Enttäuschte Erwartung

Wladimir Putins Rede zum 9. Mai, zur traditionellen Parade am „Tag des Sieges“ über Nazideutschland, war eine Enttäuschung. Zumindest für das Heer der Soldschreiber und Hirnverheerer, die schon seit Tagen und Wochen in freier Oszillation über den Inhalt der Rede spekuliert hatten. Putin werde seine Rede nutzen, um 75 Tage nach Beginn der Feindseligkeiten der Ukraine offiziell den Krieg zu erklären, er werde die Generalmobilmachung verkünden, er werde dem Westen mit der nuklearen Option drohen, an der Eskalationsschraube drehen, er werde irgendeinen Sieg verkünden, und sei er noch so gering.

Nichts davon. Stattdessen ein Einstieg, der der Würde des Anlasses gerecht wurde – das Gedenken an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, der unter Millionenopfern erkämpft wurde, und eine Analyse der NATO-Ausdehnung nach Osten, die aus russischer Sicht zusammen mit dem Bürgerkrieg die Intervention im Nachbarland rechtfertige: „Auf diese Weise wurde systematisch eine für uns völlig inakzeptable Bedrohung geschaffen, und zwar direkt an unseren Grenzen. Alles deutete darauf hin, dass ein Zusammenstoß mit den Neonazis, den Banderisten, auf die die USA und ihre Juniorpartner gesetzt hatten, unvermeidlich sein würde. … Russland hat präventiv auf die Aggression reagiert“, rechtfertigte Putin die „militärische Sonder-operation“, wie die offizielle Sprachregelung in der Russischen Föderation nach wie vor lautet.

Der russische Präsident drückte sich auch nicht davor, die Verluste unter russischen Militärangehörigen zu erwähnen. Er nannte die Zahl von 1.351 Gefallenen und versprach den Hinterbliebenen Betreuung und Unterstützung. In die Ehrung der Kämpfer des Weltkriegs bezog er die Angehörigen der alliierten Armeen, die Kämpfer der Résistance und der chinesischen Volksbefreiungsarmee mit ein.

Die „Experten“, Eingeweidedeuter und Laienstrategen in den Nachrichtensendern brauchten einige Minuten, bis ihre Sachkenntnis ein Ventil gefunden hatte. Dann wandten sie sich statt den Inhalten der Putin-Rede der Frage zu, warum denn wohl der „Kreml-Machthaber“ nicht das gesagt haben könnte, was sie vorhergesagt hatten.

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"Enttäuschte Erwartung", UZ vom 13. Mai 2022



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