Brecht und Seghers

Von Eva Petermann

Nachwuchsautoren aus Brandenburg und Brasilien ausgezeichnet

Noch eine Gemeinsamkeit von Brecht und Seghers: Sie waren in der Weimarer Republik gefeierte Literaturstars. Beide erhielten den begehrten Heinrich-von-Kleist-Preis für Nachwuchsautoren, Seghers 1928 und Brecht bereits 1922.

Junge Autoren und Autorinnen ehrt nun ihrerseits die Anna-Seghers-Stiftung, jeweils vor Beginn der AGS-Jahrestagung. Dieses Mal wurden der 1981 in Sáo Paulo geborene Julián Fuks und Manja Präkels (Jahrgang 1974) aus Zehndenik in der Mark Brandenburg ausgezeichnet.

Wie in den Jahren vorher überreichte Pierre (Peter) Radványi den mit 15 000 Euro dotierten Preis. Der 92-Jährige war eigens in Begleitung seiner Frau und seines Sohnes von Paris angereist.

Die Brandenburgerin Präkels, Journalistin und Sängerin in einer Band, hat sich mit dem autobiografisch gefärbten Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ (2017) und ihrem Erich-Mühsam-Lesebuch (2014) bereits eine respektable Fangemeinde erworben.

Der Brasilianer Fuks entstammt einer Familie von Geflüchteten zweier Generationen: Seine Großeltern mussten vor dem Antisemitismus in Rumänien fliehen, seine Eltern vor der faschistischen Militärjunta von Argentinien nach Brasilien. Über sein Land hinaus hat Julián Fuks auch in Europa auf sich aufmerksam gemacht. Ein deutscher Verleger indes hat sich für ihn und seinen autobiografisch geprägten Familienroman „A Resisténzia“ (engl. Titel „Resistance“) bislang nicht gefunden.

Was hält Fuks von dem neuen Ministerpräsidenten Bolsonaro? Einen Faschisten nennt er ihn und „er hätte nie gedacht, dass sein Schicksal dem seiner Vorfahren gleichen könnte, dass dunkle Mächte ihn aus seiner Heimat zu vertreiben drohten“. Er habe sich aber zum Widerstand im Land entschlossen, zusammen mit seinen Künstlerkollegen und -kolleginnen.

Eva Petermann

Anna Seghers und Bertolt Brecht – zwei Giganten der Weltliteratur, zudem Weggefährten und alte Freunde: Ihr Leben und Werk zusammen zu betrachten, liegt nahe.

So wählte der Vorstand der Anna-Seghers-Gesellschaft (AGS) „Anna Seghers und Bertolt Brecht im Kontext literarischer Debatten“ zum Thema der AGS-Jahrestagung im November in Potsdam und Berlin. Auch in diesem Jahr beeindruckte das 3-Tage-Programm, gespickt mit Beiträgen internationaler Seghers- und/oder Brecht-Experten. Eröffnet wurde das Symposium traditionsgemäß mit Schülerpräsentationen, diesmal von der Berliner Anna-Seghers-Gemeinschaftsschule.

Für die Mitherausgeberin der neuen Anna-Seghers-Werkausgabe im Aufbau-Verlag, Helen Fehervary (Ohio State University), sind die Erzählerin aus Mainz „die größte deutsche Schriftstellerin überhaupt“ und der Augsburger Bertolt Brecht „der größte deutsche Dramatiker“. Ein sehr lohnender Vergleich, meinte auch der Germanist Fabian Lampart von der Universität Potsdam in seiner Begrüßung. Beiden gebühre ein größerer Platz im Stoffplan der Studierenden.

AGS-Vorsitzender Hans-Willi Ohl (Darmstadt) konnte wieder eine sehr positive Gesamtbilanz des letzten Jahres ziehen. Während der Aktion „Frankfurt liest ein Buch“ sei Anna Seghers und ihr Roman „Das siebte Kreuz“ wochenlang nahezu in aller Munde gewesen: in Buchhandlungen und Schulen, in Büchereien und an der Universität, ja, selbst im Schauspielhaus der Mainmetropole mit der Theaterfassung des antifaschistischen Klassikers.

Andere Dramatisierungen ihrer Werke, „Kopflohn“ (in Mainz) und „Transit“ (Deutsches Theater Berlin), wie auch die Verfilmung dieses bekannten Exilromans durch Christian Petzold haben der Autorin ein neues Publikum erschlossen. Und in Frankfurt am Main gibt es jetzt einen Anna-Seghers-Pfad, immerhin.

