Die Arbeit in der 4. Industriellen Revolution

Die 4. Industrielle Revolution ist keine technische, sondern eine globale ökonomische, gesellschaftliche und politische Revolution. Durch den Einsatz digitaler Techniken, neuer Werkstoffe und Organisationsformen in der Produktion und Warenlogistik wird in nahezu allen Branchen die alte Kapitalverwertung in neuem Gewand vorangetrieben. Der als „digitale Transformation“ bezeichnete Wandel in den Produktionsverhältnissen ändert allerdings nichts am Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Er ändert nichts am Verhältnis zwischen „Arm“ und „Reich“ – weder national noch international. Er hebt insbesondere die Ausbeutung nicht auf, auch wenn ein Teil der Arbeiterklasse nicht mehr mit Muskelkraft schafft, sondern mit dem Kopf. Wie anfällig und wie belastend die Arbeit in der „digitalen Transformation“ ist, zeigt sich während der Pandemie wie unter einer Lupe: Kurzarbeit im Wechsel mit Mehrarbeit, Entlassungen oder der Zwang zum Home-Office bedrohen große Teile der Arbeiterklasse in Fragen ihrer finanziellen Existenz. Auch weite Teile von Selbstständigen und kleinen Gewerbetreibenden teilen plötzlich das Schicksal der Arbeiterklasse.

Die Kopfarbeiter unterscheiden sich in ihrer Stellung im Produktionsprozess nicht mehr von den Arbeitern in der klassischen Produktion. Sie erhalten Arbeitsanweisungen und Terminvorgaben sowie Compliance-Vorgaben. Für die Entscheidung, wie sie arbeiten, bleibt wenig Spielraum – auch wenn sich darüber manche noch Illusionen machen. Die Arbeitsplätze der Kopfarbeiter stehen seit Jahren unter großem Rationalisierungsdruck und sind in Krisenzeiten stärker gefährdet als die Arbeitsplätze in der Produktion. IT-Systeme von Firmen wie SAP oder den CAD-Systemen übernehmen durch „Intelligente“ Funktionen vor allem Routineaufgaben und Arbeitsschritte, die durch einfache und mittlere Ausbildung geprägt waren. Durch ein immenses Wachstum an Produkten und neuen Konsumtionsformen wurde die Zahl der Arbeitsplätze der Kopfarbeiter auf hohem Niveau aufrechterhalten.

Bei einem Großteil der in diesen Bereichen Arbeitenden ist das (Klassen-)Bewusstsein allerdings wenig ausgeprägt. Jahrzehntelange, auf Individualisierung ausgerichtete Bildung und Politik gehören zu den Gründen, dass dies funktioniert. Um diesen Zustand zu erhalten, wird die Propaganda für die „Neue Arbeit“ zu einem Begriff, der den Klassencharakter von Arbeit und das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit verschleiert.

Home-Office

In vielen Unternehmen ist das gelegentliche und regelmäßige Arbeiten im Home-Office zur Normalität geworden. Viele Kopfarbeitende sehen darin einen großen Vorteil, vor allem dann, wenn sie Kinder oder andere Angehörige betreuen müssen oder weite Wege zu Arbeit haben. Das klingt nach Freiheit und Flexibilität und die meisten Arbeitgeber gehen auf solche Wünsche ein, ziehen sie daraus doch gewaltige Vorteile. Sie müssen weniger Büroraum, Büronebenkosten und Ausstattungen von Arbeitsplätzen in Rechnung stellen. In der Pandemie wird Home-Office von einem Tag zum anderen für Millionen Kopfarbeiter zur Normalarbeit. Die ersten Unternehmen jubeln bereits, wie gut das angeblich funktioniert. Wer sich mit den im Home-Office Arbeitenden unterhält, erfährt etwas anderes. Die permanenten Telefon- und Videokonferenzen sind bedeutend anstrengender, die Tendenz zu Mehrarbeit habe zugenommen und vor allem der soziale Kontakt fehle, zum Beispiel das kurze Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen. Der Stress bei Home-Office bleibt bei den Beschäftigten hängen.

Flexible Arbeit rund um die Uhr

Mobile Geräte erlauben es jederzeit und an jedem Ort, mit anderen zu kommunizieren. Zu diesen „anderen“ gehören auch Arbeitgeber und Auftraggeber, Kunden und Geschäftspartner. Dafür erhielten viele Kopfarbeiter ein Firmentelefon, das sie auch privat nutzen dürfen. Damit tappten sie oft in eine böse Falle. Denn nun müssen sie, wenn der Chef anruft, den auch annehmen. Die neue Technik ist das Instrument, um die Feierabendruhe auszuhebeln.

Selbstoptimierung

„Zu viel Arbeit gibt es nicht, es gibt nur eine falsche Organisation der Arbeit“, lautet das Motto vieler Seminare gegen Stress. Ihr Ziel ist es, Tipps zu vermitteln und einzuüben, wie man die eigene Leistungsfähigkeit steigern kann und die Belastungen besser aushält. Damit wird der allgemeine Druck am Arbeitsplatz auf ein rein individuelles Problem reduziert.

Resümee

Die vom Kapital mit positiven Aspekten gepriesenen neuen Formen der abhängigen Arbeit ändern nichts am Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit. Dort, wo Beschäftigte Vorteile für sich sehen, die durchaus auch tatsächlich vorhanden sein können, zahlen sie diese unter kapitalistischen Bedingungen auch noch selbst.

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