Zum 100. Todestag von John Reed

Chronist des Aufstands

Journalistinnen und Journalisten rühmen sich heute meistens damit, dass sie „neutral“ berichten – und tun damit genau das Gegenteil. Sie stützen die Meinungsmache der herrschenden Klasse, erklären munter, warum diese oder jene Aggressivität des Imperialismus die Menschenrechte verteidigt und vergessen nicht, stetig darauf hinzuweisen, dass Sozialismus ja nun höchstens in der Theorie eine angenehme Sache sei. „Neutralität“ sieht dann so aus: „Natürlich, es gab in der DDR keine Obdachlosigkeit, aber was war mit der Freiheit?“ „Neutralität“ bedeutet schnell, die Freiheit zu rühmen, obdachlos sein zu dürfen.

Journalist mit Klassenstandpunkt: John Reed

Der US-amerikanische Historiker Howard Zinn begründete seine Art der Parteinahme bei der Beschreibung von Geschichte mit dem Satz „You can‘t be neutral on a moving train“. Wer über Ausbeutung und Unterdrückung, über Aufstand und Aufruhr „neutral“ berichtet, wird sich auf der Seite der Unterdrücker wiederfinden.

Einer, der das wusste und sich nicht nur, aber vor allem in seinem Schreiben, immer an die Seite der Unterdrückten gestellt hat, war der US-amerikanische Schriftsteller und Journalist John Reed.

Am 22. Oktober 1887 in eine wohlhabende Familie in Portland, Oregon, geboren, machte Reed seine ersten journalistischen Gehversuche an der Elite-Universität Harvard. Er wurde Autor für die Uni-Zeitung „The Harvard Monthly“ und Redakteur des Satire-Blattes „Lampoon“. In Harvard kam er das erste Mal mit sozialistischen Ideen in Kontakt, besuchte Treffen des „Socialist Club“, wurde aber nie Mitglied. Rückblickend sagte er über die Existenz eines sozialistischen Debattierklubs an einer solchen Kaderschmiede der Bourgeoisie, es hätte keinen Unterschied für Harvard gemacht, „aber es machte mir und vielen anderen klar, dass in der tristen Außenwelt etwas vor sich ging, das aufregender war als College-Aktivitäten“.

Seinen ersten Zeitungsjob hat Reed als Assistent bei „The American Magazine“, zeitgleich versucht er als freier Journalist Fuß zu fassen. Zunehmend reizen ihn soziale Themen, er hat nahen Kontakt zu den Gewerkschaftern der „Industrial Workers of the World“. 1913 wird Reed das erste Mal verhaftet, als er in Patterson, New Jersey, eine Rede an die streikenden Arbeiter einer Seidenfarm hält – gleichzeitig gelingt ihm mit dem Artikel „War in Patterson“ (Krieg in Patterson) der endgültige Durchbruch als Journalist.

Von da an geht Reed dorthin, wo der Aufruhr ist. Beeindruckend ist seine Reportage „War in Colorado“ über das Massaker an streikenden Bergarbeitern in Ludlow. Dabei starben zwei Frauen und zehn Kinder durch ein von der Nationalgarde gelegtes Feuer, ein Junge wurde gezielt erschossen und drei Verhandlungsführer der Streikenden ermordet. Reed blieb eine Woche in Ludlow, recherchierte und sprach im Namen der Streikenden mit Behörden und Minenbesitzern. Die Erfahrungen in Ludlow überzeugten ihn endgültig, dass es im Klassenkampf keine Zuschauerbank gibt. Wer nicht für die eine Seite kämpft, unterstützt damit automatisch die andere.

Den Grundstein dafür hat, mehr als die Erfahrungen mit dem „Socialist Club“, den Streiks oder die IWW, sein Aufenthalt in Mexiko gelegt.

Im Herbst 1913 hatte das renommierte „Metropolitan Magazine“ Reed nach Mexiko geschickt, wo er vier Monate an der Seite von Pancho Villa und seiner Armee verbrachte. Reeds Zeit bei den Villistas führte zu einer Reihe herausragender Zeitschriftenartikel, die Reed einen Ruf als Kriegskorrespondent einbrachten. Seine Artikel sind geprägt von einer tiefen Sympathie mit den kämpfenden Tagelöhnern, er lehnt die US-Intervention, die kurz nach seiner Abreise erfolgte, vehement ab. Reeds Berichte wurden 1914 in Buchform als „Insurgent Mexico“ erneut veröffentlicht.

