Ukraine gibt Beschuss des Atomkraftwerks Saporischschja zu – und erhält Rückendeckung

Bis zum letzten Europäer

„Jeder russische Soldat … der das Kernkraftwerk als Deckung benutzt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er ein besonderes Ziel für unsere Geheimdienstagenten, für unsere Spezialdienste und für unsere Armee wird.“ Mit einem etwa einminütigen Video beendete der ukrainische Präsident Wladimir Selenski die Spekulationen darüber, wer auf das Atomkraftwerk Saporischschja schießt.

Gerade deutsche Medien hatten sich in der vergangenen Woche damit hervorgetan, einen Angriff der Russen auf das bereits von ihnen besetzte Kernkraftwerk als plausibel darzustellen, stets mit dem Hinweis versehen, die Angaben seien „nicht unabhängig nachzuprüfen“.

Die Online-Ausgabe der „FAZ“ versuchte selbst nach der Videobotschaft weiter an der Mär vom Russen festzuhalten, der eine nukleare Katastrophe in Europa verursachen will: „Jeder russische Soldat, der das AKW Saporischschja beschieße oder sich dort verschanze, werde zum Ziel ukrainischer Geheimagenten und der Armee“, zitiert das Blatt Selenski falsch – und ignoriert auch, dass Selesnki explizit von Besatzern spricht, die die Menschen „in zynischer Weise“ einzuschüchtern versuchen, indem sie an dem AKW in Deckung gingen. Allein Selenskis Forderung nach neuen Sanktionen – diesmal gegen die russische Atomindustrie – gab die „FAZ“ richtig wieder. Sie passt ja auch perfekt ins (Welt-)Bild.

Russland hatte die Stadt Energodar, in der das Atomkraftwerk liegt, im März dieses Jahres eingenommen. Der Betrieb in dem AKW läuft normal weiter, ukrainische Arbeiterinnen und Arbeiter gehen dort weiterhin ihrer Arbeit nach, die Stromzufuhr an die Ukraine ist nicht unterbrochen worden. Seit einigen Wochen brüstet sich die Ukraine mit dem Versuch einer Rückeroberung des Gebietes, dabei wird offensichtlich mit Artillerie auch auf das AKW geschossen. Die Russische Föderation bittet deswegen seit Wochen um eine Inspektion der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), die sich ein Bild von der Lage in und rund um das Atomkraftwerk machen soll.

Statt ebenfalls auf einen solchen Besuch zu drängen, unterstützt der „Wertewesten“ lieber das skrupellose Vorgehen der Ukraine. 42 Staaten, darunter die EU und ihre Mitgliedsländer, die USA, Britannien, Japan und Neuseeland, verlangen darin die Rückgabe der Kontrolle über das Atomkraftwerk an die ukrainischen Behörden, erst dann könne die IAEA ihre Aufsichtspflicht über das AKW wieder aufnehmen. War das Kriegstreiben der NATO bis vor kurzem noch ganz auf das Motto „bis zum letzten Ukrainer“ ausgerichtet, scheint das nun nicht mehr auszureichen. Wenn das Atomkraftwerk Saporischschja durch den ständigen ukrainische Beschuss Schaden in größerem Ausmaß nimmt, wird die folgende nukleare Katastrophe nicht auf die Ukraine beschränkt sein.

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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Bis zum letzten Europäer", UZ vom 19. August 2022



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