Zu Ingo Schulzes Roman „Die rechtschaffenen Mörder“

Bildung schützt nicht vor Hass

Schulzes neuer Roman beginnt märchenhaft, fast behäbig. Die Formulierung „lebte einst ein Antiquar“ am Anfang erweckt den Anschein, die Geschichte erzähle von zurückliegenden Zeiten und verweist dabei auf Joseph Roths „Der Leviathan“. Aber dem Leser begegnet eine erste Warnung im Motto, dass es mit dem Roman nicht so einfach sein könnte: „Wer kann denn das Ende eines Buches auch nur erahnen, wenn er darangeht?“ Die Sicherheit des Lesers wird in Frage gestellt.

Die Geschichte des Antiquars Norbert Paulini beginnt zu einer Zeit, in der ein neuer Abschnitt in der Geschichte der DDR beginnt: Er wurde im Juni 1953 geboren. Die Gestalt wirkt wie auferstanden aus Erzählungen und Novellen des mehrfach im Roman genannten E. T. A. Hoffmann. Manche Personen des Romans tragen skurrile Züge, der „in Zigarrenrauch gehüllte Buchhalter“ Don Pedro oder das aus E. T. A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ entliehene „Cardillac-Syndrom“ Paulinis, das ihm auf „kundenmörderische Weise“ verwehrt, von ihm geliebte Bücher zu verkaufen. Zur Legende verfremdet wird die DDR, angelegt durch die Entwicklung eines leidenschaftlichen Antiquars, der seit 1977 ein Antiquariat betreibt und der wegen seiner Kenntnisse und seines Wissens Anerkennung genießt. Paulinis Welt sind die Bücher, sein Wertmaßstab wird abgeleitet von den alten Griechen.

Was scheinbar so geradlinig sich entwickelt, ohne auffallende Höhepunkte zu haben, hat unter der Oberfläche zerstörerische Beziehungen. Traditionen der Vergangenheit leben mit, die von der Normalität des Alltags zurückgehalten werden, aber Merkmale des Bösen und Vernichtenden besitzen. Paulini möchte sie begreifen und meint: „… gegen vieles kann man sich wehren.“

Paulinis Sohn Julian wird im Juni 1989 geboren, zum Ende der DDR. In ihm werden die alten Traditionen nachdrücklich lebendig. Als der Erzähler verfolgen muss, dass Paulini unter den veränderten Verhältnissen nach 1989 sein Leben ändert, sein Antiquariat in Insolvenz gerät, seine Ehe geschieden wird und er in Verhältnisse gerät, die das tradierte Böse aktivieren und normal werden lassen, dass sein Sohn Julian die Inkarnation des Bösen wird, nicht mehr gebändigt durch die frühere Normalität des Alltags, bricht er diesen Teil I des Romans unvermittelt ab.

Das Böse wird 2012 sichtbar in einem „Stahlhelm der Wehrmacht“, einem Totenkopf-Symbol auf dem T-Shirt, beides getragen von Julian, in der mehrfachen Betonung des 20. April als Tatzeit und im Verständnis der propagierten „Leitkultur“. Seine exzellente Bildung, gedemütigt durch westdeutsche Sieger, warnt diesen unter Berufung auf Malaparte und Äschylos, und verschiebt sich dann über den elitären Rudolf Borchardt auf Gottfried Benn, den er zitiert. Aus dem Wust an elitären und NS-Versatzstücken und anwendbaren Variationen entsteht bei Paulini eine nationalistische Haltung, die mühelos Flüchtlinge rassistisch verurteilt und die ihm, dem Gedemütigten, ein antibürgerliches Selbstbewusstsein verschafft. Paulini fühlt sich als Nietzsches einsamer denkender Prinz Vogelfrei – eine Art Leitmotiv –, als der er „Eigensinn und Unabhängigkeit“ bewahren will.

