Vor 40 Jahren demonstrierten in Baden-Württemberg 400.000 Menschen gegen die NATO-Hochrüstung

Eine Menschenkette für den Frieden

Die erste Hälfte der 1980er Jahre war in der BRD geprägt vom Widerstand der Friedensbewegung gegen die Umsetzung des sogenannten NATO-Doppelbeschlusses – die Stationierung atomar bestückter US-amerikanischer Pershing-2-Raketen auf bundesdeutschem Territorium. Allein am 22. Oktober 1983 demonstrierten bundesweit über 1,3 Millionen Menschen gegen die Hochrüstung – in Baden-Württemberg formierte sich an diesem Tag die legendäre Menschenkette. Klaus Mausner war für die DKP in der Vorbereitung aktiv.

UZ: Vor 40 Jahren fand die Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm statt. Was habt ihr da auf die Beine gestellt?

Klaus Mausner: Die Menschenkette war die spektakulärste Form der Herbstaktionen, zu denen die Friedensbewegung Ende 1983 aufgerufen hatte. Es waren drei Großdemonstrationen in Hamburg, Bonn und Süddeutschland geplant. Der gesamte Inhalt – Aufruf, Plakate, Materialien und so weiter – wurde zentral entwickelt. Die Ausgestaltung der Aktionen war den jeweiligen regionalen Friedensstrukturen überlassen worden.

In Baden-Württemberg gab es mehrere Besonderheiten, die wichtig waren. Einmal hatten wir über vier Jahre – ab 1979 bis 1983 – eine intensive, kontinuierliche Entwicklung der Friedensbewegung in der Fläche. Wir hatten in Baden-Württemberg rund 300 bis 400 Basis-Friedensinitiativen, in verschiedensten Orten und in Großstädten bis in die Stadtteile hinein. Wir hatten zudem eine beachtliche Zahl von betrieblichen Friedensinitiativen – in Stuttgart gab es allein sechs davon. Dazu kamen noch berufliche Friedensinitiativen – von Ärzten, von Künstlern, von Ingenieuren, von allen möglichen Berufsgruppen. Das hat in Baden-Württemberg dazu geführt, dass wir über ein landesweites Netzwerk von koordinierter Friedensarbeit verfügten in Form der Landesberatung der Friedensinitiativen. Vorbereitet wurden die Beratungen von einem Koordinierungsausschuss, in dem ich für die DKP mitarbeitete. Neben Vertretern der traditionellen Friedensbewegung wie der DFG-VK oder der DFU waren auch offizielle Vertreter der SPD und der Jusos, aber auch die SDAJ neben weiteren Organisationen Mitglied. Die Arbeit in diesem breiten Gremium war immer auch umkämpft. Häufig gab es antikommunistische Attacken. Die kamen meistens aus den Reihen der Grünen, auch von Ex-Genossen.

UZ: Welche Rolle spielten die Gewerkschaften?

Klaus Mausner: Neben der stabilen, weitverzweigten Struktur von Friedensinitiativen und Basisinitiativen war das die größte Besonderheit. In der IG Metall Baden-Württemberg gab es eine sehr starke Orientierung am ersten Landesvorsitzenden und ehemaligen Buchenwaldhäftling Willi Bleicher. Sein Leitspruch „Wer für den Frieden ist, muss gegen den Krieg kämpfen“ prägte auch andere Persönlichkeiten der IG Metall, wie etwa Franz Steinkühler. Dieser sorgte dafür, dass die Gewerkschaft aktiver Bestandteil der Friedensbewegung war. Dazu kamen die IG Medien, damals geführt von Werner Pfennig, und der DGB in Baden-Württemberg unter Siegfried Pommerenke. Landesvorsitzender der SPD war damals Erhard Eppler. Der war zwar immer für antikommunistische Schlenker gut, aber ein eindeutiger Gegner des NATO-Doppelbeschlusses. Eine weitere Besonderheit war eine starke Tradition der Homöopathen und der Anthroposophen mit den Waldorfschulen. Diese wurden gesponsert unter anderem vom Voith-Konzern in Heidenheim, aber auch von der Bosch-Stiftung. Über die Landesberatung war es gelungen, diese verschiedenen Strömungen zusammenzuführen.

