Zum Internationalen Kindertag sprach UZ mit Amir, Charlotte, Emilia, Leonie und Sophia über die Pandemie

Corona soll jetzt langsam weggehen

Am 1. Juni wird der Internationale Kindertag gefeiert. Die Internationale Demokratische Frauenföderation (IDFF) hatte die Initiative ergriffen, und so wurde vor allem in den sozialistischen Ländern der Internationale Kindertag begangen. 1954 griffen die Vereinten Nationen die Idee auf und empfahlen ihren Mitgliedsstaaten die Durchführung eines Kindertages am 20. September. Lange Zeit spielte der Tag in der BRD keine Rolle. Erst als das Kinderhilfswerk große Feste veranstaltete, um auf die Lage der Kinder hinzuweisen und Forderungen zu stellen, wurde dem Tag Aufmerksamkeit zuteil. Vor allem in den östlichen Bundesländern besteht die Tradition des Kindertages am 1. Juni fort. Von staatlicher Seite gibt es allerdings nicht mehr viel Konkretes, dafür umso mehr Sonntagsreden. Die UZ nimmt den Internationalen Kindertag 2021 zum Anlass, Kindern das Wort zu geben, um über ihre Situation in der Corona-Pandemie zu berichten. Die Gespräche wurden aufgeschrieben von Björn Blach.

Die Schwestern Leonie und Charlotte wohnen in Potsdam. Seit letztem Sommer besucht Charlotte die siebte Klasse der neuen weiterführenden Schule. Seit drei Wochen ist sie nun im Wechselunterricht, eine Woche in der Schule, die andere zu Hause, Aufgaben erledigen. „Das ist natürlich besser, ich kann meine Freunde treffen“, meint Charlotte. Weniger gut ist es, dass sie gar keine Zeit hatte, ihre neue Klasse kennenzulernen. Die Kennenlernfahrt, die im letzten Herbst geplant war, ist aufs zweite Halbjahr verschoben. So hat Charlotte sich in den letzten Monaten vor allem mit ihren Freundinnen aus der Grundschule getroffen.

Leonie ist in der achten Klasse einer anderen Schule. Sie hat täglich Wechselunterricht. Tests schreibt sie zu Hause. Dabei würden sich die Lehrer darauf verlassen, dass die Schülerinnen und Schüler nicht mogeln. Leonie stimmt ihrer Schwester zu: „Beim Wechselunterricht kriege ich direkt Antworten auf meine Fragen und nicht erst zwei Tage später.“

Den Online-Unterricht beschreiben beide als ein großes Durcheinander. Es gab zu wenige technische Geräte. Eine Freundin habe gar nicht mehr am Unterricht teilgenommen. Eine Mutter habe ihrem Kind nicht erlaubt, Videokonferenzen oder die Schul-Cloud zu nutzen.

Leonie meint, sie hätte während des Home-Schoolings viel weniger gelernt. „Eigentlich haben wir nur wiederholt. In Englisch und Mathe haben wir vielleicht ein, zwei neue Themen gemacht. Das geht fast allen so.“ Charlotte hätte ein Buch vorstellen sollen, das hätte niemanden interessiert. Projekte oder Plakate seien nur selten gemacht worden oder kurz vor der Abgabe. Es sei normal, dass während der Meetings telefoniert würde. Alle hätten Kamera und Ton aus, sonst würde die Videokonferenz nicht funktionieren. Einige Lehrer würden Schülerinnen und Schüler, die nicht sofort antworten, einfach aus dem Meeting schmeißen. „Dabei haben zwei oder drei gar keine Kamera und auch kein Mikro.“ Es gäbe aber Klassenkameraden, die das Meeting verlassen oder so tun, als sei die Verbindung schlecht.

Bei Charlotte sind alle AGs und auch ihr Profilfach ausgefallen. Das ist besonders enttäuschend: „Mein Profilfach war der Hogwarts-Express und wir hatten begonnen, Harry Potter auf Englisch zu lesen.“
Um am Wechselunterricht teilnehmen zu können, müssen die Schülerinnen und Schüler getestet sein. Dreimal in der Woche testen sich die Schwestern zu Hause. Die Eltern müssen dann unterschreiben, dass der Test negativ war. Im Unterricht und auf dem Pausenhof tragen Leonie und Charlotte Maske. Viele in der Klasse trügen die Maske allerdings nicht ordentlich, berichtet Leonie. Charlotte ergänzt, dass viele Kinder an ihrer Schule während der Pause die Maske nicht tragen würden.

Wie es vor der Corona-Pandemie war, daran können sich Leonie und Charlotte nicht mehr erinnern. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ohne Maske im Klassenraum zu sitzen“, sagt Leonie.

