Aufhören, wenn‘s am schönsten ist?

Das Gespräch führte Markus Bernhardt

UZ: Über 100 000 Menschen haben mittlerweile euren Aufruf „Abrüsten statt Aufrüsten“ unterzeichnet. Wie bewertet ihr diesen Erfolg? Ist es überhaupt einer?

Reiner Braun: Ich glaube, dass vor Beginn der Unterschriftensammlung niemand erwartet hat, dass wir so schnell die 100 000 schaffen. Daher ist es erst mal für uns ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis, das uns jedoch nicht übermütig werden lassen sollte. Wir wissen schließlich, von 100 000 Unterstützerinnen und Unterstützern zu einer Massenkampagne zu kommen ist noch ein weiter Weg. Den werden wir jetzt beschreiten. Aber selbstverständlich fühlen wir uns ermuntert und ermutigt durch die bisherige Unterstützung. Natürlich hat die anhaltende Arbeit der Friedensaktivistinnen und -aktivisten für dieses Ergebnis gesorgt. Die haben gesammelt und dieses Ergebnis auf den Weg gebracht.

Und jetzt geht es darum, den Protest auch auf die Straße zu tragen. Darum müssen wir jetzt mit allen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, die dezentralen Demonstrationen und Proteste vom 1. bis zum 4. November in verschiedenen Städten vorbereiten. Es tut auch mehr als not, da wir bei der ersten Haushaltsdebatte im Bundestag in der letzten Woche erneut gehört haben, was für eine gigantische Aufrüstungswelle uns bedroht. Nein, wir wollen keine 60 und auch keine 85 Milliarden Euro für Rüstung ausgeben! Wir brauchen das Geld dringend für Soziales, Bildung und Umwelt – national und international.

UZ: Die DKP hat fast ein Drittel der Unterschriften für euren Aufruf gesammelt. Mal etwas provokant gefragt: Hätte man da nicht von den Gewerkschaften und anderen viel größeren Organisationen ein etwas ausgeprägteres Engagement verlangen können?

Reiner Braun: Ich sage mal so: Manche Organisationen sind schneller und ein Schnellboot ist immer schneller als ein Tanker. Es muss immer jemand vorangehen und diesbezüglich hat die DKP eine herausragende Rolle gespielt. Ich bin ganz hoffnungsvoll, dass andere, auch größere Organisationen, sogar Tankerorganisationen, jetzt langsam, aber sicher in Bewegung kommen und dann erreichen wir sicher auch noch deutlich höhere Unterstützungszahlen.

UZ: Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist gegen Aufrüstung und Krieg, wenn man aktuelle Umfragen zur Kenntnis nimmt. Trotzdem sind nur sehr wenige Menschen wirklich aktiv in der Friedensbewegung bzw. gehen auf die Straße. Was sind die Gründe?

Reiner Braun: Es ist nach wie vor so, dass das Thema bei den Menschen angekommen ist, aber noch nicht so drückt, dass sie sich selber engagieren und einbringen. Diese Schwelle muss überwunden werden – und zwar mit der Aufforderung zum eigenständigen Handeln, mit der Fortsetzung der Unterschriftensammlung und mit einem breiten Aktionsangebot.

UZ: Ihr wollt also auch weiterhin Unterschriften sammeln?

Reiner Braun: Natürlich! Seit wann hört man denn auf, wenn es am schönsten ist?! Auf jeden Fall werden wir die Unterschriftensammlung mindestens bis zur Europawahl im kommenden Jahr fortsetzen. Und dann werden wir in bester gemeinsamer Tradition der Friedensbewegung beraten, ob wir noch genug Schwung und Kraft haben, sie noch weiter fortzusetzen. Die Sammlung zum „Krefelder Appell“ hat auch dreieinhalb Jahre gedauert. Wie lange wir jetzt genau weitermachen, hängt einfach auch davon ab, wie die Stimmung bei den Aktivistinnen und Aktivisten ist. Es kann ja sein, dass künftig alle nur blockieren wollen oder auf andere Formen des zivilen Ungehorsams setzen. Dann werden wir andere Formen finden, aktiv zu werden. Da sind wir flexibel.

Über den Autor

Markus Bernhardt (Jahrgang 1977) ist freier Journalist und Autor sowie studierter Sozialarbeiter. Er arbeitet für verschiedene Printmedien, unter anderem für die Tageszeitung „junge Welt“. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Themen Innen-, Gesundheits-  und Gleichstellungspolitik sowie Antifaschismus.

2012 veröffentlichte er das Buch „Das braune Netz: Naziterror – Hintergründe, Verharmloser, Förderer“ über das faschistische Terrornetzwerk „NSU“ im PapyRossa Verlag Köln.

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"Aufhören, wenn‘s am schönsten ist?", UZ vom 21. September 2018



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