Um einen Krieg führen zu können, müssen Feindbilder aufgebaut werden. Und so ist es kein Wunder, dass die Stimmungsmache gegen die Russische Föderation seit Jahren immer schärfer wird. Damit einher geht ein zunehmender Geschichtsrevisionismus, der das historische Verdienst der Sowjetunion – die Befreiung Deutschlands und großer Teile Europas vom Faschismus – in ein anderes Licht rücken soll. In einem Akt der Projektion werden der Sowjetunion imperiale Bestrebungen und Kolonialismus unterstellt. Der Vernichtungsfeldzug Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetvölker wird so verklärt.
Den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 nahmen rund 1.500 Menschen zum Anlass, um unter dem Motto „Russland ist nicht unser Feind“ am Brandenburger Tor in Berlin zu demonstrieren. Aufgerufen hatten neben der gleichnamigen Initiative auch der Wissenschaftler Norman Paech, der Liedermacher Hartmut König, die BSW-Politikerin Sahra Wagenknecht, der Vorsitzende der DKP, Patrik Köbele, und viele weitere. Im Aufruf zur Kundgebung wurde die europäische Nachbarschaft mit Russland betont, sich gegen Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden ausgesprochen und ein Ende der sogenannten Kriegstüchtigkeit gefordert.
In ihren Beiträgen waren sich die Rednerinnen und Redner einig: die Hetze gegen Russland ist ein wichtiger Bestandteil der ideologischen Kriegsvorbereitung. Auch Sevim Dağdelen (BSW) stellte fest, Deutschland erlebe eine „beispiellose geistige Mobilmachung für einen Krieg gegen Russland“. An dieser beteilige sich auch die AfD, deren brandenburgischer Sprecher gefordert habe, die sowjetischen Denkmäler in Brandenburg abzureißen. Zusätzlich hob Dağdelen den Zusammenhang zwischen der Aufrüstung und den Kürzungen im sozialen Bereich hervor. Zum Abschluss ihrer Rede warnte die Politikerin vor der „gefährlichen Selbstüberschätzung“ Deutschlands. Die NATO bedeute heute die Entfesselung des deutschen Revanchismus gegen Russland im Interesse der USA.
Auch Hans Bauer, Vorsitzender der Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e. V. (GRH) betonte, dass die Kriegsvorbereitung mit Geschichtsrevisionismus einhergehe. Die Sowjetunion werde von der EU mitverantwortlich gemacht für den zweiten Weltkrieg. Sowjetische Opfer werden relativiert. Wie Sevim Dağdelen stellte sich Hans Bauer in seiner Rede ebenfalls gegen die Verfälschung sowjetischer Denkmäler in Berlin. Unter dem Deckmantel der „Rekontextualisierung“ werde Geschichtsverfälschung betrieben, die auch von den Grünen und „Linken“ mitgetragen werde.
Weitere Reden kamen von DDR-Radrennfahrer Täve Schur und dem Theologen Eugen Drewermann, die per Video zu der Kundgebung zugeschaltet waren. Leonard Mielke von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) konzentrierte sich in seiner Rede auf die Bedeutung der Kriegsvorbereitungen für die Jugend. Während für die Bundeswehr Milliarden locker gemacht werden, sei für Jugendclubs und Schulen kein Geld da. In Berlin-Neukölln sei die jährliche Grundreinigung der Schulen eingestellt worden. Gleichzeitig werde laut darüber nachgedacht, einen Karstadt zum Musterungszentrum umzuwandeln. Die Perspektivlosigkeit treibe weitere Jugendliche in die Bundeswehr. Besondere Bedeutung komme deshalb dem Kampf gegen die Wehrpflicht zu.
Nach den Reden und musikalischen Beiträgen zog die Kundgebung gemeinsam zu dem wenige Minuten entfernten Sowjetischen Ehrenmal am Tiergarten. Spontan wurde dort das Friedenslied „Kleine weiße Friedenstaube“ angestimmt. Auch der Botschafter der Russischen Föderation, Sergei Jurjewitsch Netschajew, war anwesend. Vor der beeindruckenden Kulisse des Ehrenmals wehten Dutzende Fahnen mit Friedenstauben. Die Teilnehmer stimmten „Druschba“-Rufe an. Noch lange nach offiziellem Schluss wurden viele angeregte Gespräche geführt.









