„Die andere Mrs. Walker“ ist eine Familiengeschichte der anderen Art

Armut, Whiskey, Mandarinen

Es ist der Jahreswechsel 2010/2011, der zweitkälteste Winter in Edinburgh seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Einsam und allein stirbt an Weihnachten die alte Mrs. Walker in ihrer spärlich möblierten, kalten Wohnung, ein letztes Glas Whiskey in der Hand. Am Neujahrsmorgen kehrt Margaret Penny in ihre Heimatstadt zurück, mit nichts als einem gestohlenen Mantel und einem gescheiterten Leben. Ihren glamourösen Job in der Londoner Finanzwelt hat sie wegen Untreue verloren und der Typ, mit dem sie von dem geklauten Geld gekauften Champagner getrunken hat, hatte eine Familie in der Vorstadt. So bleibt Margaret nur der Weg zurück zu ihrer Mutter, in eine kleine schäbige Wohnung im kalten Schottland, ohne Geld und ohne Perspektive.

Mutter Barbara hat in den 30 Jahren von Margarets Abwesenheit neben verschiedenen Gebrechen und einer großen Vorliebe für Rum ein wenn nicht morbides, dann doch zumindest bemerkenswertes Interesse am Tod und den verschiedenen Religionen entwickelt: Sie ist Mitglied im „Trauernetz“. Wenn jemand stirbt und es ist eine Beerdigung zu erwarten, die vor allem deswegen traurig ist, weil es keine Trauergäste gibt, springen die Frauen vom Netzwerk ein, egal ob der katholische Pfarrer anruft oder der protestantische Pastor. Bei so einer Trauerfeier bekommt Margret einen Zettel zugesteckt, der ihr einen Job verschaffen soll: Beim Amt für Verlorengegangene soll sie Angehörige von Menschen finden, die ohne Hinweise auf solche gestorben sind. Um sie zu informieren, das Erbe zu verteilen und aber vor allem – seien wir mal ehrlich – um der Stadt die Kosten für die Beerdigung zu sparen. Ihr erster Fall ist der von Mrs. Walker – nur ein Nachname, der Familienstand ungewiss, sich einfach Mrs. zu nennen, das tun ja viele in Edinburgh. Und so taucht Margret ein in die Lebensgeschichte einer Frau, die nichts hinterlassen hat außer einem smaragdgrünem Kleid, einer Mandarine und einer Paranuss, in die die Zehn Gebote eingeritzt sind.

Mary Poulson-Ellis erzählt in „Die andere Mrs. Walker“ eine tragische Familiengeschichte, dunkel, grausam und urkomisch. In zwei Erzählsträngen folgen wir einerseits Margaret bei ihren Ermittlungen und der Familie Walker ab den späten 1920er Jahren durch Krieg und Nachkriegszeit. Ist der Roman, der im typischen Schwarz der Ariadne-Bücher daherkommt, ein klassischer Krimi, wie man ihn in der Reihe erwartet? Nein, sicher nicht. Wer unbedingt nach einer Leiche die Suche eines Mörders haben will, ist bei diesem Buch falsch. Handelt es von Verbrechen? Ja, gewiss. Es geht um lange Finger und das Überleben im Krieg, aber es geht vor allem um die Verbrechen, die die Gesellschaft im Kapitalismus ihrer arbeitenden Klasse antut. Es geht vor allem um die Verbrechen an den Frauen, die sie nicht unbedingt töten, aber sie doch beschädigt zurück lassen, es geht um den Versuch, jüngere Schwestern und Töchter davor zu schützen. Und es geht darum, dass, in die Ecke gedrängt, das eigene Überleben und – wenn möglich – das eigene Glück im Vordergrund stehen. Kinder sterben, Menschen verschwinden, Morde geschehen, genauso wie sexualisierte Gewalt. Die Frauen, die Paulson-Ellis in diesem Buch zeichnet, sind allesamt nicht völlig sympathisch. Manche sind bösartig, manche verbittert, manche so leichtsinnig und naiv, dass es weh tut, manche sind kalt und abweisend. Sie alle manipulieren und werden manipuliert.

Mary Paulson-Elis ist mit ihrem Debütroman ein erstaunliches Buch gelungen, skurril, abseitig, tragisch und komisch, zutiefst verwurzelt in Edinburgh, obwohl es in großen Teilen in London spielt. Vielschichtig entführt sie nicht nur in den zweitkältesten Edinburgher Winter, sondern auch in die Bombennächte von London, Nervenheilanstalten aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts und den Traum von einem besseren Leben auf der anderen Seite des Atlantiks. Dabei ist „Die andere Mrs. Walker“ zwar oft tragisch, manchmal traurig, aber nie depressiv und kommt mit einer wunderbaren Prise Humor daher. Höchstens das Setting im bittersten Winter macht es nicht ganz zum idealen Sommerroman.

Mary Paulson-Ellis
Die andere Mrs. Walker
Ariadne, 439 Seiten, 23 Euro
Erhältlich im UZ-Shop

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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Armut, Whiskey, Mandarinen", UZ vom 1. Juli 2022



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