Das Beispiel DDR: Zu den Triebkräften sozialistischer Entwicklung

Eine Überlebensfrage

Von Arnold Schölzel

Martina Pohle (l.) und Meisterin Angela Böhnisch aus der Jugendbrigade „1. Mai“ der Bekleidungswerke „herdas“ Greiz

Martina Pohle (l.) und Meisterin Angela Böhnisch aus der Jugendbrigade „1. Mai“ der Bekleidungswerke „herdas“ Greiz

( Bundesarchiv, Bild 183-1989-0317-014 / Kasper, Jan Peter / CC-BY-SA 3.0)

Die DDR ist auch aus wirtschaftlichen Gründen untergegangen, ökonomisch marode war sie als Ganzes aber nicht. Im Gegenteil: Wenn es so etwas wie ein Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gegeben hat, dann zunächst im östlichen Teil – bis zur krisenhaften Situation in den 1980er Jahren. Für historische Materialisten verbirgt sich hinter diesem Tatbestand die Frage, welche spezifischen Triebkräfte gesellschaftlicher Entwicklung zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Schlechte Ausgangsbedingungen

Denn trotz der im Vergleich zur BRD schlechten Ausgangsbedingungen, trotz Embargopolitik und anderer Störmaßnahmen erreichte die DDR beachtliche wirtschaftliche Ergebnisse. Hier seien nur einige Zahlen herausgegriffen: Ihr Inlandsprodukt pro Kopf betrug 1990 umgerechnet 12700 Euro, das der BRD 22500 Euro. Die DDR lag damit, so der frühere stellvertretende DDR-Minister für Schwerindustrie, Klaus Blessing, verglichen mit den kapitalistischen Ländern auf Platz 14, etwa gleichauf mit Großbritannien und Italien, aber weit vor Spanien, Portugal und Griechenland. In Ostdeutschland existierte 1945 kaum Grundstoff- und Schwerindustrie. Statt Mittel des Marshall-Plans zu erhalten, bestritten Sowjetisch Besetzte Zone (SBZ) und DDR die Reparationszahlungen an die Alliierten fast allein. Die Stationierungskosten mitberechnet, so Jörg Roesler in seiner „Geschichte der DDR“ (2012), „erhielt die Besatzungsmacht 1946 fast die Hälfte (48,8 Prozent) des in der SBZ erzeugten Bruttoszialprodukts“, in der Bundesrepublik war es ein Siebentel (14,6 Prozent). 1949 lagen die Transfers noch bei 20 Prozent im Osten und bei 6 Prozent im Westen. Der Historiker Arno Peters berechnete 1990 eine Summe von 721 Milliarden DM, die die DDR im Grunde von der BRD als Kompensation zu erhalten habe.

Der frühere Forschungschef in der DDR-Zentralverwaltung für Statistik, Gerhard Heske, hat vor 10 Jahren in einer „Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung DDR 1950 bis 1989“ dargestellt, „dass das Bruttoinlandsprodukt der DDR 1989 um 558 Prozent höher war als 1950, in der BRD war es um 534 Prozent höher. Auch das jährliche Wachstum der DDR war höher, selbst in den 80er Jahren.“ Von 1951 bis 1989 erreichte die DDR demnach eine Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von durchschnittlich 4,5 Prozent, die BRD 4,3 Prozent. Dennoch bleibe es Tatsache, dass sich der DDR-Anteil am gesamtdeutschen BIP zwischen 1950 und 1989 nur von 12,5 Prozent auf 12,9 Prozent sehr geringfügig verbesserte. Um den Rückstand aus den Jahren 1949/50 auszugleichen, hätte die DDR je Erwerbstätigem im Schnitt jährlich um 6,2 Prozent wachsen müssen statt um real 3,9 Prozent.