UZ: Bei einer derartigen Breite gab es vermutlich sehr viele Differenzen. Welche Fragen standen bei den Auseinandersetzungen im Mittelpunkt?

Klaus Mausner: Es gab große Differenzen in der Frage der Aktionsformen. Diese tauchten bereits in der Vorbereitung des Ostermarsches 1983 in Heilbronn auf. Auf dem US-Stützpunkt Waldheide in der Nähe von Heilbronn waren schon Pershing-1-Raketen stationiert. Der aktions-orientierte Teil der Friedensbewegung wollte eine mehrtägige Aktion mit der Blockade des Stützpunktes. Die Gewerkschaften konnten das nicht mittragen und bestanden auf einer traditionellen Kundgebung. Als Koordinierungsausschuss gelang es uns, auf eine Kombination der verschiedenen Aktionsformen zu orientieren. Der Ostermarsch 1983 begann auf der Waldheide. Wir holten dort die Menschen ab, die seit drei Tagen blockiert hatten. Dann ging es gemeinsam vier Kilometer durch die Weinberge nach Heilbronn. Auf der Abschlusskundgebung kamen dann 40.000 Menschen zusammen. Das war seit dem Bauernkrieg die größte Aktion in der Region.

UZ: Es ging dann weiter mit einer am Koordinierungsausschuss vorbei angemeldeten Aktionskonferenz für Süddeutschland in Ulm.

Klaus Mausner: Richtig – aber wir haben massiv für die Konferenz mobilisiert. Knapp 2.000 Menschen aus ganz Süddeutschland waren schließlich Anfang Juni 1983 nach Ulm gekommen. Gleich zum Auftakt hielt ein Teilnehmer eine antikommunistischen Rede. Die Empörung war groß und die Konferenz drohte zu platzen. Zum Glück hat sich die Mehrheit aber nicht provozieren lassen und konstruktiv weitergemacht.

Am Abend drohte die zweite Krise wegen der Aktionsformen. Die Gewerkschaften wollten eine Großkundgebung mit Demonstration, da sie fürchteten, anders die Kollegen nicht mobilisieren zu können. Auf der anderen Seite standen die Radikalblockierer, die den US-Raketenstützpunkt in Neu-Ulm mehrere Tage lang lahmlegen wollten und wenig kompromissbereit waren. In dieser Situation wiederholte Uli Thiel von der DFG-VK dann seine verrückte Idee: Angeregt durch eine Aktion in Britannien, schlug er eine Menschenkette vor. 40 Kilometer hatten die Briten geschafft. Uli schwebte eine Kette von Stuttgart nach Neu-Ulm vor – Länge 110 Kilometer! Wir dachten: Das ist abenteuerlich, gar nicht realisierbar. Aber wir brauchten eine Lösung, also schlugen wir am nächsten Tag vor: Blockaden an der US-Kriegszentrale EUCOM in Stuttgart und bei den Raketen in Neu-Ulm, Verbindung der beiden Aktionsorte mit einer Menschenkette und anschließend Großkundgebungen in Stuttgart und Ulm.

UZ: Ein ambitioniertes Vorhaben.

Klaus Mausner: Ja, allerdings bedurften die Mobilisierung und die Vorbereitung eines riesigen Aufwands. Aber dann gingen am 22. Oktober nacheinander die Meldungen ein: Die Menschenkette ist tatsächlich geschlossen. Man hat an vielen Stellen Schlangenlinien oder Doppelreihen gebildet, weil mehr Leute da waren als wir geplant hatten. Dann hielten sich 400.000 Menschen von Stuttgart bis Neu-Ulm durchs Neckartal und über die Schwäbische Alb hinweg an der Hand.

