800.000 Soldaten, 200.000 Fahrzeuge, sechs Monate Zeit: Die Bundeswehr plant den Aufmarsch gen Osten. Dafür werden Transportwege vorbereitet, der Betrieb von Versorgungszentren erprobt, Tanklager beschafft und zivile Rettungsketten getestet. Mit dem „Operationsplan Deutschland“ (OPLAN) zieht die militärische Priorität schon jetzt in vormals zivile Bereiche ein.
Bewegungsfreiheit für große Verbände
Ein zentraler Bestandteil des OPLAN beschäftigt sich mit der Fähigkeit, militärische Transporte über Straßen von West nach Ost zu bewegen. Dafür wird ein „Military Strategic Road Network“ (Militärstraßengrundnetz (MSGN)) aufbereitet. Es erstreckt sich derzeit über rund 37.400 Kilometer. Seine genaue Streckenführung ist nicht öffentlich zugänglich. Die Nachsuche bei konkreten Bebauungsplänen belegt die Autobahn A2, die B1, B71 und B188 als Bestandteile. Ein solches Netz ist mehr als eine Sammlung bevorzugter Routen. Militärische Fahrzeuge unterscheiden sich von gewöhnlichen Fahrzeugen in Transportlast, Höhe und Breite. Bei Schwertransporten kommt es deshalb auf Tragfähigkeit, Durchfahrtshöhen, Kurvenradien, Brücken und geeignete Zufahrten an.
Die Bundeswehr hat mit mehreren Ländern Verwaltungsvereinbarungen geschlossen, die Militärtransporte auf festgelegten Straßen erleichtern sollen, so mit Niedersachsen, dem Saarland, Bremen, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. Außerdem besteht seit Juni vergangenen Jahres eine Vereinbarung zwischen der Bundeswehr und der Autobahn GmbH.
Der Rüstungskonzern Rheinmetall hat die Zeichen der Zeit natürlich auch erkannt. Er sorgt für den Bau und Betrieb der sogenannten „Convoy Support Centers“ (CSC) entlang der Marschrouten. Vorgesehen sind Versorgungsleistungen wie Unterkünfte, Verpflegung, Toiletten, Betankung, Energieversorgung, Abfallentsorgung und Sicherheitsdienstleistungen. Die ursprüngliche Laufzeit wurde mit drei Jahren angegeben, eine Verlängerung bis 2029 ist möglich. Die CSC sollen militärischen Kolonnen ermöglichen, unterwegs zu pausieren, Personal zu versorgen, Fahrzeuge zu betanken und zu warten: Tank und Rast im Dienste des Marsches gen Osten.
Große Truppenbewegungen benötigen nicht nur ausreichende Treibstoffmengen, sondern auch Lager- und Betankungskapazitäten. Es nimmt daher nicht Wunder, dass die bestehende NATO-Pipeline-Infrastruktur erweitert wird, Tanklager, Tanklastwagen, mobile Feldtanklager und Tankcontainer in großem Stil beschafft werden. So hat der Haushaltsausschuss des Bundestages am 8. Oktober vergangenen Jahres einer Rahmenvereinbarung über 20 mobile Feldtanklager zugestimmt. Der Wert der Festbeauftragung wird mit 96,86 Millionen Euro beziffert. Die Anlagen sollen Kraftstoff lagern, umschlagen und an deutsche sowie verbündete Streitkräfte abgeben können. Zusätzlich wurde eine Rahmenvereinbarung über 3.700 Tankcontainer mit jeweils neun Kubikmetern Volumen geschlossen.
Kriegsvorbereitung auf Schienen
Mittlerweile existiert neben der Kartierung des militärisch nutzbaren Straßennetzes auch das Militäreisenbahngrundnetz (MEGN). Seine Einbindung in den OPLAN zeigt die konkrete strategische Zielsetzung, Deutschland in die Lage zu versetzen, im Kriegsfall große Truppenverbände, schwere Waffensysteme und umfangreiche Nachschubgüter schnell, also ohne infrastrukturelle Verzögerungen, durch das eigene Territorium an die NATO-Ostflanke zu schaffen. Das Schienennetz wird dafür auf die Anforderungen militärischer Operationen ausgerichtet. Militärische Handlungsfähigkeit entsteht nicht erst mit dem Marschbefehl. Belastbare Brücken, geeignete Tunnelprofile, ausreichende Gleiskapazitäten, leistungsfähige Verladebahnhöfe, abgestimmte Fahrpläne und die Fähigkeit, militärische Transporte auch unter Kriegsbedingungen aufrechtzuerhalten sind hier die Prämissen. Das MEGN soll die Zeit zwischen politischer und militärischer Entscheidung und der tatsächlichen Verlegung von Streitkräften verkürzen.