Es waren vor allem Aufrüstung und Kriege des Imperialismus, die auf die DDR unmittelbar einwirkten. So löste der Korea-Krieg in der Bundesrepublik einen Export- und Wirtschaftsboom aus, der als Wirtschaftswunder verklärt wurde. Die DDR dagegen wurde angesichts der Gefahr, die vom Korea-Krieg ausging, von der sowjetischen Führung aufgefordert, ihre Militärausgaben drastisch zu erhöhen. Das hatte Kürzungen im Konsumbereich zur Folge, die mit den Aufstand vom 17. Juni 1953 auslösten.

Nach Stalins Tod ließ Walter Ulbricht, damals Erster Sekretär der SED, Ende 1954 konkrete Pläne für eine beschleunigte Wirtschaftsentwicklung, darunter eine Dezentralisierung des Planungssystems, auf einer Tagung des SED-Zentralkomitees diskutierten. Mit der Konterrevolution in Ungarn und der Destabilisierung in Polen 1956 hatte sich das zunächst erledigt.

Existenzkrise durch Abwanderung

Angesichts der Bedrohungen stützte sich Ulbricht, so beschreibt es Roesler, auf jene in der SED-Führung, die das sowjetische Modell der Wirtschaftsführung – zentrale Planung und administrative Lenkung – auf die DDR übertragen wollten. Diese Politiker, die Roesler „Konservative“ nennt, hätten auf „moralische Anreize“ gesetzt und darauf, „dass die Arbeiter, zur herrschenden Klasse herangewachsen, ein natürliches Interesse an der Steigerung der Produktion und Arbeitsproduktivität hatten“. Entscheidender Hebel war so die Aktivistenbewegung und die Entfaltung eines sozialistischen Wettbewerbs der Arbeitskollektive. Wichtigste Kennziffer war die Bruttoproduktion – nicht immer die Qualität. Die Schaffung sozialistischer Brigaden in den Betrieben stieß auf gute Resonanz. Begleitet war die Offensive, „sozialistisch zu arbeiten und zu leben“, von der Schaffung neuer Verbindungen zwischen Arbeitern und Kultur: Theater schlossen Verträge mit Großbetrieben, Schriftsteller bearbeiteten Themen der Produktion („Bitterfelder Weg“), es entstanden die Zirkel schreibender Arbeiter, junge Autorinnen und Autoren wurden gezielt gefördert.

Zugleich geriet die DDR in der Konkurrenz mit der BRD und auf Grund einer starken Abwanderung Ende der 50er Jahre in eine Existenzkrise. Etwa 2,5 Millionen Menschen verließen bis 1961 den Osten, darunter 1,5 Millionen Facharbeiter und akademisch Ausgebildete, die zu einem großen Teil systematisch abgeworben wurden. Berechnet wurde, dass die DDR dadurch einen wirtschaftlichen Verlust von etwa 120 Milliarden Mark erlitt und die BRD sich rund 16,3 Milliarden DM an Ausbildungskosten sparte.

Reform des Wirtschaftssystems

Nach der Grenzschließung 1961 ging Ulbricht erneut daran, das Wirtschaftssystem der DDR zu refomieren. Im April und Mai 1963 legte eine Gruppe von Politikern und Ökonomen ein Programm vor, das den Titel „Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖSPL oder NÖS) trug. Roesler schreibt dazu: „,Ökonomisch‘ stand gegen ‚administrativ‘, ‚System‘ gegen einzelne Korrekturen, ‚neu‘ wurde im Laufe der Ausarbeitung noch hinzugesetzt, um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, dass es sich beim NÖS … um eine ‚Gedankenrevolution – gewissermaßen der Weg vom Mittelalter zur Aufklärung‘ – handelte.“ Es handelte sich um ein Lenkungssystem, das Plan und Markt auf neue Weise verbinden sollte.