Die neue Ausgabe des 200 Seiten starken AGS-Jahrbuchs „Das Argonautenschiff“ widerspiegelt einige der Aktivitäten und der Forschungsergebnisse. Abgesehen davon kann diese ganz besondere Literaturgesellschaft auf eine Reihe von Neuerscheinungen verweisen, so eine aktuelle Seghers-Biografie auf italienisch und „The Challenge of History“, ein Sammelband über Anna Seghers, den Helen Fehervary in den USA herausbringt. Last but not least das Buch „Wilde und zarte Träume. Anna Seghers im Pariser Exil“ (Berlin 2018) von Monika Melchert. Die Literaturwissenschaftlerin betreut auch die Gedenkstätte in der Anna-Seghers-Straße in Berlin-Adlershof.

„Mit dem schlecht Vorhandenen sich nicht abfinden“ (Bert Brecht) hatten die zwei Kommunisten sich früh vorgenommen, zwei Genossen mit (Seghers) und ohne Parteibuch (Brecht).

Beide gehörten sie in Berlin der Leitung des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller an, wurden durch das NS-Regime verfolgt und sie selbst beziehungsweise ihre Familie mit dem Tod bedroht, als Kommunisten und wegen ihrer jüdischen Herkunft beziehungsweise Verwandtschaft. Brecht floh mit seiner Frau, der Schauspielerin Helene Weigel, und ihren beiden Kindern quer durch die halbe Welt.

In ähnlicher Weise versuchten Seghers und ihr Mann Lászlo Radványi (als ungarischer Revolutionär im Exil und Leiter der Berliner MASCH besonders gefährdet) ihre Kinder Ruth und Peter von Frankreich in die USA beziehungsweise nach Mexiko in Sicherheit zu bringen. Ihr Leben lang litt Anna Seghers darunter, dass sie ihre Mutter nicht vor Deportation und Ermordung bewahren konnte; ihr Vater war bereits kurz vorher gestorben.

Nach der Rückkehr aus dem Exil und dem Entschluss, sich in der DDR niederzulassen, verhängte der Westen einen jahrzehntelangen Boykott über die prominenten Exilautoren. In der Aufbauphase der DDR dagegen prägten sie das Kulturleben entscheidend mit, vor allem auch die junge Künstler-Generation, Brecht mit seinem Theater am Schiffbauerdamm und Seghers als Vorsitzende des Schriftstellerverbandes. AGS-Vorstandsmitglied Margit Bircken (Potsdam) betonte, dass in der öffentlichen Wahrnehmung zwar Brecht als Theoretiker anerkannt sei, nicht jedoch Seghers. Die Essays und Briefe der international vernetzten Intellektuellen füllen nicht weniger als vier Bände der neuen Werkausgabe und korrigieren dieses Vorurteil anschaulich.

Hochgeehrt waren Brecht und Seghers in der DDR, aber deswegen noch lange nicht auf Rosen gebettet. Denn, wie Dieter Schiller (Berlin) meinte, ihre Sympathien für Avantgardismus und Moderne „passten nicht in die SED-Kulturpolitik“. Überdies vermissten SED-Kulturfunktionäre in Seghers Texten die optimistische Grundeinstellung und in Brechts Epischem Theater die positiven Helden, mit einem Wort: Ihr Werk war nicht „zukunftsfroh“ genug!

Stephen Brockmann von der Universität Pittsburgh (USA) untersuchte unter anderem eine Erzählung, die er als „die beste zu den Anfängen der DDR“ bezeichnete: „Der Mann und sein Name“. Darin geht es um die Veränderbarkeit und „Integrationsfähigkeit“ eines ehemaligen SS-Mannes. Seghers habe immer darauf gesetzt, so der US-Forscher, dem Faschismus (1937) weniger mit „Bekenntnissen und Argumenten entgegenzutreten“. Sondern es komme darauf an, „ein anderes Konzept fürs Leben anzubieten“.

Zuvor hatte Konstantin Baerens vom Potsdamer Moses-Mendelsohn-Zentrum unter anderem einen Text analysiert, in dem Seghers in den 1930er Jahren den Werdegang eines jungen Nazis schildert: „Ein Mensch wird Nazi“. War dessen Entwicklung unaufhaltsam? Sind Menschen zur Einsicht fähig oder müssen erst die Verhältnisse sich radikal ändern?

Wie jeweils Seghers und Brecht als Theoretiker und mit ihrem Werk solche Fragen beantworten, führte zu den lebhaftesten Diskussionen, bereits damals in der DDR wie unter den Tagungsteilnehmern.

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"Brecht und Seghers", UZ vom 14. Dezember 2018



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