Etwa 85 Prozent der vorgesehenen Eisenbahntransporte sind lademaßüberschreitend, der Transport folglich nur auf wenigen Strecken möglich. Das MEGN trifft eine Unterscheidung zwischen Haupt-, Zuführungs- und Ergänzungsstrecken. Hauptstrecken sollen die zentralen militärischen Transportkorridore bilden; Zuführungsstrecken verbinden Bundeswehrstandorte und militärische Liegenschaften mit diesen Korridoren; Ergänzungsstrecken ermöglichen Transporte mit noch größeren Abmessungen oder Lasten. Seehäfen wie Hamburg, Bremerhaven und Rostock sollen in diese Transportketten eingebunden werden.
Nach den recherchierbaren Angaben arbeiten aktuell unter Federführung des „Verteidigungs“-Ministeriums das Bundesverkehrsministerium, militärische Führungsstellen sowie DB-InfraGO und DB-Cargo an der Detailplanung. Diese Planungen gelten als Verschlusssache. In der Bundestagsdrucksache 20/12649 erklärte die Bundesregierung, dass Angaben zum Umfang des MEGN im Hinblick auf das Staatswohl nicht öffentlich werden dürfen. Jegliche parlamentarische Kontrolle ist hier wie auch bei der Militärstraßenführung ausgeschaltet.
Massenhaft Verwundete
Die militärische Aktionsfähigkeit setzt nicht nur Truppen, Waffen und Transportwege voraus, sondern sie erzeugt gleichzeitig große Zahlen Verwundeter. Als Transitland und logistischer Knotenpunkt fällt Deutschland in der NATO daher zusätzlich die Aufgabe zu, die medizinische Versorgung deutscher und verbündeter Streitkräfte zu gewährleisten. Die militärische Planung greift hierzu – wie in den anderen Bereichen – auf die zivile Infrastruktur zurück.

Wie die Priorität militärischer Erfordernisse konkret aussieht, wurde unter anderem auf einer Fachveranstaltung im März 2025 deutlich: Generalarzt Bruno Most vom Kommando „Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung“ behandelte dort die „Erwartungen an das zivile Gesundheitssystem“. Zivile Krankenhäuser werden Teil der militärischen Versorgungskette. Die fünf Bundeswehrkrankenhäuser in Koblenz, Ulm, Berlin, Hamburg und Westerstede verfügen mit circa 1.800 Betten noch nicht einmal über die Kapazität, die den erwarteten Verwundetenanfall von zwei Tagen abdecken könnte. In Planungsszenarien ist von etwa 1.000 Verletzten täglich die Rede, die allein aus dem Einsatzgebiet NATO-Ostflanke nach Deutschland transportiert werden müssten. Dabei handelt es sich um Schwerverletzte mit Schuss- und Explosionsverletzungen, hochgradigen Verbrennungen oder Amputationen. Nicht nur freie Betten sind erforderlich, sondern Operationssäle, Intensivstationen, Blutkonserven, Medikamente, Transportkapazitäten und ausreichend ärztliches Personal. Das Ganze vor dem Hintergrund von Stromausfällen, ausgefallenen Netzen, gestörten Lieferketten und Fluchtbewegungen großer Bevölkerungsteile.
Aktuell arbeiten die Gesundheitsministerien der Länder am Auf- und Ausbau des „5+9+X-Netzwerks“. Fünf Bundeswehrkrankenhäuser, neun BG-Kliniken, dazu variable Universitäts- und Spezialkliniken – das soll die Versorgung einer großen Zahl von Verwundeten ermöglichen. Übungen wie „MEDIC QUADRIGA 2026“ und Vorhaben wie die „SanBrücke“ erproben diese Erweiterungen.
Die Kriegsvorbereitung im Gesundheitswesen zeigt sich somit in der Einplanung ziviler
Behandlungskapazitäten, der Organisation von Verwundetentransporten und der Abstimmung medizinischer Strukturen (auch unter Einschluss niedergelassener Ärzte und der Einbindung der Apotheken zum Medikamententransfer) auf einen Kriegsfall. All das bedeutet, dass die bislang zivile Medizin funktional Teil der Voraussetzungen militärischer Operationsfähigkeit wird.
Kriegsproben
Der OPLAN ist nur so belastbar wie die Abläufe, die er voraussetzt. Deshalb bilden strategische und taktische Übungen einen wichtigen Teil der Vorbereitung. Es wird getestet, ob und wie Militär, Behörden, Hilfsorganisationen und Wirtschaftsunternehmen miteinander kommunizieren können, ob Fahrzeuge und Material an den richtigen Stellen ankommen und wie sich Störungen bewältigen lassen.