Reed beließ es nicht bei Reportagen. Zurück aus Mexiko, sprach er auf öffentlichen Versammlungen und erklärte: „Ja, in Mexiko ist Aufruhr und Chaos, aber die Verantwortung für all das fällt nicht auf die landlosen Bauern, sondern … auf die miteinander wetteifernden amerikanischen und englischen Petroleumgesellschaften.“ Nach seiner Rückkehr aus Patterson, nach der aus Ludlow – jedes Mal benannte Reed öffentlich Ross und Reiter, enthüllte die wahren Interessen und Strippenzieher. So wandte er sich in einer Rede nach dem Massaker von Ludlow direkt an Rockefeller: „ Es sind eure Gruben, es sind von euch gedungene Banditen und Soldaten. Ihr seid die Mörder!“ Unzählige Male wurde Reed dafür verhaftet und vor Gericht gestellt, oft schon vor dem Beginn einer Versammlung.

1914 und 15 reist Reed als Kriegskorrespondent nach Europa. Als sich der Kriegseintritt der USA abzeichnet, schreibt er dagegen an – ab da bekommt er keine Aufträge mehr vom „Metropolitan Magazine“, veröffentlicht aber einen Artikel gegen den Krieg in „The Liberator“. Der bringt ihm eine Anklage wegen Landesverrats ein. Als der Staatsanwalt ihn fragt, ob er im gegenwärtigen Krieg unter US-amerikanischer Flagge kämpfen würde, antwortet Reed schlicht mit „Nein“. Als der Staatsanwalt nach den Gründen fragt, hält Reed eine so beeindruckende Rede über die Gräuel des Krieges, deren Zeuge er auf den Schlachtfeldern Europas geworden war, dass die Geschworenen zu Tränen gerührt sind – und Reed und die mitangeklagten Redakteure frei sprechen.

1917 geht Reed mit Louise Bryant, die er 1916 geheiratet hat, nach Russland. Sie erreichen Petrograd am Tag nach dem gescheiterten Putsch des monarchistischen Generals Kornilow gegen Kerenski. Er begeistert sich für die Revolution, die seiner Ansicht nach kurz bevorsteht. Er sollte recht haben. Am 7. November sind Reed und Bryant dabei, als der Winterpalast fällt.
Reed unterstützt die Revolution, wo er kann: er arbeitet als Übersetzer für das Kommissariat für Auslandsangelegenheiten und schützt es bewaffnet, gemeinsam mit anderen Rotgardisten, vor konterrevolutionären Attacken. Seine Erlebnisse verarbeitete er in der großartigen Reportage „10 Tage, die die Welt erschütterten“, Bryant schreibt in der gleichen Zeit „Six red month in Russia“.
Nach schwieriger Rückreise wird Reed im New Yorker Hafen vom FBI erwartet, all seine Papiere und Aufzeichnungen werden beschlagnahmt. Ab diesem Zeitpunkt wird er von den US-amerikanischen Behörden wegen bolschewistischer Propaganda verfolgt. Nach dem Erscheinen von „10 Tage“ wird Reed von allen großen Zeitungen boykottiert.

Die Zeichen in den USA stehen auf Antikommunismus: 1919 wird Reed mit dem radikalen Flügel, dem er angehört, aus der Socialist Party ausgeschlossen. In Reaktion darauf werden wenige Tage später die Kommunistische Arbeiterpartei der USA und die Kommunistische Partei der USA gegründet. Reed gehört der Arbeiterpartei an.

Ende 1919 wird Reed nach Moskau gerufen, um dort an der Versammlung der Kommunistischen Internationale teilzunehmen und an der Vereinigung der beiden Kommunistischen Parteien in den USA mitzuwirken. Trotz einer drohenden fünfjährigen Gefängnisstrafe versucht er im Februar 1920, nach New York zurückzukehren. Bereits in Finnland wird er verhaftet. Nach mehreren Monaten Folter wird er im Juni nach einem Hungerstreik aus der Haft entlassen und reist zurück nach Petrograd. In Moskau kann er wie geplant am Zweiten Weltkongress teilnehmen. Zum Kongress der Ostvölker delegiert, reist er weiter nach Baku, vermutlich infiziert er sich dort mit Typhus. Nach seiner Rückkehr trifft er sich mit Lenin – es sollte das letzte Mal sein. Am 25. September erkrankt er. Dank der mörderischen Blockade gegen das neue Russland gibt es keine Medikamente, um ihn zu behandeln.

John Reed stirbt am 17. Oktober 1920 in Moskau. Er wurde nur 32 Jahre alt.

Weil er nicht neutral war, weil er seinen Platz im Klassenkampf kannte und einnahm, wurde er, als nur einer von drei US-Amerikanern, an der Kremlmauer bestattet.

John Reed
Mexiko in Aufruhr
Dietz Verlag oder Damnitz Verlag
10 Tage, die die Welt erschütterten
Dietz Verlag
antiquarisch erhältlich

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Chronist des Aufstands", UZ vom 16. Oktober 2020



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