struktur- und Entwicklungsform der menschlichen Gesellschaft, die mit dem Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus eine grundlegende soziale Umgestaltung erfährt. Die Nation bildet einen notwendigen Rahmen, in dem sich Produktivkräfte, soziale und politische Strukturen, Kultur, Ideologie, Wissenschaft und Lebensweise den Bedingungen der jeweiligen Gesellschaftsordnung entsprechend entwickeln können. In einem langfristigen historischen Prozess verbinden sich die bestimmenden sozialökonomischen und klassenmäßigen Grundlagen der Nation mit den gegebenen ethnischen Komponenten (unter anderem Sprache, Sitten, Gebräuche, Traditionen, Lebensgewohnheiten, sozialpsychische Eigenarten) zu einer jeweils charakteristischen Einheit. Nationen organisieren sich in der Regel politisch als Nationalstaat. Über den Staat verwirklicht die jeweils herrschende Klasse ihren nationalen Führungsanspruch und prägt entscheidend die Entwicklung von Inhalt und Formen des nationalen Zusammenlebens sowie die Beziehungen zu anderen Nationen.“
In seiner Schrift „Marxismus und nationale Frage“ beschreibt Stalin:
„Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart. Somit ist klar, dass es in Wirklichkeit keinerlei alleiniges Unterscheidungsmerkmal der Nation gibt. Es gibt nur eine Summe von Merkmalen, aus denen beim Vergleich von Nationen bald das eine Merkmal (der Nationalcharakter), bald das zweite (die Sprache), bald das dritte (das Territorium, die wirtschaftlichen Bedingungen) prägnanter hervortritt. Die Nation ist eine Kombination aller Merkmale zusammengenommen.“