Ulbricht fasste das dahinter stehende theoretische und politische Konzept im Juni 1969 im Vorwort zu dem Buch „Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR“ als „ökonomisches Bewegungsgesetz des Sozialismus“ zusammen. Es verlange „die ständige Erweiterung, Vervollkommnung und Intensivierung der sozialistischen Produktion und Reproduktion auf der Basis des wissenschaftlichen Höchststandes, die Erhöhung der Arbeitsproduktivität und die Senkung der Kosten mit dem Ziel, die sozialistische Ordnung zu stärken, die materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Bürger ständig besser zu befriedigen, ihre Persönlichkeit und ihre sozialistischen gesellschaftlichen Beziehungen zu entfalten“. Übersetzt hieß das: Materielle Interessiertheit von Arbeitern und Betrieben sollte mit sozialistischem Bewusstsein und Verhalten verbunden werden, mit mehr Demokratie, Kultur und Wissenschaft in den Produktionsstätten. Und außerdem, wie Ulbricht betonte, bei Einbeziehung Tausender kleiner selbstständiger Unternehmer, „halbstaatlicher“ Betriebe und Handwerker.

Nach der Ablösung Ulbrichts 1971 wurde zwar wieder eine stärkere Zenralisierung der Planung eingeführt, eine wirkliche Abkehr vom NÖS gab es aber nicht. Verheerend allerdings wirkte sich die Verstaatlichung der etwa 5 000 kleinen privaten und halbstaatlichen Unternehmen 1972 aus. Das geschah offenbar auf Druck Moskaus. Diese Unternehmen beschäftigten laut Roesler 14,3 Prozent aller DDR-Beschäftigten und hatten die Versorgung mit Bedarfsartikeln aller Art gesichert. Zugleich wurde die Investitionsquote drastisch zurückgefahren und für Milliardenbeträge in DM Konsumgüter aller Art – von Jeans bis Autos – importiert. Das lief nicht zuletzt auf den Import westlicher Konsumideologie hinaus.

Bewusstes soziales Handeln

Wie war es unter diesen – hier nur skizzierten – Bedingungen möglich, überhaupt zu einer Wirtschaftsentwicklung wie in der DDR zu kommen? Dass dies mit dem sozialistischen Eigentum an den Produktionsmitteln zu tun hatte, scheint auf der Hand zu liegen. Aber welche spezifischen Triebkräfte ergaben sich daraus? Das führte immer wieder zu Debatten unter Wissenschaftlern, hier sei ein Beispiel herausgegriffen.

So wies der DDR-Philosoph Gottfried Stiehler (1924–2007) 1981 in seinem Buch „Dialektik und Gesellschaft“ darauf hin, es wäre irrig, „anzunehmen, die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise führe automatisch zum Funktionieren der neuen, der höheren Ordnung gemäßen Triebkräfte sozialer Entwicklung“. Der Ausbeutung entspreche objektiv die Tendenz zur Leistungszurückhaltung auf Seiten der Ausgebeuteten, der befreiten Arbeit auf Grundlage sozialistischer Verhältnisse objektiv die Tendenz zur Leistungsentfaltung. Aber dieser Impuls müsse im Sozialismus erstens „bewusst in soziales Handeln umgesetzt werden“ durch „ein ganzes System subjektiver Triebkräfte“. Zweitens müsse „das Leistungsverhalten sozial organisiert werden, das heißt, es muss ein solches System der Planung, Leitung und Organisierung des Handelns der Werktätigen existieren, das die Leistungsbereitschaft und das Leistungsverhalten zu höchsten Ergebnissen im Interesse der ganzen Gesellschaft führt.“ Es seien objektive dialektische Widersprüche in den materiellen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens, die den bestimmenden Impuls der Bewegung und EntwickWlung der sozialistischen Gesellschaft in sich schlössen. Als „unmittelbarer Stachel“ der Entwicklung von sachlichen und personellen Produktivkräften erscheine der Widerspruch von Produktion und Bedürfnis (Konsumtion). Neben anderen Widersprüchen kämen die „antagonistischen Klassenwidersprüche zwischen Sozialismus und Imperialismus“ hinzu. Die Ausschaltung der Ausbeuterklasse ermögliche aber nur abstrakt die „Entfaltung der subjektiven Leistungspotenzen der Werktätigen“. Ohne Einsicht in das Wesen der befreiten Arbeit und in die Übereinstimmung von eigenen und gesellschaftlichen Interessen werde dies nicht wirksam. Diese Einsicht zu erzielen und im praktischen Verhalten zur Wirkung zu bringen, sei Aufgabe der marxistisch-leninistischen Partei der Arbeiterklasse.