UZ: Du hast die antikommunistischen Spaltungsversuche angesprochen. Haben die eine Rolle bei der Menschenkette gespielt?

Klaus Mausner: Es ging im Vorfeld um die Redner der Kundgebungen. Einer der Hauptkonflikte entzündete sich an der Frage: Sollen wir die sogenannten Friedensinitiativen der DDR mit einladen? Als DKP lehnten wir die Zusammenarbeit mit diesen Gruppen ab, da sie sich auch gegen die DDR positionierten. Franz Steinkühler von der IG Metall sprach sich gegen die Einladung aus. Dafür wurde er öffentlich angegriffen. Die Grünen beschimpften ihn als „Handlanger der DKP“, was die Medien natürlich gleich aufgriffen. Die DKP hat dann schweren Herzens einem Redner aus diesen Initiativen zugestimmt.

Das hat dann allerdings nicht mehr geholfen.Kurz darauf sind dann die Grünen, Teile der christlichen Friedensbewegung, die DFG-VK und die Jusos aus der Landesberatung ausgezogen – die große Mehrzahl der dort anwesenden Friedensinitiativen war empört. Der Vertreter der IG Metall, Holger Balke, rief ihnen nach: „Wer auszieht, zieht auch wieder ein.“

Das passierte dann auch – zumindest indirekt: 1984 gab es einen gemeinsamen Ostermarsch, mit zwei Aufrufen und Rednern von beiden Seiten.

UZ: Der Aufruf für die Herbstaktionen 1983 war sehr kurz und verzichtete komplett auf einen Analyseteil. Heute ist ja gerade die Analyse umstritten in der Friedensbewegung. Was können wir heute aus den damaligen Erfahrungen lernen?

Klaus Mausner: Ausschlaggebend für die Breitenwirkung der damaligen Friedensbewegung war der Krefelder Appell – und der hat auch auf einen Analyseteil völlig verzichtet. Er stellte das Einigende in den Mittelpunkt, vor allem die gemeinsamen Forderungen. Sonst hätte man die über dreieinhalb Millionen Unterschriften nicht bekommen. Die Konzentration auf den Konsens fehlt heute.

Heute haben wir in der Friedensbewegung mit der Kompliziertheit des Ukraine-Krieges zu tun: Wie schätzt man das russische Vorgehen, den russischen Angriff auf die Ukraine ein? Welche Schlussfolgerungen werden daraus gezogen?

Damals stand die Frage im Raum: Wie schätzen wir die sowjetische Militärdoktrin ein, mit den SS-20-Raketen, die als formelle Begründung für den NATO-Doppelbeschluss dienten. Da gab es auch schon die Gleichsetzung der SS-20 mit den US-amerikanischen Pershings. Da wurden bestimmte Fakten einfach ausgeblendet, etwa die Asymmetrie der Geografie. Die SS-20 konnten die USA nicht erreichen, aber die Pershings waren zweifellos als Erstschlagsraketen gegen die Sowjetunion gedacht.

UZ: Die andere Spaltungstendenz heute ist die Frage: Ist die Friedensbewegung rechtsoffen? Wenn so viele Menschen damals aktiv waren, wird es eine große ideologische Vielfältigkeit gegeben haben. Wie seid ihr damit umgegangen?

Klaus Mausner: Am deutlichsten wird das vielleicht an Alfred Mechtersheimer. Der war der entschiedenste Exponent einer nationalen Widerstandsrichtung in der Friedensbewegung. Dahinter stand die realistische Einschätzung, dass von führenden strategischen Kreisen der USA mit ihren Erstschlagsraketen ein „führbarer Atomkrieg“ in Europa konzeptionell gedacht worden ist – die Vernichtung Europas miteinkalkuliert. Aus dieser Logik heraus gab es in bürgerlichen Kreisen die Überzeugung: „Diesen Wahnsinn können wir nicht zulassen.“ Und zwar aus nationalistischen Gründen. Das hat sie auch ins Bündnis mit Linken, mit der Arbeiterbewegung gebracht.

