„Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen“ von Robert Tressell

Am Rande der Not

Dies ist der erste wichtige Arbeiterroman der englischen Literatur. Er wurde zwischen 1906 und 1910 geschrieben und erstmals 1914 und 1916 posthum in Kurzausgaben veröffentlicht. Erst 1946 fand man das stark beschädigte handschriftliche Originalmanuskript, das der damals der Kommunistischen Partei Großbritanniens nahestehende Verlag Lawrence & Wishart 1955 erstmals vollständig herausgab. Die Arbeiterklasse – auch international – hat den Roman als einen aus ihrer Sicht geschriebenen, wichtigen Text über ihre Erfahrungen angenommen. Geburt und Wachstum des britischen Arbeitertheaters sind untrennbar damit verbunden. Kein anderer Arbeiterroman in Großbritannien kann auch nur annähernd eine solche Geschichte für sich beanspruchen.

Sein Autor, Robert Tressell, eigentlich Robert Noonan, wurde vor 150 Jahren, am 17. April 1870, in Dublin geboren. Sein nunmehr weltbekanntes Pseudonym Tressell, in Anspielung auf das englische Wort für Tapeziertisch, trestle table, nahm er an, um in diesem Roman unbehelligt sozialistische Ideen zu äußern. Er arbeitete als Schildermaler und Dekorateur, war Gewerkschafter, Mitglied der einzigen marxistischen Gruppe in Großbritannien zu seiner Zeit, der Social-Democratic Federation, und hatte einen Ruf als sozialistischer Agitator, Flugblattschreiber und Fahnenmaler. Tressell starb im Februar 1911 in einem Armenkrankenhaus an Tuberkulose. Er schrieb „Menschenfreunde in zerlumpten Hosen“ abends nach der Arbeit und sagt im Vorwort: „Es gibt keine Szenen oder Vorfälle in der Geschichte, die ich nicht selbst erlebt habe oder für die ich keine schlüssigen Beweise hatte.“ Die erste Auflage erschien 1914 und umfasste nur etwa zwei Drittel des Originalmanuskripts, fand in Deutschland Interesse und erschien, von Käte Güsfeld übersetzt, erstmals 1925. Nach dem Zusammenbruch des ersten sozialistischen Experiments auf deutschem Boden machte sich die in der DDR geborene Else Tonke an eine erneute Übersetzung. Diese Übertragung ist die erste deutsche Übersetzung in eine Sprache, wie sie von deutschen Bauarbeitern gesprochen und daher von ihnen verstanden werden kann.

„Menschenfreunde in zerlumpten Hosen“ entwirft ein episches Porträt der Arbeiterklasse im Zeitalter des Imperialismus. Eine verarmte, unorganisierte Gruppe von Arbeitern steht im Mittelpunkt – zum ersten Mal in der Geschichte des englischen Romans. Ihr Klassenbewusstsein ist auf einem primitiven Niveau; ihre Köpfe werden völlig von den imperialistischen Medien vernebelt, deren Demagogie und Chauvinismus. Der Boss Rushton und seine Mittelsmänner zwingen die Arbeiter zu Eile und Schlamperei und drohen mit Arbeitslosigkeit und Armenhaus. Ihre wirtschaftliche Macht wird durch die Hegemonie der politischen und religiösen Sphäre sowie durch die Dominanz ihres „Privatlebens“ in der Kneipe verankert.