„Motiv“ und „Stimuli“

Damit hatte er auch Entwicklungshemmnisse benannt: Erstens kennzeichne eine sozialistische Einstellung zur Arbeit „bei weitem“ noch nicht das Denken und Verhalten aller Werktätigen, zweitens reiche Arbeitsheroismus nicht aus, wenn nicht Planung, Leitung und Produktionsorganisation auf größte Effektivität gerichtet seien. Dann könne Leistungszuwachs wieder zunichte gemacht werden.

Der Autor unterschied in diesem Zusammenhang zwischen „Motiv“ zum Handeln, das sozialen Charakter trage, und den „Stimuli“, die unmittelbar bei den Bedürfnissen und Interessen der einzelnen und der Kollektive ansetzten. Große Bedeutung komme den materiellen Stimuli wie Lohn und Prämienzahlungen zu. Ihre Basis seien die unterschiedlichen Leistungen der Werktätigen, sie führten daher auch zu Unterschieden im materiellen Lebensniveau, obwohl das Ziel in deren Überwindung bestehe. Zugleich ergäben sich auch leistungsmindernde Effekte durch Wegfall der unter Ausbeutung strengen Arbeitsdisziplin und -kontrolle. Ein großes Problem sei die Schaffung einer solchen Atmosphäre in den Betrieben, „die echtem Neuerertum in Produktion und Wissenschaft günstig ist“. Im Kapitalismus sei es „die Zwangsgewalt des Marktes“, die das Gesetz des Handelns aufzwinge, im Sozialismus seien „die zentralen Organe die Sachwalter der Belange und Interessen des Gesellschaftsganzen“, die Selbständigkeit, Initiative und Mut zum Risiko nicht einzuschränken, sondern zu befördern hätten. Stiehler zitierte in diesem Zusammenhang aus einem Zeitungsinterview mit dem international renommierten Werner Gilde (1920 – 1991), damals Direktor des Zentralinstituts für Schweißtechnik in Halle an der Saale aus dem Jahr 1978: „Auf die Frage,Ist die Risikobereitschaft in unserem Lande genügend ausgeprägt?‘ antwortete er: ‚Nein, sie ist nicht genügend ausgeprägt. Wenn Sie einem Ingenieur in der Sowjetunion oder in den USA etwas Neues erzählen, dann denkt der zunächst darüber nach, ‚Brauchen wir das?‘ und ‚Wie können wir das besser machen?’ Bei uns denkt der Ingenieur oft als erstes darüber nach, ‚Was habe ich alles für Scherereien, wenn ich was Neues tue?’.“

Stiehlers Erörterung spiegelt einen Entwicklungsstand des Sozialismus wider, in dem die Entwicklung subjektiver Triebkräfte neu gestellt werden musste. Die Diskussion darüber fand zwar statt, allerdings bis 1989 kaum noch mit ähnlicher Massenwirkung wie 25 Jahre zuvor. Fest steht: Die damals diskutierten Fragen sind für die politische Ökonomie des Sozialismus durch dessen Ende in Europa nicht erledigt, sie sind brennender geworden: Das System der Ausbeutung beruht auf Zerstörung der arbeitenden Subjekte, die Frage nach deren Entfaltung kann es nicht stellen. Diese aber ist mehr und mehr eine Frage des Überlebens der Menschheit.

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"Eine Überlebensfrage", UZ vom 27. September 2019



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