In Baden-Württemberg waren es eher anthroposophisch geprägte Menschen oder Christen, die bürgerlich-konservative bis hin zu nationalistischen Positionen vertraten. Es galt, den Grundkonsens des gemeinsamen Aufrufs der Friedensbewegung einzuhalten – wer ihn unterstützte, machte mit. Einzig offen faschistische Kräfte waren ausgeschlossen.

Heute müssen wir sehen, dass zum Beispiel bei den sogenannten Querdenkern aus dem Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen ein Protestpotenzial gewachsen ist, das sehr kritisch gegenüber der Regierung und bestimmten Konzernen ist. Es wäre daher falsch, das Querdenkerspektrum auszuschließen. Die Mehrzahl dieser Leute ist nicht rechts, sondern neu politisiert, vielfach unpolitisch, sehr emotional – aber gewillt, ernsthaft für den Frieden einzutreten. Wir müssen das Kunststück hinkriegen, gemeinsam eine Aktionseinheit zu gestalten, was natürlich ein Lernprozess ist, und gleichzeitig offene Faschisten aus diesen Zusammenhängen zu drängen. Das ist einmal eine Kraftfrage. Zum anderen ist es eine inhaltliche Klärungsfrage. Wir haben in der Diskussion mit Querdenkern in Stuttgart gemerkt, dass die entscheidende Frage ist: Wie schätzen wir den deutschen Imperialismus ein? Beim Antiamerikanismus war man sich schnell einig. Aber im Hintergrund stehen Positionen, wie sie auch von der AfD vertreten werden: „Wir“ brauchen die Waffen selbst – und „wir“ müssen mit Russland ein starkes Gegenlager zu den USA bilden. Wer denn nun das „Wir“ ist, bleibt sehr unklar. Da müssen wir Lernprozesse organisieren und die Rolle des deutschen Imperialismus und seine Strategie erklären.

UZ: Die große Schwierigkeit der Aktionseinheitspolitik ist derzeit die fehlende Einheit der Arbeiterbewegung in der Friedensfrage. Vor allem die sozialdemokratisch orientierten Kräfte hängen derzeit ja sehr am Gängelband der NATO.

Klaus Mausner: Mehrheitlich ja. Aber es ist differenzierter. Ich habe in letzter Zeit immer wieder Sozialdemokraten erlebt, die sich schämen für die Enkel von Willy Brandt – die Spitze der SPD betreibt ja die vollständige Entsorgung der Entspannungspolitik. Große Hoffnungen werden in eine neue „Wagenknecht-Partei“ gesetzt. In den Gewerkschaften laufen auch Diskussionen. Die Führungen versuchen zwar, die Orientierung der SPD durchzudrücken, aber an der Basis beginnt eine – noch zarte – Gegenbewegung. Das ist meine Hoffnung im Kampf um die Gewerkschaften, der übrigens auch damals eine Riesenrolle gespielt hat. Anfang der 1980er Jahre, nachdem die SPD-geführte Schmidt-Regierung den NATO-Doppelbeschluss verkündet hatte, war zunächst von den Führungen einiger Gewerkschaften ein Verbot ausgesprochen worden, den Krefelder Appell zu unterstützen. Da wurden direkt Drohungen gegen Gewerkschaftsfunktionäre ausgesprochen. Durch die Gesamtentwicklung der Friedensbewegung ist es gelungen, die Mehrheitsstimmung in den Gewerkschaften umzudrehen. Das hat gezeigt, dass die antikommunistische Orientierung der Gewerkschaftsspitze nicht in Stein gemeißelt ist. Heute sind wir natürlich um ein Vielfaches schwächer. Es führt aber kein Weg daran vorbei, um die Friedenspositionen der Gewerkschaften zu kämpfen.

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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Eine Menschenkette für den Frieden", UZ vom 20. Oktober 2023



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