Erlebte Vergangenheit

Das Ende der Versklavung

Am 2. April 1945 befreiten Einheiten der US-Armee das Zwangsarbeiter- und
Gefangenenlager Stukenbrock. Prof. Dr. Wladimir Naumow aus Moskau erinnert sich an seine Zeit
als Kindersklave in Stukenbrock:

previous arrow
next arrow
Slider

Hunderttausende in Konzentrationslager verschleppte minderjährige Gefangene des Faschismus liegen in deutscher Erde begraben, sind zu Staub und Asche geworden. Viele von ihnen, die die faschistische Barbarei überlebt haben und in die Heimat zurückkehren konnten, möchten sich nicht an das Erlebte, an die ertragenen Leiden erinnern und setzen alles daran, diese schrecklichen Seiten aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Andere aber bemühen sich wieder im Gegenteil darum, ihre Erinnerungen wach zu halten und sich auf diesem Wege teilweise von der schweren Last der Erinnerung zu befreien. Aber weder den einen noch den anderen gelingt es, seine Erinnerungen an das Erlebte zu löschen. Das ist eine ständige schwere Last, zu der die Kriegskinder, die ehemaligen minderjährigen Gefangenen des Faschismus, verurteilt sind.

Im Sommer 1943 näherte sich Smolensk die Front erneut. Die Deutschen bereiteten sich auf die Verteidigung vor: Schützengräben wurden ausgehoben, Unterstände gegraben, große Panzerabwehranlagen, die in der Nähe unserer Hütte verliefen, gebaut. Reste dieser Panzergräben kann man bis auf den heutigen Tag finden. Eines Tages, um die zwanziger Septembertage herum, abends gegen sechs Uhr, verlas der Dorfälteste den Befehl der deutschen Militärverwaltung, dass alle Dorfbewohner das Dorf bis 12 Uhr des nächsten Tages zu verlassen hätten.

Wir wurden durch das brennende Smolensk gejagt. Bevor die Faschisten die Stadt verließen, sprengten sie Häuser und Industrieobjekte in die Luft. Zu Fuß trieb man uns von Smolensk nach Borissow bei Minsk, wo wir das erste Mal in einem Stacheldrahtlager eingesperrt wurden. Von dort aus ging es in Viehwagen nach Deutschland. Smolensk wurde zwei Tage nach unserer Vertreibung, am 25. September 1943, befreit.
Aus dem Durchgangslager in Soest, das die Rolle eines Sklavenmarktes übernommen hatte, wurde unsere und noch zwei Familien aus unserer Gegend als Ostarbeiter in die Textilfabrik Bleiche AG nach Brackwede, einem Industrievorort von Bielefeld, verlegt. Auf dem Fabrikgelände befand sich auch ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene, eine Filiale, oder, wie gesagt wurde, ein Arbeitskommando des Basislagers Stalag 326, eines der größten Kriegsgefangenenlager in Deutschland. Ein Teil dieser Kriegsgefangenen arbeitete mit uns in der Fabrik. So führte uns unser Schicksal erneut mit unseren Soldaten, den Kriegsgefangenen, zusammen, die übrigens auch bei Smolensk gekämpft hatten. …
Die Gefangenen und die Ostarbeiter mussten in zwei Schichten arbeiten, zwölf Stunden Tagschicht und wölf Stunden Nachtschicht, was wöchentlich wechselte. Für mich, als dem jüngsten Arbeiter, ich war damals 11 Jahre alt, wurde eine Ausnahme gemacht. Ich musste nur tagsüber und zwei Stunden weniger als die Erwachsenen arbeiten, der dreizehnjährige Viktor aber wurde als Erwachsener behandelt und musste im Zweischichtsystem schuften. Die einfachen deutschen Fabrikarbeiter, im Wesentlichen ältere Männer und Frauen, verhielten sich uns gegenüber mit Mitgefühl. Ihre Söhne und Männer waren an der Front und viele von ihnen waren gefallen.