Die Wahl eines Antiquars als Hauptgestalt ermöglichte es Ingo Schulze, Bücher zu akzentuieren, sei es durch Titelnennungen, durch Verweise auf ihre Verfasser oder durch zusätzliche Beschreibungen. Zu diesen Büchern gehören neben den bereits erwähnten Novellen E. T. A. Hoffmanns und Joseph Roths „Leviathan“ auch Gombrowiczs „Ferdydurke“. Für Belesene geht der Roman noch weiter zurück: Paulini sieht nach 1989 aus „wie eine abgelegte Marionette“, das spielt auf Heinrich von Kleists „Über das Marionettentheater“ an, wo Grazie und Schönheit ebenfalls nicht an ein spezifisches Bewusstsein oder menschliche Güte gebunden sind, sondern von einer Marionette ebenso wie von Gott praktiziert werden können. Immer stellt sich die Frage nach der Verführung durch das Böse, in den genannten Werken ist es Thema. Selbst in den scheinbar integren Verhältnissen schlummern solche Gefahren, die unter bestimmten sozial-gesellschaftlichen Bedingungen durchbrechen. Dem Erzähler des Teils I in Schulzes Roman wird das anfangs nicht bewusst. Aber die genannten Titel erweisen sich als Bremsklötze im Fluss des Erzählens; sie stören, weil sie mörderisch belastet sind. Sie alarmieren, dass die Kenntnis des Schönen und ein ästhetisches Bewusstsein nicht vor dem Schrecklichen bewahren. Der Leser kann sich erinnert fühlen an Alfred Anderschs „Der Vater eines Mörders“ oder Schulzes Roman als moderne Variation des Problems, durch Ästhetizismus und Bildung nicht vor Verbrechen geschützt zu sein, lesen. Paulini erkennt das, als er nach 1989 die Vernichtung von riesigen Buchbeständen auf Schutthalden sieht, eine Variation der Bücherverbrennung von 1933.

Im kürzeren Teil II gibt sich der Erzähler Rechenschaft über seine Beziehung zu Paulini; das Erzählen verändert sich grundsätzlich. Der Erzähler – Schultze statt Schulze – weist autobiografische Elemente des Autors aus. Er erkennt, dass sich Paulini, über den er geschrieben hat, um „den Westlern zu zeigen, wo wahre Bildung lebt“, ein anderer geworden ist, getrieben von „Herrschaftswahn“ und „Überhebung“.

Zugegeben, was in dem Roman so schlicht und märchenhaft beginnt, entwickelt sich zu einem komplizierten Gebilde geistiger Verstrickungen, mit denen aktuelle nationalistische und faschistoide Gedanken und Verhaltensweisen erklärt werden können. Das hat weniger mit dem Osten zu tun, sondern mehr mit der Zerstörung von Lebensformen, die Ästhetik und Denken mit sozialen Verbindlichkeiten vereinigten und so kaum Raum für diese zwar vorhandenen, aber weitgehend gelähmten Gedanken ließen. Nun aber, nachdem diese Lebensformen zerstört wurden, soziale Sicherheit ein Fremdwort geworden ist, wurde für sie durch fortwährende Demütigung und fortwährende Enteignung Platz geschaffen.

Der Roman liest sich locker und leicht, aber er birgt und begründet in seinem Inneren eine komplizierte geistige Entwicklung, die zu Nationalismus und Neofaschismus führt. Das Antiquariat bot Ingo Schulze die Möglichkeit, manche Fixpunkte dieser Entwicklung zu benennen. Damit lässt sich auch eine Erklärung für den Titel finden. Eine andere ist, den Teil III, der von der Lektorin des Erzählers Schultze aus dem Teil II erzählt wird und Paulini inzwischen als „Ungeheuer“ betrachtet, als schlichte Lösung eines Kriminalromans zu lesen, der hier nicht verraten werden soll. Verraten wird auch nicht, dass der Roman als Schlüsselroman der aktuellen, insbesondere der Dresdner, Literaturszene gelesen werden kann; die Liste der Namen, die man erkennen könnte, ist lang und namhaft.

Ingo Schulze
Die rechtschaffenen Mörder
S. Fischer Verlag 2020
318 Seiten, 21, - Euro

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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Bildung schützt nicht vor Hass", UZ vom 3. Juli 2020



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