Charlotte hat sich während des Lockdowns regelmäßig mit ihren Freundinnen getroffen. Sie kann auch noch Sport machen. Sie geht reiten, muss dabei allerdings die ganze Zeit Maske tragen. Leonie hat sich wenig getroffen: „Ich weiß gar nicht warum.“ Man kann sowieso viel weniger machen. Nur in den Zoo konnte man, der ist aber inzwischen langweilig.

Angst hätte die Pandemie beiden nicht gemacht. „Ist halt doof“, meint Leonie; Charlotte findet: „Es nervt!“

Was sie sich wünschen? Da müssen die Schwestern überlegen. Charlotte möchte keine Maske mehr tragen müssen; Leonie ergänzt: „Wenigstens nicht auf dem Schulhof.“ Derzeit entscheiden die Lehrer, wann die Schülerinnen und Schüler eine Maskenpause machen dürfen – die jungen Menschen werden nicht gefragt. „Es traut sich auch keiner nachzufragen oder kommt auf die Idee, um eine Pause zu bitten.“

„Wenn die Pandemie vorbei wäre, das wäre natürlich der Jackpot.“ Leonie würde dann irgendwohin fahren, vielleicht ins Sterncenter, und sich dort mit den Freundinnen treffen.

Wenn eine solche Pandemie nochmals kommen sollte, dann müsse die Schul-Cloud verbessert werden, sagen Leonie und Charlotte. „Die soll einfach immer funktionieren!“

Amir ist acht Jahre alt und wohnt mit seinen Eltern in Duisburg. Er besucht die zweite Klasse einer Grundschule. Für seinen Schulweg nutzt er die öffentlichen Verkehrsmittel. „Ich fahre fünf Haltestellen, wie lange das dauert, weiß ich nicht“, berichtet Amir. Das sei eigentlich ganz okay, nur die Maske nerve.
Seit vorletzter Woche hat Amir endlich wieder Wechselunterricht. Das sei im Grunde schon in Ordnung.

„Montags geht die eine Hälfte der Klasse, dienstags dann die andere.“ So können sie zumindest wiederetwas lernen. Im Unterricht muss Amir Maske tragen. „Na ja, ohne Masken war es schon besser“, meint Amir. Wenigstens auf dem Pausenhof dürfen die Kinder die Maske weglassen. Allerdings müssen sie als Klasse beisammenbleiben – jede Klasse kann nur einen kleinen Teil des Schulhofs nutzen.

Amir findet den Wechselunterricht auf jeden Fall besser als die Notbetreuung, in der er davor war. Seine Lehrerin hat er da nur einmal in der Woche bei der Materialausgabe gesehen. In zwei Gruppen hat seine Klasse dabei Aufgaben für die Woche bekommen. Das war der einzige Kontakt zur Lehrerin, die er sehr gerne mag.

In der Notbetreuung war Amir mit drei oder vier anderen Kindern aus seiner Klasse. Betreut wurden sie von den Erzieherinnen aus der Nachmittagsbetreuung. Amir ist trotzdem ganz gut mitgekommen. „Andere in der Klasse schaffen es nicht so gut“, sagt Amir nach kurzem Überlegen.

Vor der Pandemie hatte Amir einen Schwimmkurs begonnen, der findet natürlich nicht mehr statt. Auch andere Sachen kann Amir nicht mehr machen. „Ja, spazieren gehen geht noch“, lacht Amir, „ist aber nicht ganz so toll.“

Amirs Eltern hatten Covid-19 und die Familie musste zwei Wochen in Quarantäne. „Das war ziemlich langweilig, ich konnte nicht rausgehen, nur in den Garten.“ Als Alternative wurden dann Brettspiele gespielt. Natürlich gab es auch fernsehen. Die Großeltern waren ebenfalls infiziert. „Da habe ich mir schon Sorgen gemacht, aber nicht so richtig Angst gehabt.“ Jetzt sei das vorbei und sie können die Großeltern wieder besuchen.

Amir muss kurz überlegen, was er sich wünscht. „Corona soll jetzt so langsam weggehen, damit man nicht mehr so isoliert sein muss.“ Dann würde Amir mit seiner Familie wieder in den Zoo gehen oder ins Schwimmbad …

Sophia besucht die dritte Klasse einer Grundschule in Stuttgart. Sie ist acht Jahre alt. Vor den Osterferien hatte sie zwei Wochen Wechselunterricht. Dann wurde ein Junge in ihrer Klasse positiv auf das Coronavirus getestet. Sophia war für zwei Wochen in Quarantäne. Wann Sophia das letzte Mal in der Schule war, weiß sie nicht mehr genau: „In der zweiten Klasse, glaube ich.“

Emilia ist Sophias Schwester. Sie besucht die siebte Klasse des Gymnasiums. Sie war das letzte Mal im Dezember im Unterricht. Gerade machen sie nur Online-Konferenzen. Meist haben sie Videokonferenzen in den einzelnen Fächern. Manchmal müssen sie Aufgaben machen. In der Regel funktioniert das ganz gut, sagt Emilia. Sie können allerdings die Kameras nicht nutzen: „Das überlastet dann das System.“ Einige machen dann auch andere Sachen nebenher. Den ganzen Vormittag nur am Schreibtisch in Videokonferenzen zu sitzen, findet Emilia anstrengend und langweilig. Ihr fehlt auch die Klassengemeinschaft.