Am 2. April 1945 nahmen amerikanische Truppen Brackwede ein, nach einem kurzen, eher symbolischen Kampf. Den Amerikanern standen die letzten militärischen Reserven des Führers, der sogenannte Volkssturm, gegenüber. Es waren im Wesentlichen ältere deutsche Männer, Einwohner aus der Umgebung, bewaffnet mit Panzerfäusten und einkalibrigen Raketengeschossen. Nachdem sie diese abgeschossen hatten, verschwanden sie in ihren Häusern. So kam die Befreiung zu uns. …
Am 2. Mai 1945, kurz vor dem Tag des Sieges, als die Kämpfe um Berlin noch tobten, fand in Anwesenheit tausender ehemaliger Gefangener und „ Ostarbeiter“, unter denen sich auch der Autor dieser Zeilen befand, die feierliche Eröffnung des Monuments und des Memorials in Stukenbrock statt. Ich erinnere mich noch gut an die feierliche Zeremonie am Monument, an die Reden der ehemaligen Gefangenen des Stalag und der Vertreter der amerikanischen Heerführung, den zeremoniellen Aufmarsch der amerikanischen Soldaten und die Salutschüsse zur Erinnerung an die sowjetischen Soldaten, die in der Erde von Stukenbrock ruhen.

Wir, die wir den Krieg überlebt haben, sind eine abtretende Generation. Wir müssen aber nicht nur an die Vergangenheit, sondern auch an die Zukunft, an die Zukunft unserer Enkel denken.

Übersetzung: Walborg Schröder


Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Stalag 326 VI/K Stukenbrock am 2. April 2020

Am 2. April 1945 erreichten die Soldaten der US-Armee das „Stalag 326 VI/K“ in Stukenbrock. Rund 10.000 sowjetische Kriegsgefangene wurden von ihnen aus der Versklavung befreit. Mit ihrer Befreiung fanden auch die grausame Nazi-Herrschaft und der 2. Weltkrieg in Ostwestfalen-Lippe ihr Ende.
Über 50 Millionen Menschen fanden in diesem von Deutschland begonnen Krieg den Tod, darunter rund 27 Millionen sowjetische Menschen. Zu ihnen gehören auch die 65.000 Gefangenen, die im Lager Stukenbrock elend zugrunde gingen. Maßloses Elend, Flucht und die Zerstörung ganzer Städte und Dörfer waren das Ergebnis diese Krieges.

Im Aufruf der Gedenkstätte Buchenwald zum 75. Jahrestag der Befreiung dieses Konzentrationslagers wird, bezogen auf die aktuelle Lage in 2020, gefragt: „Endlich alles vorbei?“

Dazu sagen wir:

Der jüngste neofaschistische Anschlag in Hanau zeigt, dass die Gefahren für die Demokratie durch Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus nicht vorbei sind.

Gegenwärtig beginnt an der Westgrenze Russlands ein NATO-Großmanöver unter der Bezeichnung „DEFENDER Europe 2020“ mit 37.000 Soldaten. Deutsche Soldaten sind auch daran beteiligt. Wieder wird der „Feind“ im Osten ausgemacht.

Kriege begannen immer mit Lügen, Hetze und Verachtung anderer Menschen.

Wir fragen:

Warum wurde nach den furchtbaren Erfahrungen aus dem 2. Weltkrieg und dem Leid, das durch deutsche Schuld den Menschen Russlands zugefügt wurde, die Freundschaft zu den Menschen in Russland und den Staaten der ehemaligen UdSSR nicht zu einer Staatsdoktrin unseres Landes, wie das nach den Morden an sechs Millionen Juden durch Deutsche im Falle Israels zu Recht geschah?

Warum dürfen Neonazis frei durch unsere Städte marschieren und ihren Hass verbreiten, wie das u. a. am 9. November 2019 in Bielefeld mit Hilfe eines Gerichtsbeschlusses geschah?

Warum war es möglich, dass, wie im Thüringer Landtag geschehen, durch die Zusammenarbeit von CDU- und FDP- Abgeordneten mit Hilfe der von einem Faschisten geführten AFD ein Ministerpräsident gewählt werden konnte?

Der 2. April 2020 und besonders der 8. Mai, der Tag der Befreiung von Krieg und Faschismus, sollten uns allen, vor allem von den Verantwortlichen in der Politik und der Wirtschaft, Anlass sein zu erhöhter Wachsamkeit.

Wir setzen uns dafür ein, dass der 8. Mai bundesweit zu einem gesetzlichen Feiertag wird. Der Frieden und die Demokratie sind heute nicht sicher!

Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock e. V.
28. März 2020

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Das Ende der Versklavung", UZ vom 10. April 2020



Bitte beweisen Sie, dass Sie ein Mensch sind und wählen Sie das Auto aus.

Vorherige

Aufmarsch in Ostasien

Kultursplitter

Nächste

Das könnte sie auch interessieren