Bereits im Oktober 2024 fand in Düsseldorf die Übung „LoKi24“ statt. Rund 300 Teilnehmende aus Feuerwehr, Rettungsdiensten und Hilfsorganisationen übten gemeinsam Szenarien, bei denen Verletzte und Verwundete gesucht, gerettet und medizinisch versorgt werden mussten. Beteiligt waren unter anderen das THW, das DRK, die Johanniter, die Malteser, der ASB und die DLRG.
Vom 19. bis 21. November 2024 wurde in Berlin der sogenannte „OPLAN-Stresstest“ durchgeführt, an dem rund 200 Personen aus Bundesministerien, Ländern und Bundesbehörden beteiligt waren. Dabei ging es um die Abstimmung über institutionelle Grenzen hinweg, Entscheidungen auf Bundesebene waren in einer Versuchsanordnung mit Landes- und Kommunalbehörden, Infrastrukturbetreibern und Einsatzorganisationen abzustimmen. Im Juni 2025 folgte die Übung „Joint Cooperation“ in Nienburg, an der Teams aus 25 Staaten sowie Einsatzgruppen von THW, Rotem Kreuz, Polizei und Feuerwehr mitwirkten. Im gleichen Jahr wurde mit „Schulterschluss“ in Sachsen-Anhalt die Zusammenarbeit zwischen Pioniereinheiten der Bundeswehr, THW und Feuerwehr, einschließlich des Baus einer Behelfsbrücke, vorangetrieben.
Nach „Red Storm Alpha“ (2024) war „Red Storm Bravo“ (Hamburg, 2025) mit 500 NATO-Soldaten das zentrale Manöver. Geübt wurden militärische Kolonnenbewegungen durch die Stadt und den Hafenbereich. Simulierte Blockaden und Protestlagen sollten Störungen anzeigen, mit denen ein urbaner Aufmarsch konfrontiert sein könnte. Im Oktober 2025 wurde in Bayern bei „Marshal Power“ ein Szenario mit simuliertem Transportunfall und zahlreichen Verletzten im Einsatz von Militärpolizei, Feuerwehr und Rettungsdienst geübt. Im April dieses Jahres folgten weitere Übungen: „HETHEX“ vom 22. bis 26. April in Hessen und Thüringen hatte die Versorgung von Truppen mit Treibstoff, Lebensmitteln und Rastmöglichkeiten im Mittelpunkt. Auf dem Plan der Übung „Roter Heuberg“ am 11. und 12. April standen 21 Szenarien, darunter Verkehrsunfälle zwischen zivilen und militärischen Fahrzeugen, ABC-Waffen-Dekontamination und ein Hubschrauberzwischenfall. Rund 400 Einsatzkräfte und 300 Ausbilder von Feuerwehr, Rettungsdiensten und THW waren eingebunden.
„Medic Quadriga“ verband schließlich den militärischen Transport Verwundeter aus Litauen mit ihrer Aufnahme und Versorgung in deutschen Kliniken. „CIMIC Quadriga“, die vom 14. bis 26. Juni 2026 stattfand, konkretisierte das Funktionieren zivil-militärischer Zusammenarbeit unter Kriegsbedingungen. Streitkräfte aus 28 Nationen erprobten in 150 Übungsteilen konkrete Kampfsituationen, wie die Durchführung militärischer Konvois unter Beschuss. Auch hier waren Kräfte von Feuerwehr, THW, DRK, Kliniken und Behörden beteiligt. Bei „Red Storm Charlie“ trainierten Ende September dieses Jahres circa 1.700 Teilnehmer, darunter etwa 500 Soldaten, gemeinsam mit Feuerwehr, THW, Polizei, Hilfsorganisationen und Unternehmen die Truppenverlegung über Hafenanlagen, Sabotageabwehr, Chemieunfälle und die Bewältigung eines „Massenanfalls von Verletzten“. Im Oktober war die „MedA HH alpha“ in Hamburg angesetzt. Dabei ging es um eine radionukleare Gefahrenlage und deren Bewältigung durch Bundeswehr und zivile Blaulichtorganisationen. In Stadtallendorf arbeiteten sich Anfang Oktober 450 Einsatzkräfte an einem simulierten Hubschrauberabsturz ab.
Die Vorbereitung auf den Krieg wird zum Alltag, ohne dass der Krieg bereits begonnen hat: In Verkehrsvereinbarungen, Beschaffungsaufträgen, medizinischen Übungen, kommunalen Notfallplanungen, überall.