Für Klassenarbeiten war Emilia ein paar Mal in der Schule. Dabei wurden die 29 Schülerinnen und Schüler in zwei Gruppen aufgeteilt oder sie haben die Arbeit in der Sporthalle geschrieben. Bis sie die Ergebnisse bekommt, muss sie wochenlang warten. Die meisten Lehrer teilen die Noten nicht über die Schul-Cloud mit: „Die dürfen das da irgendwie nicht sagen, einige Lehrer machen es trotzdem.“

Emilia kommt ziemlich gut mit. Aber diejenigen, die vorher schon Probleme hatten, kommen jetzt noch schlechter mit, ist Emilias Eindruck. Seit Anfang des Schuljahres hat Emilia Französisch. Die meiste Zeit hatten sie das neue Fach nur online. „Da kommt jetzt alles sehr schnell“, findet Emilia. „Die Lehrer wissen schon gar nicht mehr, wie wir aussehen.“

Nach den Pfingstferien hofft sie wieder in den Wechselunterricht zu können.

Auch Sophia hat im Moment Home-Schooling. Montags kann sie sich in der Schule Aufgaben abholen. Aufgaben für zu Hause findet sie doof. „Ich muss alles allein machen, habe keine Hilfe und kann nicht einfach fragen.“ Ihre Lehrerin sieht Sophia ungefähr eine Stunde am Tag, online. Das sei aber langweilig: „Wir lernen wenig dazu und haben gar keine Pause.“ Donnerstags haben die Kinder Englisch, weil ihre Lehrerin da in der Notbetreuung arbeitet. „Da haben wir einen neuen Englischlehrer, den fünften in diesem Schuljahr.“

Sophia vermisst ihre Freundinnen und Freunde aus der Schule. Schon so lange hätte kein Kind mehr Geburtstag feiern können. Unternehmen kann man auch nicht mehr viel. Sophia ist meistens zu Hause – da sind dann immer auch alle anderen, die ganze Zeit.

Vor der Pandemie traf sich Emilia mit ihren Freundinnen, spielte Handball und ging zum Klavierunterricht. Die Freundinnen sieht sie meist online, nur mit wenigen trifft sie sich noch. Auch der Klavierunterricht ist online, was sie ganz okay findet. „Beim Handball machen wir Kraftübungen online.“

Zum Leichtathletiktraining kann Sophia gerade nicht mehr gehen: „Einmal hat es stattgefunden, dann wurde es schon wieder lebensgefährlich.“ Jetzt nimmt Sophia mit ihrer kleinen Schwester am Online-Turnen teil. Das macht Spaß, ist aber ganz schön anstrengend, da alles im Wohnzimmer stattfinden muss und es keine richtigen Turnmatten gibt.

Emilia vermisst es, mit ihren Freundinnen einfach mal etwas unternehmen zu können, aber alles ist geschlossen. Im Sommer letzten Jahres konnte man zumindest ins Freibad. Aber man musste sich dazu immer anmelden, da kann man sich dann nicht einfach mal verabreden. Alles muss geplant werden.

Im ersten Lockdown haben sich alle in der Klasse noch gefreut, dass die Schule ausgefallen sei, erinnert sich Emilia. „Ab dem Herbst wusste man dann aber schon, das wird länger dauern.“ Sie würde gerne wieder in die Schule gehen, hat aber wenig Hoffnung, dass bald alles wieder normal wird. Emilia wünscht sich, dass Menschen mehr Rücksicht aufeinander nehmen würden. Einige tragen die Masken nicht richtig, dann hilft es ja auch nicht.

Sophia wünscht sich, dass „Corona weggeht“. Gut fände sie, wenn der Impfstoff billiger wäre, sodass alle geimpft werden könnten. Toll wäre ein Mittel gegen Covid-19. Dann könnte endlich alles wieder aufmachen und Sophia auch wieder ganz normal zur Schule gehen. „Hoffentlich nicht erst, wenn ich achtzehn bin.“

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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Corona soll jetzt langsam weggehen", UZ vom 28. Mai 2021



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