Während die proletarischen Figuren individualisiert sind, denen der Leser in ihr häusliches Leben folgt, sind die Chefs einfach Typen – eine erfrischende Umkehrung des üblichen Musters von individualisierten Mittelklasse-Figuren und Arbeiter-Stereotypen. Die Lebensweise der Arbeiterklasse hat das Potential, alle Aspekte eines wirklich menschlichen Lebens zu umfassen. Die herrschende Klasse hingegen kommt für die Betrachtung einer menschlichen Lebensweise gar nicht erst in Frage; ihr Zweck ist es, die Arbeiterklasse an deren freier Entwicklung zu hindern und sie sowohl physisch als auch politisch zu erniedrigen. Der Held des Buches, Frank Owen, ist ein engagierter Sozialist. Seine Pausenvorträge über Kapitalismus und Sozialismus kommentieren bereichernd das Romangeschehen. Er teilt die Eigenschaften der anderen Arbeiter, doch ist er entwickelter und bewusster; das ist sein Sozialismus. In dieser realistischen, heterogenen Darstellung der Arbeiterklasse muss Tressell mit seinem Zeitgenossen Maxim Gorki verglichen werden. Noch nie zuvor im englischen realistischen Roman hatte der Arbeitsprozess selbst im Mittelpunkt der Darstellung des Klassenkampfes gestanden. Zum ersten Mal kehrt Tressell die Annahme um, dass das Leben dort beginnt, wo die Arbeit endet – Arbeit ist für ein voll gelebtes menschliches Leben unerlässlich. Die Einstellung einer Figur zur Arbeit ist Prüfstein ihrer Menschlichkeit. Owens dekorative Malerei des Salons im maurischen Stil ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Für die Bosse bedeutet Arbeit nichts.

Tressell betrat somit unbekannte Wege mit der Schaffung eines neuen Heldentyps: der Arbeitergruppe, mit der Arbeit im Mittelpunkt der Handlung, mit der Schaffung des revolutionären Romans. In einem zentralen Vortrag lässt er Owens seinen erstaunten Kollegen erklären, dass „Geld die wahre Ursache der Armut ist“. Anhand von Bruchstücken aus den Essenskörben veranschaulicht Owen die Schaffung von Mehrwert: „Ihr sagt, dass ihr alle Arbeit braucht, und da ich die gutherzige Kapitalistenklasse bin, werde ich mein Geld in verschiedene Industrien investieren, um euch viel Arbeit zu geben. (…) Für diese Arbeit werdet ihr alle euren Lohn erhalten … Da die Arbeiterklasse das Lebensnotwendige brauchte, und da sie das nutzlose Geld nicht essen, trinken oder tragen konnte, waren sie gezwungen, den Bedingungen des freundlichen Kapitalisten zuzustimmen (…) Nachdem sie das von ihrem Lohn gekaufte Nötige verbraucht hatten, waren sie wieder in genau der Lage, in der sie sich befanden, als sie mit der Arbeit begannen – sie hatten nichts. (…) Der gutherzige Kapitalist konsumierte doppelt so viel wie jeder andere von ihnen und sein Reichtum wuchs ständig (… er …) nahm ihnen die Maschinen weg und teilte ihnen mit, dass er sich aufgrund der Überproduktion, die seine Lagerhäuser mit dem Lebensnotwendigen überfüllt hatte, entschlossen hatte, das Werk zu schließen.“

Über hundert Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung wird „Menschenfreunde in zerlumpten Hosen“ von den meisten Lesern immer noch als eine Offenbarung, als ein Roman von höchster Aktualität angesehen, als ein Buch, das die Welt beschreibt, wie sie ist. Nicht nur die Arbeiterklasse, alle Werktätigen, erkennen unschwer die Atmosphäre der „Verdeck-und-vertusch“-Arbeitsethik mit immer weniger Ressourcen, weniger Menschen für die Arbeit, geringeren Löhnen und Bedingungen, Teilzeitarbeit, Arbeitslosigkeit. Alle Werktätigen, die ihre Arbeit verkaufen, sitzen im Wesentlichen im selben Boot. Die „Menschenfreunde in zerlumpten Hosen“ enthüllen das Wesen des immer weiter bestehenden Systems.


Die erwähnte deutsche Ausgabe erschien 2002 und ist noch antiquarisch erhältlich

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"Am Rande der Not", UZ vom 8. Mai 2020



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