Der japanische Pazifismus ist bald so tot wie Shinzo Abe

Das Ende einer Ära

Tim Beyermann

Shinzo Abe, Japans Premierminister mit der längsten Amtszeit, wurde vor drei Wochen bei einer Wahlkampfrede in der alten Kaiserstadt Nara erschossen. Eine Nachricht, die durch so ziemlich jedes Presseorgan ging, das in Deutschland erscheint. Aber was haben eine christliche Sekte, ein Schrein in Tokio, Donald Trump, Antikommunismus und Abes eigener Großvater damit zu tun?

Unter Shinzo Abe ist Japan nach rechts gerückt. Er trat nicht erst mit seiner Wahl zum Premier auf die politische Bühne. Vielmehr war er der Sprössling einer Politikerfamilie, die seit Generationen richtungweisende Positionen im japanischen Staat bekleidet. Sein Großvater und sein Großonkel hatten beide vor ihm bereits das Amt des Premierministers inne. Ein Sekretärsjob bei seinem Vater Shintaro Abe, zu dieser Zeit Außenminister, war dann das Sprungbrett ins Rampenlicht.

Schon damals strotzte Abe vor Antikommunismus und vertrat – selbst für die Liberaldemokratische Partei Japans (LDP) und ihren nationalkonservativen Kurs – eine überaus harte Haltung gegenüber der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK). Und schon damals war der Umbau der japanischen Selbstverteidigungskräfte zu einer schlagkräftigen Armee mit eigenen Auslandseinsätzen das Ziel. Eine solche Armee verbietet Artikel 9 der japanischen Verfassung. Sich häufende Raketentests der DVRK sowie der Aufstieg der Volksrepublik China zur Weltmacht sind deshalb schon seit Jahren Wasser auf die Mühlen jener politischen Kräfte in Japan, die sich nach alten Zeiten sehnen.

Abe war Teil der sogenannten „Nippon Kaigi“, einer parteiübergreifenden Organisation, welche die Zeit des japanischen Faschismus verklärt, von der kaiserlichen Armee begangene Massaker leugnet und vor allem immer wieder in der Berichterstattung der Medien landet, wenn sie es schafft, prominente Figuren an den „Yasukuni-Schrein“ inmitten Tokios zu bekommen. An diesem wird der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs gedacht. Gemäß dem in Japan weitverbreiteten schintoistischen Glauben verweilen die Seelen, derer man gedenkt, im zugehörigen Schrein. Beim „Yasukuni-Schrein“ sind das auch über 1.000 Kriegsverbrecher, die sich zum Teil in den „Tokyo Trials“, dem Pendant der Nürnberger Prozesse, vor Gericht verantworten mussten. Ebenso gedenkt man dort zwangsverpflichteter Soldaten, die hauptsächlich von der koreanischen Halbinsel stammten. Es wäre also keine Übertreibung zu sagen, dass hier Schlächter und Opfer an einem Ort untergebracht sind – ein Umstand, der Betroffenenverbänden selbstverständlich ein Dorn im Auge ist.

Der Einfluss von „Nippon Kaigi“ darf dabei nicht unterschätzt werden: Etwa ein Drittel der Abgeordneten beider Kammern des japanischen Parlaments gehören der Organisation an. Die ideologische Nähe von Politikerinnen und Politikern, die in der „Nippon Kaigi“ organisiert sind, zur sogenannten Moon-Sekte hat schließlich zur Ermordung Abes geführt. Geeint durch ihren glühenden Antikommunismus, sprach sich Abe immer wieder positiv über die Moon-Sekte aus, ebenso wie sein Amtskollege Donald Trump, der während seiner Präsidentschaft für den US-amerikanischen Ableger der südkoreanischen christlichen Sekte sogar Videogrußbotschaften aufnahm. Die von Sun Myung Moon 1954 gegründete Sekte benutzt ihre Gläubigen gezielt zur Durchsetzung politischer Ziele. Angesichts ihrer weltweit 200.000 Anhänger und einer Vielzahl an Firmen inklusive der extra gegründeten konservativen Zeitung „Washington Times“ darf auch sie nicht unterschätzt werden.

Der Mann, den wir nun als den Abe-Attentäter kennen, wurde durch die Moon-Sekte ruiniert. Durch die Sekte indoktriniert, spendete seine Mutter das gesamte Familienvermögen. Er gab an, er habe – weil er die Sektenführung nicht habe angreifen können – sich Abe als nächstbestes Ziel ausgesucht.

Das Attentat auf Abe hatte dieselbe Wirkung auf die japanische Öffentlichkeit wie viele Attentate auf Politikerinnen und Politiker in der Vergangenheit. Die Zustimmungsraten für Abes LDP schnellten nach oben und bescherten der Partei einen so immensen Wahlerfolg, dass sie mit ihrem Partner „Komeito“ nun die benötigte Zweidrittelmehrheit besitzt, um den Pazifismus aus der japanischen Verfassung streichen zu können, Japans „Selbstverteidigungskräfte“ in eine „richtige“ Armee umzubauen und endlich eigene Auslandseinsätze seiner Truppen anberaumen zu können.

Den Tod Abes als alleinigen Grund für diese herbe Niederlage der Friedensbewegung in Japan zu nennen wäre allerdings zu einfach. Seit Jahrzehnten befinden sich progressive Kräfte rund um die japanische KP im Niedergang. Die Wahlergebnisse der progressiven Parteien mit klarer friedenspolitischer Linie sinken schon so lange, dass die Zweidrittelmehrheit der nationalistischen Kräfte nur eine Frage der Zeit war.

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"Das Ende einer Ära", UZ vom 29. Juli 2022



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